Der Er­fin­der der Traum­fa­brik

Das Haus der Ge­schich­te in Stutt­gart in­sze­niert das film­rei­fe Le­ben des Carl Laemm­le

Der Sonntag (Mittelbaden) - - FREIZEIT & AUSFLÜGE - Mt

Carl Laemm­le pres­ents ...: Das Haus der Ge­schich­te Ba­den-Würt­tem­berg hat Hol­ly­wood nach Stutt­gart ge­holt: Ei­ne Gro­ße Lan­des­aus­stel­lung zeigt, wie ein jü­di­scher Ober­schwa­be zum Er­fin­der der Traum­fa­brik wur­de. „Er war der Grün­der des Film­gi­gan­ten Uni­ver­sal, der Schöp­fer des Star­sys­tems, ein weg­wei­sen­der Pro­du­zent und ein frü­her Glo­bal Play­er“, wür­digt ihn Tho­mas Schna­bel, der Lei­ter des Hau­ses der Ge­schich­te: „Da­bei blieb er im­mer ein über­zeug­ter Schwa­be und sei­ner Hei­mat eng ver­bun­den – bis der Geehr­te in den 1930er Jah­ren in Deutsch­land ge­äch­tet wur­de.“Zum 150. Ge­burts­tag des im Ja­nu­ar 1867 ge­bo­re­nen Carl Laemm­le prä­sen­tiert das Mu­se­um in Stutt­gart bis 30. Ju­li nie zu­vor ge­zeig­te Aus­stel­lungs­stü­cke. Zu den Ori­gi­nal­ob­jek­ten aus den USA und an­de­ren Tei­len der Welt ge­hö­ren ein ech­ter Os­car, in­ter­na­tio­na­le Film­pla­ka­te und Re­qui­si­ten wie die Fle­der­maus aus „Dra­cu­la“. „Laemm­les Le­ben war film­reif, er ist ei­ne Le­gen­de der Ki­no­ge­schich­te. Al­so er­zäh­len wir sei­ne Ge­schich­te in Film­sets“, sag­te Aus­stel­lungs­lei­te­rin Pau­la Lu­tum-Len­ger. „Fünf Stu­di­os in­sze­nie­ren fünf Ge­burts­ta­ge von Carl Laemm­le, die Weg­mar­ken sei­nes Le­bens dar­stel­len“. Mit Laemm­les 50. Ge­burts­tag geht es los. Das Ka­pi­tel „Der Deutsch-Ame­ri­ka­ner“zeigt das span­nungs­rei­che Le­ben des Wan­de­rers zwi­schen den bei­den Wel­ten. Am Vor­abend des Ein­tritts der USA in den Ers­ten Welt­krieg fei­er­te Laemm­le 1917 sei­nen 50. Ge­burts­tag noch deutsch-ame­ri­ka­nisch. Da­nach muss­te er sich für ei­ne Sei­te ent­schei­den. Er dreh­te ei­ne Rei­he an­ti­deut­scher Fil­me. Nach dem En­de des Krie­ges reis­te er wie­der re­gel­mä­ßig in die al­te Hei­mat und wur­de ein Wohl­tä­ter sei­ner Ge­burts­stadt Laupheim. Der Re­gie-Os­car und an­de­re Re­qui­si­ten wie ei­ne Gas­mas­ke oder Film­fleisch rü­cken ein Meis­ter­werk der Uni­ver­sal Pic­tu­res in den Mit­tel­punkt: den 1930 mit zwei Aca­de­my Awards aus­ge­zeich­ne­ten An­ti­kriegs­film „All Qu­iet on the Wes­tern Front“. In Deutsch­land wur­de „Im Wes­ten nichts Neu­es“vor al­lem in rechts­na­tio­na­len Krei­sen ge­hasst und Carl Laemm­le als „Film­ju­de“ge­schmäht. Fort­an reis­te er nicht mehr in sei­ne al­te Hei­mat. Das Stu­dio „Der Grün­der“ver­deut­licht in der Aus­stel­lung, war­um Carl Laemm­le als Va­ter Hol­ly­woods gel­ten kann. Er kauf­te 1914 das Ge­län­de ei­ner Hüh­ner­farm in der Nä­he von Los An­ge­les und bau­te dar­auf ein Pro­duk­ti­ons­stu­dio, das al­le da­ma­li­gen Maß­stä­be spreng­te: Uni­ver­sal Ci­ty – ei­ne Film­stadt mit Zoo, Kran­ken­haus, ei­ge­ner Po­li­zei und Bür­ger­meis­te­rin. Ei­ne Film­ka­me­ra, die Uni­form der Po­li­zei­che­fin, Wer­be­ma­te­ri­al und Fotos zeu­gen von den frü­hen Ta­gen der Stu­dio­stadt und da­von, wie das Mar­ke­ting­ge­nie Carl Laemm­le die ers­ten Film­stars schuf. Und die grup­pier­ten sich um ihn an sei­nem 60. Ge­burts­tag. „Der Glo­bal Play­er“wid­met sich der welt­wei­ten Film­ver­mark­tung: Laemm­le ver­stand den Na­men sei­nes Un­ter­neh­mens „Uni­ver­sal“wörtlich. Ei­ne gro­ße Land­kar­te führt die rund 120 Nie­der­las­sun­gen vor Au­gen, die bis zu Carl Laemm­les 66. Ge­burts­tag ent­stan­den wa­ren – von Os­lo bis Bu­e­nos Ai­res und von Van­cou­ver bis Tokio. Set­fo­tos von „S.O.S. Eis­berg“las­sen er­ah­nen, wie spek­ta­ku­lär ei­ni­ge Film­pro­duk­tio­nen die­ser Zeit wa­ren. Un­ter den Gäs­ten zum 67. Ge­burts­tag des „Pa­tri­ar­chen“war Bo­ris Kar­loff, als Fran­ken­steins Mons­ter das Ge­sicht des jun­gen Hor­ror­film­gen­res. Carl Laemm­le hat­te mit dem „Glöck­ner von Not­re Da­me“und dem „Phan­tom der Oper“den Hor­ror­film mit­be­grün­det. Die Blü­te­zeit er­lebt das Gen­re aber, nach­dem er 1929 die Ge­schäf­te sei­nem Sohn, dem „Ju­ni­or“, über­tra­gen hat­te. Des­sen Fil­me wur­den Kas­sen­schla­ger. In der Aus­stel­lung we­cken Ob­jek­te wie die Fle­der­maus aus „Dra­cu­la“oder ei­ne Hand­schel­le aus „Fran­ken­stein“Er­in­ne­run­gen an be­rühm­te Film­sze­nen. Ei­nen we­ni­ger gla­mou­rö­sen, aber be­deu­ten­den Teil aus Laemm­les Le­ben schil­dern die Aus­stel­lungs­ma­cher im Stu­dio zu sei­nem letz­ten Ge­burts­tag 1939: „Der Ret­ter“. Nach sei­nem Ab­schied vom Film­busi­ness ret­te­te Laemm­le ei­ni­ge hun­dert deut­sche Ju­den vor dem si­che­ren Tod, in­dem er ih­nen mit Bürg­schaf­ten die Ein­rei­se in die USA er­mög­lich­te. Die Na­men da­durch ge­ret­te­ter jü­di­scher Deut­scher be­stim­men da­her das in grau­en Tö­nen ge­hal­te­ne Raum­bild. Nach­dem Carl Laemm­le rund 300 Bürg­schaf­ten aus­ge­stellt hat­te, er­kann­ten die US-Be­hör­den kei­ne wei­te­ren mehr von ihm an. Laemm­le dräng­te sei­ne Freun­de, eben­falls Bürg­schaf­ten zu über­neh­men. Dass er nicht al­le Hoff­nun­gen auf Hil­fe er­fül­len konn­te, hat ihn sehr be­trübt. So en­det ein Brief Laemm­les an den frü­he­ren Stutt­gar­ter Schau­spie­ler Fritz Wis­ten mit den Wor­ten „I am ter­ri­b­ly sor­ry“.

Sze­ne aus „Dra­cu­la“von 1931 mit Be­la Lu­go­si: Carl Laemm­le hat un­ter an­de­rem das Hor­ror­film-Gen­re mit­be­grün­det. Foto: Deut­sche Ki­ne­ma­thek

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