Die X-Strah­len

Pro­fes­sor Rönt­gen wur­de durch sei­ne Ar­beit welt­be­rühmt

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Wenn Un­sicht­ba­res sicht­bar wird, herrscht Span­nung. Fan­ta­sy-Fans stim­men da ge­nau­so zu wie Phy­si­ker. Das zeigt die fol­gen­de Ge­schich­te. Wil­helm Con­rad Rönt­gen war kein Zau­be­rer, son­dern Pro­fes­sor für Phy­sik an der Uni­ver­si­tät Würz­burg. Er forsch­te über elek­tri­sche La­dun­gen und ahn­te im Win­ter 1895 noch nicht, dass ihn sein jüngs­ter Ver­such welt­be­rühmt ma­chen wür­de. So be­rühmt, dass ei­ne me­di­zi­ni­sche Un­ter­su­chungs­art nach ihm be­nannt wer­den wür­de. Vor 130 Jah­ren gab es ei­nen rich­ti­gen Trend, elek­tri­sche La­dung zu er­for­schen. Man hat­te nach­ge­wie­sen, dass sie vie­le Ei­gen­schaf­ten von Licht be­saß. Um sie sicht­bar zu ma­chen, ar­bei­te­ten For­scher wie Rönt­gen mit Ent­la­dungs­röh­ren. So nann­te man ei­nen Glas­kol­ben, aus dem die Luft her­aus­ge­pumpt wor­den war. An den Glas­kol­ben leg­te Rönt­gen Span­nung und be­ob­ach­te­te, was ge­schah: In der Röh­re bil­de­te sich ein Leucht­strei­fen. Heut­zu­ta­ge kann die Phy­sik den Ef­fekt gut er­klä­ren: Strom floss in­ner­halb des Glas­kol­bens von ei­nem ne­ga­ti­ven zu ei­nem po­si­ti­ven Pol, ähn­lich wie bei ei­ner Bat­te­rie, die auch zwei un­ter­schied­lich ge­la­de­ne Po­le hat. Win­zi­ge La­dungs­teil­chen saus­ten da­bei von ei­ner Sei­te zur an­de­ren. Ehe sie auf den po­si­ti­ven Pol tra­fen, brems­ten sie. Da­bei ent­stand Strah­lung. Ein Teil da­von wur­de als Licht sicht­bar. Ein an­de­rer Teil – nicht. Dem aus dem Rhein­land stam­men­den Phy­si­ker kam der Ver­such des­halb merk­wür­dig vor, denn: Er­höh­te er die Span­nung, leuch­te­ten auch die Au­ßen­wän­de des Glas­kol­bens. Rönt­gen star­te­te den Ver­such er­neut, nach­dem er zu­vor das Glas mit ei­ner schwar­zen Pap­pe um­wi­ckelt hat­te. Ne­ben den Ver­suchs­tisch stell­te er ei­nen fluo­res­zie­ren­den Schirm, der, soll­te Licht aus dem Kol­ben ge­lan­gen, eben­falls auf­leuch­ten wür­de. Da­mit rech­ne­te der For­scher nicht und war um­so über­rasch­ter, als ge­nau das pas­sier­te. Es gab, fol­ger­te Wil­helm Con­rad Rönt­gen, Strah­len, die durch die Pap­pe hin­durch­gin­gen. Mit blo­ßem Au­ge konn­te man sie nicht se­hen. Er nann­te sie X-Strah­len. Im Ja­nu­ar 1896, sechs Wo­chen nach dem Ver­such, schick­te Rönt­gen Fo­tos sei­ner Be­ob­ach­tung an ei­ni­ge Phy­si­ker-Freun­de. Die sprach­los. Die X-Strah­len konn­ten, das hat­te Rönt­gen ge­tes­tet, nicht nur schwar­ze Pap­pe durch­drin­gen, son­dern mensch­li­che Haut – und sie mach­ten die Kno­chen des Ske­letts sicht­bar. Zum Be­weis hat­te der For­scher die Hand sei­ner Ehe­frau 20 Mi­nu­ten lang „be­strahlt“und ein Fo­to ge­macht. Am 23. Ja­nu­ar 1896 hielt Rönt­gen in Würz­burg ei­nen Vor­trag und „röntg­te“die Hand ei­nes Zu­hö­rers. Er be­kam to­sen­den Bei­fall. Zei­tun­gen in ganz Deutsch­land be­rich­te­ten über die „Rönt­gen­strah­len“. Al­le woll­ten den Ef­fekt tes­ten und ein Rönt­gen­bild von sich ma­chen las­sen. Auch der Kai­ser, der Deutsch­land da­mals noch re­gier­te, mel­de­te sich an. Weil Wil­helm Con­rad Rönt­gen dar­auf ver­zich­te­te, sei­ne Er­fin­dung pa­ten­tie­ren zu las­sen, dann hät­te er je­den Nach­bau des Ver­suchs­ap­pa­rats ge­neh­mi­gen müs­sen, wur­den mas­sen­haft Rönt­gen­ge­rä­te ge­fer­tigt. Ei­ni­ge stan­den so­gar in Schuh­ge­schäf­ten, da­mit die Kun­den den Sitz ei­nes neu­en Schuhs am Fuß prü­fen konn­ten. Rönt­gen­strah­len ha­ben die Me­di­zin re­vo­lu­tio­niert. Kno­chen­brü­che las­sen sich durch kein an­de­res Ver­fah­ren so gut dar­stel­len wie beim Rönt­gen. Dass die Strah­len in zu gro­wa­ren ßen Men­gen den Zel­len des mensch­li­chen Kör­pers scha­den, fan­den die For­scher erst Jahr­zehn­te spä­ter her­aus. Des­halb wer­den Rönt­gen­bil­der bei er­wach­se­nen Men­schen nicht zu häu­fig ge­macht – und bei Kin­dern noch sel­te­ner, da sie im Wachs­tum sind – nur dann, wenn es dar­um geht, dass ei­nem kran­ken oder ver­letz­ten Men­schen schnell und ge­zielt ge­hol­fen wer­den kann. Ein ein­zel­nes Rönt­gen­bild ist kei­ne Ge­fahr für die Ge­sund­heit und auch die Tech­nik ist viel bes­ser ge­wor­den. For­scher ha­ben be­rech­net, dass sei­ne Strah­lungs­men­ge et­wa so hoch ist wie die ei­nes Flu­ges von Frank­furt am Main nach New York und zu­rück. Denn auch in der At­mo­sphä­re exis­tiert für un­se­re Au­gen un­sicht­ba­re Strah­lung. Ehe der Flie­ger ab­hebt, kom­men Rönt­gen­strah­len bei der Ge­päck­kon­trol­le am Flug­ha­fen zum Ein­satz. Im Eng­li­schen nennt man sie „X-rays“, X-Strah­len, wie es Wil­helm Con­rad Rönt­gen for­mu­lier­te. Au­ßer in der Me­di­zin und in der Si­cher­heits­tech­nik ver­wen­den Archäo­lo­gen Rönt­gen­strah­len, um Fun­de zu durch­leuch­ten. Das hilft, wenn ein Fund stark be­schä­digt oder ver­schmutzt ist. In­dem sich der For­scher den Durch­blick ver­schafft, kann er leich­ter ent­schei­den, wie ein Stück re­stau­riert wer­den muss, da­mit es mög­lichst ori­gi­nal er­hal­ten wird. So ähn­lich, wie sich ein Arzt ein Bild von dem Kno­chen macht, ehe er ihn „re­pa­riert“. Wie au­ßer­ge­wöhn­lich Wil­helm Con­rad Rönt­gens Ent­de­ckung ge­we­sen ist, die das Un­sicht­ba­re sicht­bar mach­te, zeigt sei­ne Aus­zeich­nung mit dem No­bel­preis im Jahr 1901: Sie war ei­gent­lich ge­gen die Re­gel! Denn die­se ver­langt, dass Wis­sen­schaft­ler nur für Er­geb­nis­se aus dem lau­fen­den Jahr ge­ehrt wer­den kön­nen. Die X-Strah­len hat­te Rönt­gen aber schon sechs Jah­re zu­vor erst­mals nach­ge­wie­sen.

Wil­helm Con­rad Rönt­gen in sei­nem La­bor. Er war Pro­fes­sor für Phy­sik an der Uni­ver­si­tät Würz­burg und forsch­te über elek­tri­sche La­dun­gen. Im Win­ter 1895 ahn­te er noch nicht, dass ihn sein jüngs­ter Ver­such welt­be­rühmt ma­chen wür­de. Fo­tos/Co­py­right: Deut­sches Rönt­gen-Mu­se­um

Links se­hen wir das ers­te Rönt­gen­bild der Welt: Die von Wil­helm Con­rad Rönt­gen ent­deck­ten Strah­len gin­gen auch durch die mensch­li­che Haut und mach­ten die Kno­chen sicht­bar. Der For­scher „röntg­te“dar­auf­hin die Hand (mit Ring) sei­ner Ehe­frau Ber­tha. Rechts Rönt­gens La­bor in Würz­burg.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.