Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Auf­räu­men ist läs­tig. Und dau­ert. Nicht nur, weil sich mit den Jah­ren so viel Kram in den Re­ga­len an­ge­sam­melt hat. Son­dern auch, weil man in dem Kram so viel längst Ver­ges­se­nes ent­deckt. Und plötz­lich sitzt man da. Und schwelgt. Und staunt. Und blät­tert. Und liest … In ei­nem Poe­sie­al­bum zum Bei­spiel. Aus mei­ner Schul­zeit stammt es und be­lei­digt das Au­ge mit ei­nem scheuß­li­chen rot­gelb-brau­nen Plas­tik-Ein­band. Aber was soll’s. Es kommt schließ­lich auf den In­halt an. Und der kommt ziem­lich flo­ral da­her. Glanz­bild­chen – mög­lichst mit Sil­ber­flit­ter – wa­ren da­mals der letz­te Schrei; mei­ne Freun­din­nen ha­ben zur Er­in­ne­rung an die ge­mein­sa­me Schul­zeit Blu­men und Täub­chen ge­klebt, was das Zeug hielt. Ein Spruch ne­ben ei­nem hüb­schen Ver­giss­mein­nicht lässt mich stut­zen: „Sei wie das Veil­chen im Moo­se, sitt­sam, be­schei­den und rein. Und nicht wie die stol­ze Ro­se, die im­mer be­wun­dert will sein.“Ja, ja, nur im­mer schön still blei­ben, kei­ne An­sprü­che stel­len, Mäd­chen mu­cken nicht auf … Ob die Klas­sen­ka­me­ra­din das ernst ge­meint hat? Kaum vor­stell­bar, aus ihr ist ei­ne ganz pa­ten­te und recht re­so­lu­te Frau ge­wor­den. Auf der nächs­ten Sei­te schlägt ei­ne an­de­re in die­sel­be Ker­be: „Nicht Schön­heit ist des Mäd­chens Zier­de, nicht Per­len­schmuck und bun­tes Kleid, ein rei­nes Herz und En­gels­wür­de, voll Un­schuld und Be­schei­den­heit“. Ups, das klingt ja nach wasch­ech­tem 19. Jahr­hun­dert! Und es kommt noch schlim­mer: „Wand­le stets auf Ro­sen, auf im­mer­grü­ner Au, bis ei­ner kommt mit Ho­sen und nimmt dich dann zur Frau“. Kaum zu fas­sen, dass an den Schü­le­rin­nen ei­nes Karls­ru­her Gym­na­si­ums der 1970er Jah­re die Eman­zi­pa­ti­ons­wel­le so völ­lig vor­bei schwap­pen konn­te. Ha­ben wir wirk­lich so ge­tickt? Ti­cken wir wo­mög­lich im­mer noch ein biss­chen so und ge­ben es bloß nicht zu? Vi­el­leicht soll­te ich die in rot-gelb-brau­nes Plas­tik ver­pack­te Ro­sen-Tul­pen-Nel­ken-Poe­sie ganz ein­fach der Rest­müll­ton­ne an­ver­trau­en. Aber es hän­gen halt doch Er­in­ne­run­gen dran. Und ir­gend­wie ha­ben die von vie­len Herz­chen um­rahm­ten Vor­ges­tern-Vers­lein in schnör­ke­li­ger Schön­schrift ja auch et­was Rüh­ren­des. Mei­ne bes­te Freun­din hat da­mals üb­ri­gens ge­schrie­ben: „Ler­ne still die Men­schen ken­nen, denn sie sind ver­än­der­lich. Die dich heu­te Freun­din nen­nen, schimp­fen mor­gen über dich“. Ich muss sie un­be­dingt fra­gen, wie sie das ge­meint hat. Gleich, wenn ich mit dem Auf­räu­men fer­tig bin.

Sei wie das Veil­chen im Moo­se ...

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.