Fahr-Ge­mein­schaft

Röhrl/Geist­dör­fer: Das Dream­team des Ral­lye­sports

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SPORT - Man­fred Spitz

Wal­ter Röhrl: Fah­rers-Ass und Ral­ly­eI­ko­ne. Doch die größ­ten Er­fol­ge sei­ner Kar­rie­re wä­ren oh­ne ei­nen an­de­ren Mann nicht mög­lich gewesen: Chris­ti­an Geist­dör­fer – Röhrls kon­ge­nia­ler Bei­fah­rer. Ei­ner, der nicht nur die nächs­te Kur­ve an­sagt. Ei­ner, der mehr als nur ein Vor­le­ser ist. Ge­mein­sam star­ten Röhrl/Geist­dör­fer von 1977 bis 1987 für Fi­at, Opel, Mer­ce­des, Lan­cia, Au­di. Das Dream­team ge­winnt vier Mal die Ral­lye Mon­te Car­lo – und wird zwei­mal Ral­lye-Welt­meis­ter.

Buchtipp: „Wal­ter und ich“– der Co­pi­lot er­zählt

Über Wal­ter Röhrl, den Pi­lo­ten, und Chris­ti­an Geist­dör­fer, den Na­vi­ga­tor, ist schon viel ge­schrie­ben wor­den. Röhrl selbst hat sei­ne Er­in­ne­run­gen be­reits im Jahr 2003 zu Pa­pier ge­bracht. Jetzt aber liegt zum ers­ten Mal ein Be­richt aus der „In­nen­sicht“des Man­nes auf dem Bei­fah­rer­sitz vor. Chris­ti­an Geist­dör­fer er­zählt aus der „ers­ten Rei­he“über die Tricks ei­nes krea­ti­ven Bei­fah­rers, über Un­fäl­le und Glücks­fäl­le. Chris­ti­an Geist­dör­fer (wird am 1. Fe­bru­ar 64) war für Wal­ter Röhrl (wird am 7. März 70) ein ab­so­lu­ter Glücks­fall. Nicht jeD­röh­nen der Co-Pi­lot or­ga­ni­siert so viel für sei­nen Fah­rer, er­leich­tert ihm sei­ne Ar­beit, op­ti­miert längst eta­blier­te Vor­gän­ge. Mit der ihm ei­ge­nen Akri­bie hat Geist­dör­fer nun auch sein Buch „Wal­ter und ich“auf den Weg ge­bracht. Er hin­ter­fragt Ge­sche­he­nes, nimmt kein Blatt vor den Mund und lässt die Que­re­len in­ner­halb der Teams eben­so Re­vue pas­sie­ren wie die Un­zu­läng­lich­kei­ten der Ver­an­stal­ter, die schließ­lich zum En­de des Ral­lye­sports führ­ten, wie man ihn ge­kannt hat. Rück­blen­de: Es ist der 25. Ja­nu­ar 1980, Chris­ti­an Geist­dör­fer er­in­nert sich: „Wal­ter und ich ha­ben zum ers­ten Mal die Ral­lye Mon­te Car­lo ge­won­nen. Ei­ne der be­deu­tends­ten und äl­tes­ten Mo­tor­sport-Ver­an­stal­tun­gen der Welt, auf ei­ner Stu­fe mit In­dia­na­po­lis und Le Mans. Der Po­kal ist der Gral des Ral­lye­sports. Wir ha­ben Ber­nard Dar­ni­che im Lan­cia Stra­tos mit zehn Mi­nu­ten Vor­sprung ge­schla­gen, un­se­ren Team­kol­le­gen Björn Wal­de­gard hin­ter uns ge­las­sen... Wir ha­ben un­se­ren Traum wahr wer­den las­sen. Da sit­zen wir nun, fah­ren in un­se­rem Fi­at 131 Abarth dem Ziel am Ha­fen von Mon­te Car­lo ent­ge­gen . ... Wir spre­chen nicht, im Au­to ist mit ei­nem Ma­le ei­ne merk­wür­di­ge Stil­le, das des Mo­tors ist ir­gend­wo drau­ßen. Weit weg. Über un­se­re Emo­tio­nen an die­sem Tag wer­den wir nicht mit­ein­an­der spre­chen, kein Wort dar­über ver­lie­ren . ... Wir rol­len die letz­ten Me­ter zum Ha­fen von Mon­te Car­lo, wo uns ei­ne rie­si­ge Men­schen­men­ge er­war­tet. In die­sem Au­gen­blick fällt al­les von mir ab, ei­ne Wel­le von Jour­na­lis­ten, Funk­tio­nä­ren und Fans bricht über Wal­ter und mich hin­ein . ... Ich re­gis­trie­re nur noch die gro­ßen Be­we­gun­gen, für die De­tails ha­be ich kei­nen Blick mehr. Das hier ist ein­fach zu groß, das größ­te, was ich in meinem Le­ben er­reicht ha­be und er­le­ben darf.“Ih­ren ers­ten ge­mein­sa­men Sieg bei ei­nem WM-Lauf ha­ben Röhrl/Geist­dör­fer bei der Akro­po­lis-Ral­lye 1978 in Grie­chen­land ge­fei­ert. Doch wie kam es über­haupt zur sport­li­chen Part­ner­schaft des le­gen­dä­ren deut­schen Ral­lye-Teams? Wie kam Chris­ti­an Geist­dör­fer zur Rol­le des Co­pi­lo­ten? Wie ha­ben sich die bei­den Bay­ern zu ih­ren Er­fol­gen vor­ge­fah­ren? Und was macht ein Bei­fah­rer ei­gent­lich kon­kret? Chris­ti­an Geist­dör­fer be­schreibt es so: „Wir fun­gie­ren als Bin­de­glied zwi­schen zwi­schen Pi­lot und ... Um­feld. Am En­de sind wir es, die al­le De­tails ma­na­gen und den Über­blick be­wah­ren. Wir spie­len al­so ei­ne Rol­le, die weit über die des ‚Vor­le­sers‘ hin­aus­geht... Wir Bei­fah­rer sind al­so Mul­ti­tas­ker, nicht nur in den Renn­pau­sen, son­dern auch mit­ten in der Ac­tion, und ver­su­chen al­le or­ga­ni­sa­to­ri­schen Din­ge vom Fah­rer fern­zu­hal­ten.“Oder an­ders aus­ge­drückt: „Der Fah­rer ge­winnt Ral­lyes – der Bei­fah­rer ver­liert Ral­lyes!“Aus der Sicht des Co­pi­lo­ten ge­lingt es Chris­ti­an Geist­dör­fer, die Fas­zi­na­ti­on und Dra­ma­tik des Ral­lye­sports (in sei­ner Glanz­zeit) mit sehr per­sön­li­chen Ein­bli­cken Sei­te für Sei­te le­ben­dig wer­den zu las­sen. Das Buch „Wal­ter und ich“ist gut und un­ter­halt­sam ge­schrie­ben. Es bril­liert mit hoch in­ter­es­san­tem Le­se­stoff, star­ken Fo­tos aus den 1970er und 1980er-Jah­ren, und ei­nem kla­ren Lay­out. Viel Hin­ter­grund­ma­te­ri­al, dar­un­ter Aus­zü­ge aus Geist­dör­fers „Ge­bet­bü­chern“(mit Er­läu­te­rung des er­folg­rei­chen Auf­schrieb-Sys­tems) so­wie Ori­gi­nal­do­ku­men­te, run­den die­ses emp­feh­lens­wer­te Buch ab.

Mit dem Lan­cia im Grü­nen: Die­ses zeit­geis­ti­ge Bild von Chris­ti­an Geist­dör­fer (links) und Wal­ter Röhrl ent­stand im Jahr 1978 wäh­rend ei­nes Fo­to­shoo­tings für das Her­ren­ma­ga­zin „lui“.

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