Zwei Ta­ge Hun­ger­kost

Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv zeigt Ori­gi­nal-Do­ku­men­te aus Schloss Fle­hin­gen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

n Schloss Fle­hin­gen bei Bret­ten wur­de 1889 ei­ne „Zwangs­er­zie­hungs­an­stalt für ju­gend­li­che Ver­wahr­los­te männ­li­chen Ge­schlechts“ein­ge­rich­tet. Ei­nen Ein­druck da­von, wie es in der zeit­wei­se größ­ten ba­di­schen Für­sor­ge­er­zie­hungs­an­stalt in Ober­der­din­gen zu­ging, kann man sich jetzt im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karls­ru­he (GLA) ver­schaf­fen. Denn das GLA hat die Wan­der­aus­stel­lung „Ver­wahr­lost und ge­fähr­det“mit Ori­gi­nal-Do­ku­men­ten aus dem ei­ge­nen Be­stand er­gänzt. Sie sind zum ers­ten Mal öf­fent­lich zu se­hen. Aus­ge­stellt ist un­ter an­de­rem der Be­richt ei­nes Groß­her­zog­li­chen Be­zirks­arz­tes aus dem Jah­re 1913. Aus ihm geht her­vor, dass der Fle­hin­ger „Zög­ling Ott“mit „zwei Ta­gen Hun­ger­kost, drei Ta­gen Ar­rest und har­ter La­ger­stät­te be­straft wur­de“. Nach­dem der Jun­ge sich bei sei­ner „Vor­füh­rung“dar­über be­schwert ha­tSchatz“ te, dass die Luft in dem Raum so schlecht gewesen sei, „dass man es in dem­sel­ben nicht aus­hal­ten kön­ne“, ging der Arzt der Sa­che nach. Er stell­te fest, dass „ver­trock­ne­te und ver­schim­mel­te Kot­mas­sen“im Ofen Ur­sa­che der „un­ge­sun­den Aus­düns­tun­gen“wa­ren. Auch an­de­re von GLA-Vi­ze­chef Jür­gen Tref­f­ei­sen aus­ge­wähl­te Do­ku­men­te be­leuch­ten schlag­licht­ar­tig die re­pres­si­ven Er­zie­hungs­me­tho­den der Ver­gan­gen­heit. „Über 10000 Zög­lings­ak­ten aus Fle­hin­gen wer­den in un­se­rem Haus auf­be­wahrt“, sagt GLA-Lei­ter Wolf­gang Zim­mer­mann. Der noch weit­ge­hend un­ge­ho­be­ne „Archiv- do­ku­men­tiert über na­he­zu 100 Jah­re hin­weg die Le­bens­um­stän­de der Fle­hin­ger Heim­kin­der. 1985 wur­de das Er­zie­hungs­heim mit zu­letzt 70 Wohn­plät­zen in ein Bil­dungs­zen­trum des Lan­des­wohl­fahrts­ver­ban­des um­ge­wan­delt. Drei Zög­lin­gen von Schloss Fle­hin­gen wid­met die Aus­stel­lung im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv be­son­de­re Auf­merk­sam­keit. Zwei da­von wur­den dort in der Wei­ma­rer Zeit „er­zo­gen“– der ei­ne wur­de spä­ter über­zeug­ter Na­tio­nal­so­zia­list, der an­de­re als kom­mu­nis­ti­scher Wi­der­stands­kämp­fer hin­ge­rich­tet. Der drit­te – Jo­sef We­ber – kam 1959 ins Heim, nach­dem er ei­nes Dieb­stahls über­führt wor­den war. Der Mann, dem das ärzt­li­che Gut­ach­ten bei der Ein­wei­sung „er­höh­tes Gel­tungs­stre­ben“be­schei­nig­te, er­rang in den 1970er Jah­ren zwei­fel­haf­ten Ruhm als der „Wun­der­hei­ler von Schut­ter­wald“.

Ein Zög­ling wur­de als Wun­der­hei­ler be­kannt

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