Dia­lekt und no eb­bes

Was ist ty­pisch schwä­bisch? Spu­ren­su­che rund ums Kli­schee hat Kon­junk­tur

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Tho­mas Liebs­cher

Ein Win­zer in Tü­bin­gen trifft auf ei­nen Uni-Pro­fes­sor, der zur Zeit der Le­se im Wein­berg her­um­spa­zier­te: „Machscht, dass aus meim Wen­gert naus­kommscht, oder i schlag dr d’Fi­aß ab, dass da auf de Sch­tom­pa ho­im­kratt­le mu­escht.“Der ver­ängs­tig­te Pro­fes­sor ent­schul­digt sich wort­reich auf hoch­deutsch und schließt, dass es ihm sehr leid­tue. Dar­auf der Win­zer be­ru­hi­gend: „Drom sagt mers ja im Gu­te.“In die­sem Witz ver­ei­ni­gen sich ei­ni­ge Kli­schees über den Schwa­ben: Do­mi­nie­rend und manch­mal bra­chi­al auf­tre­tend, den ei­ge­nen Ty­pus sehr ernst neh­mend und vor al­lem am kräf­ti­gem Dia­lekt übe­r­all er­kenn­bar. Das Ge­gen­stück zum schimp­fen­den Win­zer trifft der Tü­bin­ger Pro­fes­sor viel­leicht im Trep­pen­haus: ei­ne stän­dig plap­pern­de,

Gro­ße Aus­stel­lung über Schwa­ben in Stutt­gart

leicht kräch­zen­de Schwert­gosch, die auf die Ein­hal­tung der Kehr­wo­che hin­weist. Den Witz vom Win­zer er­zählt ein Sprach­wis­sen­schaft­ler in sei­ner Ein­füh­rung ins „Schwä­bi­sche“. Hu­bert Klaus­mann, Pro­fes­sor in Tü­bin­gen, bringt das Kunst­stück fer­tig, Er­kennt­nis­se rund um die Mun­d­art ver­ständ­lich wei­ter­zu­ge­ben. Kein Wun­der, dass Klaus­manns Ver­mitt­lungs­kunst in an­de­ren Zu­sam­men­hän­gen eben­falls ge­fragt ist. Et­wa in der ak­tu­ell lau­fen­den gro­ßen Stutt­gar­ter Aus­stel­lung „Die Schwa­ben zwi­schen My­thos und Mar­ke.“In die­ser üp­pi­gen Rund­um­schau ist der Mun­d­art viel Platz ein­ge­räumt, so­gar ein „Sprach­la­bor“steht zur Ver­fü­gung. Zu ler­nen ist bei­spiels­wei­se, dass Schwä­bisch ein Dia­lekt in­ner­halb des Ale­man­ni­schen ist. Das in Mit­tel- und Süd­ba­den ge­spro­che­ne Ale­man­nisch und das Schwä­bi­sche zwi­schen Bo­den­see und Stutt­gart sind al­so eng mit­ein­an­der ver­wandt – so wie es ja auch die Fast­nachts­bräu­che sind. Auf der po­li­tisch-geo­gra­fi­schen Ebe­ne wur­de Jahr­hun­der­te nur von Schwa­ben ge­spro­chen, wenn es um die Mit­te und den Sü­den des heu­ti­gen Ba­den-Würt­tem­berg ging (der nörd­li­che Teil war im Her­zog­tum Fran­ken ver­bun­den und ist bis heu­te, je­den­falls was den Dia­lekt an­geht, tat­säch­lich frän­kisch ge­prägt). Durch die ähn­li­chen Ton­fäl­le von Schwä­bisch und Ale­man­nisch pas­siert es häu­fig, dass im Rest von Deutsch­land Leu­te mit we­ni­ger fei­nen Oh­ren Fuß­ball-Bun­des­trai­ner Jo­gi Löw als „Schwa­ben“be­zeich­nen. Oder Wolf­gang Schäu­b­le. Was der Fi­nanz­mi­nis­ter gar nicht so schlimm fin­det, weil sei­ne El­tern Schwa­ben wa­ren. Er sieht sich zwar als Ba­de­ner und Schwarz­wäl­der mit Wohn­ort Horn­berg. In ei­nem Ge­spräch mit Ul­rich Ki­enz­le weist Schäu­b­le dar­auf hin, dass zwi­schen Süd- und Nord­ba­den Men­ta­li­tä­ten teil­wei­se ver­schie­de­ner sei­en als zwi­schen Süd­würt­tem­berg und Süd­ba­den. Nach­zu­le­sen ist der Dia­log in ei­nem reiz­vol­len Buch, für das Ki­enz­le Pro­mi­nen­te aus dem Schwa­ben­land wie Ma­thi­as Rich­ling oder Cem Öz­de­mir be­frag­te. Und eben Schäu­b­le, den, wie es heißt, „Schwa­ben als Ba­de­ner“. Dop­pel­ex­per­te Schäu­b­le bringt mit ins Ge­spräch hin­ein, dass das als ab­fäl­lig emp­fun­de­ne Wort vom „Ba­den­ser“am bes­ten mit dem „Schwa­bens­eckel“ge­kon­tert wird. Die Schwa­ben gel­ten als bie­der und lang­sam, aber sie bau­en die schnells­ten Au­tos: So et­was amü­siert Rich­ling, der au­ßer­dem das Brud­deln und das Tüf­teln als zwei Au­s­prä­gun­gen ei­ner ty­pi­schen Ei­gen­heit sieht. Neu­es­te wirt­schafts­ge­schicht­li­che For­schun­gen an der Uni­ver­si­tät Ho­hen­heim le­gen al­ler­dings na­he, dass der Südwesten erst in der Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg zu ei­ner Re­gi­on vol­ler In­no­va­tio­nen wur­de. In vie­len Epo­chen präg­ten Ar­mut und die wohl dar­aus fol­gen­de Spar­sam­keit bis hin zum Geiz das Le­ben vie­ler Be­woh­ner. Selbst die sprich­wört­li­che Schaf­fig­keit lässt sich von der schwe­ren per­sön­li­chen Ba­sis aus er­klä­ren. Durch die dau­ern­de Tei­lung der Grund­stü­cke un­ter den Söh­nen im Erb­fall, der Re­al­tei­lung, muss­ten die Men­schen in Alt-Würt­tem­berg ziem­lich „schaf­fe“. Dar­auf weist Paul Münch in sei­nem Bei­trag zum an­re­gen­den Buch „Was ist schwä­bisch?“hin. Nun ist zum ers­ten Mal das Stich­wort „Würt­tem­berg“ge­fal­len. Heu­te wird es fast mit „Schwa­ben“gleich­ge­setzt. Zu Recht? Wolf­gang Zim­mer­mann, Lei­ter des Ge­ne­ral­lan­des­ar­chivs in Karlsruhe, gibt die Ant­wort in sei­nem Ka­ta­log-Bei­trag zur Schwa­ben-Aus­stel­lung: Alt-Würt­tem­berg um Stutt­gart und Ludwigsburg bis hin zur Alb war nur ein Teil des al­ten Schwa­ben. Erst als Na­po­le­on auf Deutsch­lands Land­kar­te auf­räum­te und der würt­tem­ber­gi­sche Her­zog 1806 Kö­nig wur­de, ver­grö­ßer­te sich sein evan­ge­li­sches Land. Hin­zu ka­men Ge­bie­te in Hohenlohe und vor al­lem zwi­schen Alb und Bo­den­see. Die dort woh­nen­den Ober­schwa­ben brach­ten vor al­lem ei­ne an­de­re Kon­fes­si­on, die ka­tho­li­sche, mit. Die Eli­ten im Un­ter­land rund um Stutt­gart hat­ten ei­ni­ges zu tun, um ein or­ga­ni­sa­to­risch Gan­zes auf­zu­bau­en. Hilf­reich war ein Zen­tra­lis­mus, der den al­ten Be­griff ver­ein­nahm­te. „Das Kö­nig­reich Würt­tem­berg er­hob den An­spruch, der le­gi­ti­me Er­be Schwa­bens zu sein, mehr noch: Schwa­ben in Ide­al­form“, schreibt Zim­mer­mann. Da­mit woll­te das Herr­scher­haus Bin­dung her­stel­len. Denn die Spätz­le-Freun­de sind eben so we­nig wie die Ba­de­ner ein ein­heit­li­cher „Stamm“. Selbst der häu­fig als ty­pisch her­aus­ge­stell­te Pie­tis­mus wur­de kei­nes­wegs in Würt­tem­berg „er­fun­den“. Die tie­fe evan­ge­li­sche Fröm­mig­keits­form,

Würt­tem­berg nicht iden­tisch mit Schwa­ben

der Freud­lo­sig­keit nach­ge­sagt wird, stieß dort al­ler­dings auf be­son­ders frucht­ba­ren Bo­den. Das be­tont Andreas Braun lau­nig plau­dernd in sei­nem Buch „Die Wahr­heit über Schwa­ben.“Der Pie­tis­mus stammt aus Frankfurt, Hal­le und Herrn­hut. Aber Fried­rich Bar­ba­ros­sa, Fried­rich Schil­ler und die Spätz­le­pres­se sind ori­gi­nal und mar­kant für die mit den Ba­de­nern in ei­nem Bun­des­land ver­ein­ten Vier­te­l­es­schlot­zer. Die Stutt­gar­ter Schau spart nicht an Aus­stel­lungs­stü­cken aus All­tag und His­to­rie. Man­cher Arg­wohn ge­gen­über Schwa­ben wird be­kannt­lich nicht nur ent­lang des Ober­rheins ge­pflegt. Son­dern bei­spiels­wei­se in der deut­schen Haupt­stadt. Ein Leip­zi­ger Graf­fi­to setz­te wie­der­um ei­ge­ne Ak­zen­te: „Schwa­ben, zu­rück nach Berlin.“Da wür­de der Tü­bin­ger Win­zer wohl zu­rück­ru­fen „Halt dei Gosch“. Oder je­nen noch der­be­ren be­rühm­ten Spruch ein­set­zen. Al­so „Leck me am Arsch“. Was einst als „schwä­bi­scher Gruß“be­kannt war und durch Goe­thes Schau­spiel um Rit­ter Götz von Ber­li­chin­gen in die Welt­li­te­ra­tur ein­ging.

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