Die Frau in Schwarz

Fran­zö­si­sche Sän­ge­rin Ju­li­et­te Gré­co fei­ert am Di­ens­tag ih­ren 90. Ge­burts­tag

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen - AFP

Als „Mu­se“der Exis­ten­zia­lis­ten ist sie be­kannt ge­wor­den, mit ih­rer mar­kan­ten dunk­len Stim­me und ih­rer schwar­zen Klei­dung hat sie ab En­de der 1940er Jah­re ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on ge­prägt: Am kom­men­den Di­ens­tag fei­ert die fran­zö­si­sche Sän­ge­rin Ju­li­et­te Gré­co ih­ren 90. Ge­burts­tag. Nicht nur in Frank­reich, auch in Deutsch­land, den USA und Ja­pan hat sich die Sän­ge­rin mit Chan­sons wie „L’ac­cor­dé­on“, „La Ja­va­nai­se“und „Dés­ha­bil­lez-moi“in den 50er und 60er Jah­ren ei­nen Na­men ge­macht. Da­bei singt sie we­ni­ger, sie de­kla­miert – ganz wie ihr per­sön­li­cher Freund Jac­ques Brel, dem sie spä­ter ein Al­bum mit sei­nen Stü­cken wid­me­te. Ih­re Stim­me ge­lie­hen hat Ju­li­et­te Gré­co vie­len fran­zö­si­schen Grö­ßen – von Je­an-Paul Sart­re über Ge­or­ge Bras­sens bis hin zu Ser­ge Gains­bourg. Und sie hat als Schau­spie­le­rin in Fil­men mit­ge­wirkt, un­ter an­de­rem von Je­an Coc­teau. „Ich lie­be die schö­nen Wör­ter wie man ein Bild liebt“, schrieb sie in ih­rer Au­to­bio­gra­fie „Je su­is fai­te com­me ça“(„So bin ich eben“) von 2012. Da­rin er­zählt sie auch von ih­rer Ju­gend in den frü­hen 40er Jah­ren, die von der Na­ziBe­sat­zung ge­prägt ist. Gré­cos Mut­ter und ih­re Schwes­ter sind im Wi­der­stand ak­tiv. Mit 15 Jah­ren wird auch Ju­li­et­te von der Gesta­po fest­ge­nom­men. Ih­re Mut­ter und ih­re Schwes­ter wer­den ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ra­vens­brück de­por­tiert, bei­de über­le­ben. Ju­li­et­te schlägt sich al­lei­ne durch und lan­det nach ih­rer Frei­las­sung im Pa­ri­ser Künst­ler­vier­tel Saint-Ger­main-des-Prés, wo sie mit Freun­den singt, tanzt und über das Le­ben dis­ku­tiert. Es ist die Ge­burts­stun­de des Exis­ten­zia­lis­mus. Und es ist Je­an-Paul Sart­re, der sie in ei­nem Kel­ler­lo­kal ent­deckt und ei­nen der ers­ten Lied­tex­te für sie schreibt. Ju­li­et­te Gré­co prägt in die­sen Jah­ren ei­nen ei­ge­nen Stil: mit schwar­zer Män­ner­ho­se und Pul­li, schwar­zen Haa­ren und di­ckem Lid­strich. Aus der Not der Nach­kriegs­jah­re ge­bo­ren, bleibt die Sän­ge­rin die­sem Out­fit treu: „Schwarz lässt Raum für das Ima­gi­nä­re“, sagt sie der „Zeit“2015. „Ich fühl­te mich wie ei­ne schwar­ze Ta­fel, auf die das Pu­bli­kum schrei­ben durf­te, was sie woll­te.“So po­pu­lär wie die Chan­son-Le­gen­de Edith Piaf wird Ju­li­et­te Gré­co al­ler­dings nie. Ih­re Lie­der gel­ten als zu po­li­tisch oder zu in­tel­lek­tu­ell. „Wir ha­ben nicht die­sel­be Spra­che ge­spro­chen“, sagt Gré­co über Piaf, die be­reits 1963 starb. „Ich wuss­te gar nicht, wo­von sie re­det, wenn sie von Lie­bes­kum­mer und sol- chen Din­gen ge­sun­gen hat.“In Be­zie­hungs­din­gen pro­biert Ju­li­et­te Gré­co vie­les aus: sie macht Er­fah­run­gen mit Män­nern wie mit Frau­en und hei­ra­tet drei Mal. Seit 1988 lebt sie in drit­ter Ehe mit ih­rem Pia­nis­ten und Kom­po­nis­ten Gé­r­ard Jouan­nest zu­sam­men. Aus ers­ter Ehe mit dem Schau­spie­ler Phil­ip­pe Le­mai­re hat sie ei­ne Toch­ter. 1959 tritt die Chan­son­niè­re auch in Deutsch­land auf. Mit Trä­nen in den Au­gen ha­be sie da­mals ge­sun­gen und an Mut­ter und Schwes­ter in Ra­vens­brück ge­dacht, er­in­nert sie sich. Mit „Abend­lied“er­scheint 2005 ei­ne Plat­te auf Deutsch.

So po­pu­lär wie Edith Piaf wur­de sie nie Schon 1959 trat sie in Deutsch­land auf

„Die Büh­ne ist mei­ne Hei­mat, der Ort, wo ich le­ben­dig bin“, sag­te sie ein­mal. Im ver­gan­ge­nen Jahr ist es still ge­wor­den um die Sän­ge­rin. Nach ei­nem Schlag­an­fall im Früh­jahr 2016 muss sie ih­re Ab­schieds­tour­nee mit dem Ti­tel „Mer­ci“ab­bre­chen. „Ich ha­be kei­ne Angst zu ster­ben“, hat Ju­li­et­te Gré­co der „Zeit“vor zwei Jah­ren ge­sagt. „Ich ha­be nur Angst, mit dem Sin­gen auf­zu­hö­ren. Aber man muss wis­sen, wann ei­ne Sa­che zu En­de ist. Und man muss vor­her auf­hö­ren.“

Seit über 65 Jah­ren in­ter­pre­tiert Gré­co die Lie­der der größ­ten Chan­son­niers wie Jac­ques Brel und Ge­or­ges Bras­sens und die schöns­ten Tex­te von Schrift­stel­lern wie Françoi­se Sa­gan oder Al­bert Ca­mus. Fo­to: avs

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