Auf­ge­ben war nie ei­ne Op­ti­on

Sven­ja Würths Hart­nä­ckig­keit wird be­lohnt

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sport - Pe­ter Tre­bing

Der SV Bai­ers­bronn und das Ski­sprin­gen der Frau­en – das ist ei­ne Kom­bi­na­ti­on, die schon seit Jah­ren gut funk­tio­niert. Schon lan­ge be­vor die Ver­bands­funk­tio­nä­re sich da­zu durch­rin­gen konn­ten, den Wei­ten­jä­ge­rin­nen den Zu­gang zu gro­ßen Wett­be­wer­ben wie Welt­cup, Welt­meis­ter­schaf­ten oder Olym­pia zu ge­stat­ten, konn­te sich der SV Bai­ers­bronn hier­zu­lan­de als ei­ner der Pio­nie­re für die Frau­en in der eins­ti­gen Män­ner­do­mä­ne pro­fi­lie­ren. Als Mit­ver­an­stal­ter des „FIS-La­dies-Gran­dP­rix“(vor­her un­ter dem Na­men „FIS-La­diesWin­ter-Tour­nee“or­ga­ni­siert) war man von 1999 bis 2010 re­gel­mä­ßig Aus­rich­ter der Sprin­gen von der Gro­ßen Ru­he­stein­schan­ze. Die do­mi­nie­ren­den weib­li­chen Stars der jun­gen Ski­sprin­ge­rin­nen-Sze­ne wie Anet­te Sa­gen (Nor­we­gen), Lind­sey Van (USA) oder Da­nie­la Irasch­ko (Ös­ter­reich) wa­ren Dau­er­gäs­te in Bai­ers­bronn. Mit­hal­ten konn­te aus deut­scher Sicht da­mals nur Ul­ri­ke Gräß­ler, die in­zwi­schen so star­ken Ja­pa­ne­rin­nen tauch­ten in den Er­geb­nis­lis­ten nur weit hin­ten auf. Doch mit dem Auf­stieg der Frau­en im An­se­hen der Funk­tio­nä­re be­gann auch der Ab­stieg des Frau­en-Ski­sprin­gens am Ru­he­stein. Als die ers­ten Welt­cup-Punk­te ver­ge­ben wur­den, war der SV Bai­ers­bronn als Ver­an­stal­ter au­ßen vor. Nicht aber die ei­ge­nen Ath­le­tin­nen. Mag­da­le­na Schnurr aus Büh­ler­tal et­wa wur­de als Star­te­rin für den SV Bai­ers­bronn im Jahr 2008 mit ge­ra­de ein­mal 16 Jah­ren deut­sche Dop­pel­meis­te­rin (Ein­zel und Mann­schaft) und si­cher­te sich ein Jahr spä­ter den WM-Ti­tel bei den Ju­nio­rin­nen. Ih­re per­sön­li­che Best­wei­te lag bei 133 Me­ter, doch die ganz gro­ßen Ti­tel blie­ben ihr ver­wehrt. Nach ei­nem schwe­ren Sturz blieb sie der Schan­ze fern und be­en­de­te schon im Jahr 2010 ih­re Kar­rie­re. Eben­falls für den SV Bai­ers­bronn star­te­te auch Me­la­nie Faißt, de­ren Bru­der Ma­nu­el bei den Nor­di­schen Kom­bi­nie­rern mit­mischt. Doch nach ver­pass­ter Olym­pia-Qua­li­fi­ka­ti­on zog sie sich 2014 vom Ski­sprin­gen zu­rück. Ih­re Best­wei­te liegt bei 138 Me­ter – er­zielt im Jahr 2009 in Ti­ti­see-Neu­stadt. Zwei deut­sche Meis­ter­schaf­ten (ein­mal im Ein­zel, ein­mal mit der Mann­schaft) sind ih­re größ­ten sport­li­chen Er­fol­ge. Ver­let­zun­gen und Trai­nings­stür­ze ver­un­si­cher­ten die Hoff­nungs­trä­ge­rin und war­fen sie sport­lich aus der Bahn. Die größ­ten Er­fol­ge für die deut­schen Ski­sprin­ge­rin­nen gin­gen in die­ser Zeit auf das Kon­to von Ca­ri­na Vogt, die 2014 in Sot­schi die ers­te Olym­pia­sie­ge­rin im Ski­sprin­gen wur­de, ein Jahr spä­ter leg­te sie im schwe­di­schen Fa­lun zwei WM-Ti­tel nach (Ein­zel und Mi­xed). Ei­ne ih­rer der­zeit größ­ten na­tio­na­len Kon­kur­ren­tin­nen heißt Sven­ja Würth – und auch die star­tet für den SV Bai­ers­bronn. Aktuell ist sie mit dem DSV-Ka­der in Ja­pan im Ein­satz. Ver­gan­ge­ne Wo­che war sie beim Welt­cup in Oberst­dorf als Sieb­te im zwei­ten Sprin­gen so­gar bes­te Deut­sche – noch vor Ca­ri­na Vogt (8.) und Kat­ha­ri­na Alt­haus (10.). Und auch Platz zwölf in der Ge­samt­wer­tung des Welt­cups do­ku­men­tiert die der­zeit gu­te Form der deut­schen Meis­te­rin von 2012. Die heu­te 23Jäh­ri­ge gilt als ei­ne der Kan­di­da­tin­nen für die Plät­ze hin­ter der mo­men­tan über­ra­gen­den Ja­pa­ne­rin Sa­ra Ta­kanashi bei der Welt­meis­ter­schaft in Lah­ti (Finn­land). Bei­na­he hät­te Sven­ja Würth so­gar per­sön­lich fest­stel­len kön­nen, wie es sich an­fühlt, Welt­meis­te­rin zu

Die Ski­sprin­ge­rin hat noch gro­ße Am­bi­tio­nen

sein. Doch 2012 (Sil­ber) und 2013 (Bron­ze) ver­pass­te sie bei den Ju­nio­ren­welt­meis­ter­schaft mit dem deut­schen Team den Ti­tel knapp. Dass die jun­ge Wei­ten­jä­ge­rin, de­ren bis­her bes­ter Sprung bei 137 Me­ter en­de­te, über­haupt noch das Ri­si­ko auf der Schan­ze sucht, wun­dert aber doch. Im Ja­nu­ar 2014 stand nicht nur ih­re Kar­rie­re auf der Kip­pe. Bei ei­nem Trai­nings­sprung in der Nä­he der rus­si­schen Stadt Tschai­kow­ski pas­siert das, was al­le Ski­sprin­ger fürch­ten – sie ver­lor die Kon­trol­le bei der Lan­dung und stürz­te hart auf die Pis­te. Würth: „Ei­ne Wind­böe hat mich er­wischt. Al­les ging blitz­schnell, ich ha­be es kaum rea­li­siert.“Die scho­ckie­ren­de Dia­gno­se nach ei­ner Com­pu­ter­to­mo­gra­phie: Der sechs­te Hals­wir­bel ist ge­bro­chen. Per He­li­ko­pter und Le­ar­jet wird sie nach Mün­chen trans­por­tiert. Bei ei­ner Ope­ra­ti­on wird der sechs­te Hals­wir­bel durch ein so­ge­nann­tes Ti­tan­körb­chen er­setzt und die Wir­bel­säu­le sta­bi­li­siert. Mo­na­te­lang fällt Sven­ja Würth aus, doch den Traum von den Olym­pi­schen Spie­len 2018 träumt sie wei­ter. Auch die Rück­kehr steht für sie nicht in­fra­ge, nach fünf Mo­na­ten steigt sie wie­der ins Trai­ning ein. Selbst in Tschai­kow­ski wagt sie sich im Sep­tem­ber 2016 wie­der auf die „Ram­pe“, nach­dem sie we­ni­ge Ta­ge zu­vor ih­re Aus­bil­dung zur Po­li­zei­meis­te­rin ab­ge­schlos­sen hat. So viel steht fest: Auf­ge­ben ist nicht ihr Ding. Und be­vor sie sich auf die Olym­pia-Qua­li­fi­ka­ti­on 2018 (Süd­ko­rea) kon­zen­triert, heißt das Nah­ziel Lah­ti. Am Don­ners­tag, 23. Fe­bru­ar, geht es um die Qua­li­fi­ka­ti­on fürs WM-Fi­na­le. Ei­nen Tag spä­ter, am 24. Fe­bru­ar, heißt es dann wohl: Sa­ra Ta­kanashi ge­gen den Rest der Ski­sprin­ge­rin­nen-Welt. Und wenn al­les gut läuft, wird auch Sven­ja Würth ihr Bes­tes ge­ben, um der Ja­pa­ne­rin das Sie­gen ziem­lich schwer zu ma­chen.

In Oberst­dorf war sie die bes­te deut­sche Ski­sprin­ge­rin und ließ so­gar Olym­pia­sie­ger Ca­ri­na Vogt hin­ter sich: Sven­ja Würth, de­ren Kar­rie­re nach ei­nem Hals­wir­bel­bruch schon be­en­det schien. Fo­to: ima­go/Eib­ner

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