„Der Schmerz bleibt“

Aus­stel­lung über die Heim­er­zie­hung im Süd­wes­ten

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Durch Zu­fall ha­be ich die­se Aus­stel­lung ent­deckt und fra­ge mich, war­um es mich heu­te hier­her ver­schla­gen hat. Ich zit­te­re wie Espen­laub und Trä­nen schie­ßen in mei­ne Au­gen. Die­sen see­li­schen Schmerz wird man nie­mals über­win­den...“. Im Gäs­te­buch zur Wan­der­aus­stel­lung „Ver­wahr­lost und ge­fähr­det? Heim­er­zie­hung in Ba­den-Würt­tem­berg 1949–1975“ist die­ser Ein­trag zu fin­den. Ein ehe­ma­li­ges Heim­kind hat die Wor­te ge­schrie­ben, als die Aus­stel­lung des Lan­des­ar­chivs im Lud­wigs­burg Sta­ti­on mach­te. Jetzt ist sie im Ge­ne­ral­lan­des­ar­chiv Karls­ru­he zu se­hen. Bis 30. März er­mög­licht die Prä­sen­ta­ti­on ei­nen un­ge­schmink­ten Blick in die Säug­lings-, Kin­der- und Ju­gend­hei­me mit ih­ren da­mals ri­gi­den und teil­wei­se ent­wür­di­gen­den Er­zie­hungs­me­tho­den. Une­he­lich ge­bo­ren, die El­tern ge­schie­den, fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten, die Mut­ter be­rufs­tä­tig, der Va­ter ar­beits­los, Schul­pro­ble­me, Lie­bes­be­zie­hun­gen im Ju­gend­al­ter: Die Mess­lat­te für ei­ne Ein­wei­sung ins Heim lag bis in die 1970er Jah­re hin­ein nied­rig. Ent­spre­chend eng ging es in den über 600 Säug­lings-, Kin­der- und Ju­gend­hei­men in Ba­denWürt­tem­berg zu. Zu we­nig und oft über­for­der­tes Per­so­nal, ei­ne un­zu­rei­chen­de fi­nan­zi­el­le Aus­stat­tung der Hei­me und die Über­zeu­gung, dass „ver­wahr­los­te“und ge­fähr­de­te Kin­der ei­ne stren­ge Hand brauch­ten, er­ga­ben ei­ne bri­san­te Mi­schung. Zu­mal Prü­gel­stra­fen als Mit­tel der Er­zie­hung da­mals ge­sell­schaft­lich ak­zep­tiert wa­ren. So be­gann für vie­le Kin­der mit der Hei­mein­wei­sung ein Spieß­ru­ten­lauf aus Ein­schüch­te­rung, De­mü­ti­gung und kör­per­li­cher Ge­walt. Ein­drü­cke vom All­tag im Heim ver­mit­telt die Aus­stel­lung an­hand von Fo­tos, Ak­ten­aus­zü­gen und an­de­ren Do­ku­men­ten, Ob­jek­ten so­wie Zeit­zeu­gen­be­rich­ten – Be­trof­fe­ne kom­men un­ter an­de­ren im ei­nem 35-mi­nü­ti­gen Film zu Wort. Auch Mo­men­te des Glücks leuch­ten in der sonst oft be­drü­cken­den Aus­stel­lung auf. Für in­di­vi­du­el­le För­de­rung und mensch­li­che Zu­wen­dung blieb in den Ein­rich­tun­gen we­nig Zeit. Zu­gleich drängt sich der Ein­druck auf, dass vie­le Heim­kin­der von vorn­her­ein als „blö­de“, „frech“oder „erb­bio­lo­gisch vor­be­las­tet“ab­ge­stem­pelt wur­den. So fin­det sich in der „Zög­lings­ak­te“ei­nes Jun­gen, der bei ei­nem Ar­beits­ein­satz ein Bein ver­lor, die Beur­tei­lung: „Er wirkt wi­der­spens­tig und vor­laut. Sau­ber­keit und Ord­nung las­sen sehr zu wün­schen üb­rig. Er scheint mir auch in sitt­li­cher Hin­sicht et­was an­ge­schla­gen zu sein und ver­kin­der sucht auf Grund sei­ner Am­pu­ta­ti­on über­all Mit­leid und Vor­tei­le raus­zu­schla­gen... Wei­ter­hin nässt er fast je­de Nacht ein.“Dass sie ein Heim­kind wa­ren, ha­ben Be­trof­fe­ne oft lan­ge ver­schwie­gen. Aus Scham. Oder aus Angst vor Stig­ma­ti­sie­rung. Manch­mal wuss­ten selbst die Ehe­part­ner nicht Be­scheid. Doch durch die öf­fent­li­che Dis­kus­si­on in der Fol­ge des Miss­brauchskan­dals an der Oden­wald­schu­le ha­ben ver­mehrt Heim­kin­der die Kraft ge­fun­den, sich ih­rer Ver­gan­gen­heit zu stel­len. Das Lan­des­ar­chiv in Stutt­gart un­ter­stützt seit 2012 Be­trof­fe­ne im Rah­men des Pro­jekts „Heim­er­zie­hung in Ba­den-Würt­tem­berg 1949–1975“bei der Re­cher­che von Da­ten und Ak­ten. Den Men­schen ge­he es meist vor al­lem dar­um, „ih­re ei­ge­ne Bio­gra­fie wie­der­zu­ent­de­cken“, sagt Cle­mens Rehm vom Lan­des­ar­chiv. Denn et­li­che Be­trof­fe­ne be­sit­zen we­nig bis gar nichts Greif­ba­res aus ih­rer Kind­heit – kei­ne Fo­tos, kein Spiel­zeug. Man­che wis­sen nicht ein­mal, war­um sie ein­ge­wie­sen wur­den und in wel­chem Säug­lings­heim sie ih­re ers­ten Le­bens­jah­re ver­brach­ten. Ei­ne be­rüh­ren­de Ge­schich­te er­zählt Na­stas­ja Pilz. Die Ku­ra­to­rin der Wan­der­aus­stel­lung hat selbst meh­re­re hun­dert ehe­ma­li­ge Heim- bei ih­rer Spu­ren­su­che be­glei­tet. Dar­un­ter sei ei­ne Ba­de­ne­rin gewesen, die sich fast ihr gan­zes Le­ben lang für ein ver­sto­ße­nes Kind ge­hal­ten hat­te. Es ge­lang, ih­re Ak­te aus­fin­dig zu machen – und dar­in be­fand sich ein gan­zes Bün­del Brie­fe: Die le­di­ge Mut­ter hat­te sich über Jah­re hin­weg re­gel­mä­ßig nach dem Be­fin­den ih­res Töch­ter­leins er­kun­digt, doch die Heim­lei­tung hielt die Schrei­ben un­ter Ver­schluss. So hat die Toch­ter erst als über 70-Jäh­ri­ge er­fah­ren: „Ich war ihr doch nicht egal.“Mo­sa­ik­ar­tig ver­mit­telt die Aus­stel­lung „Ver­wahr­lost und ge­fähr­det?“den ak­tu­el­len For­schungs­stand zu den Ge­scheh­nis­sen in ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Kin­der­hei­men von 1949 bis 1975. Man kann die Prä­sen­ta­ti­on aber auch als Plä­doy­er für ei­ne Kul­tur des Hin­se­hens ver­ste­hen. Zwar ar­bei­tet die Kin­de­r­und Ju­gend­hil­fe heu­te an­ders als vor 40, 50 Jah­ren – doch die Ge­fahr von Grenz­ver­let­zun­gen und Über­grif­fen ist nie ganz zu ban­nen. Wie auch Mecha­nis­men der Ver­tu­schung fort­wir­ken. Was das für Fol­gen ha­ben kann, wird aus vie­len in die Aus­stel­lung ein­ge­ar­bei­te­ten Zi­ta­ten von Men­schen deut­lich, die mit die­sen Er­fah­run­gen le­ben (müs­sen). Der ein­gangs er­wähn­te Gäs­te­buch­ein­trag des ehe­ma­li­gen Heim­kinds en­det üb­ri­gens so: „Heu­te bin ich 53 Jah­re und aus mir ist auch ,was ge­wor­den’. Doch die Jagd nach Lie­be wird im­mer blei­ben. Dan­ke für die­se Aus­stel­lung.“

Ver­wahr­lost und ge­fähr­det?

In vie­len Hei­men der 1950er und 1960er Jah­re be­gann der Tag mit ge­mein­sa­mer Kör­per­hy­gie­ne. Zahl­rei­che ehe­ma­li­ge Heim­kin­der den­ken noch heu­te schau­dernd dar­an, dass es prak­tisch kei­ne Pri­vat­sphä­re gab. Vor­la­ge: Lan­des­kirch­li­ches Archiv Stutt­gart, P 8825.

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