„Ein biss­chen ver­rückt“

Ein Be­such bei der Spie­ler-Fa­mi­lie Kö­nin­ger in Bühl

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Ka­trin Kö­nig

An der Haus­tür von Jörg Kö­nin­ger gibt es zwei Klin­geln: Ei­ne mit Na­mens­schild, ei­ne wei­te­re mit dem Hin­weis „Spie­le­kel­ler“. Man ahnt: So nor­mal das Haus in ei­ner Sei­ten­stra­ße Bühls auch wirkt, so un­ge­wöhn­lich sind sei­ne Be­woh­ner. „Ein biss­chen ver­rückt“, wird Kö­nin­ger es spä­ter for­mu­lie­ren. Doch be­ge­ben wir uns ins Haus und fol­gen dem quick­le­ben­di­gen Ban­ker in sei­ne (Spie­le-)Welt. Die­se be­fin­det sich, in­zwi­schen nicht mehr ganz uner­war­tet, im Kel­ler: Un­ge­fähr 2 000 Spie­le sind hier in Re­ga­len ge­sta­pelt, vor­ran­gig Brett­spie­le, hier und da auch Ball- und Wurf­spie­le. In­mit­ten der Re­ga­le: Ein Tisch und ei­ne Ka­me­ra. An der Wand hängt ei­ne Ta­fel, über die Spiel­fi­gu­ren „wan­dern“, al­so „Pöp­pel“; ähn­lich de­ko­riert ist ei­ne Chip­sScha­le. Ne­ben­bei be­merkt hat sich bei der Fa­mi­lie Kö­nin­ger, zu der ne­ben dem Spie­le­samm­ler selbst auch sei­ne Frau Sil­ke und Kin­der Eli­as (5) und Ali­na (3) zäh­len, ein nied­li­cher „Spie­ler­jar­gon“ent­wi­ckelt: Kommt et­wa ein Pa­ket mit ei­nem neu­en Spiel, darf Eli­as es „aus­pöp­peln“, wie er stolz be­rich­tet. Doch zu­nächst stellt sich die Fra­ge: Wie wur­de Jörg Kö­nin­ger über­haupt zum Spie­le­samm­ler? Wäh­rend er und sei­ne Frau mit den Kin­dern „Bao“und „Fro­zen“spie­len, er­zäh­len sie von den An­fän­gen ih­rer Pas­si­on, denn die be­gann vor 15 Jah­ren „ge­mein­schaft­lich“. „Ich ha­be zwar in mei­ner Ju­gend auch Brett­spie­le ge­spielt“, sagt Jörg, in­zwi­schen per du („Das ist bei Spie­lern so üb­lich“). Sied­ler von Ca­tan, Mo­no­po­ly, Scot­land Yard. „Das ließ aber ir­gend­wann nach, Play­sta­ti­on und WII wur­den in­ter­es­san­ter.“Bis er und Sil­ke die ers­te ei­ge­ne Woh­nung hat­ten und ih­nen die Idee kam, sich an Win­ter­aben­den Brett­spie­len zu wid­men – vor­zugs­wei­se im Krei­se von Freun­den. Ih­re „Spie­le­aben­de“wur­den zum Ren­ner. Und Jörg be­gann, im­mer neu­gie­ri­ger auf an­de­re, neue Spie­le zu wer­den: Er ging auf die Spie­le­mes­se in Es­sen, be­such­te Floh­märk­te, in­for­mier­te sich im Netz und wur­de letzt­lich selbst zum Blog­ger, der über Spie­le in­for­miert. Das ge­lang ihm so pro­fes­sio­nell, dass er für sei­ne Blogs und Vi­de­os 2008 in Nürn­berg ei­nen Jour­na­lis­ten­preis er­hielt (dort fin­det jähr­lich die Spie­le­mes­se für Fir­men und Pres­se statt). „Auf den Mes­sen wur­de ich auch di­rekt von Fir­men an­ge­spro­chen, ob ich ih­re Pro­duk­te im Netz prä­sen­tie­ren kön­ne.“Und: Er wuchs zu­neh­mend hin­ein in die „Fa­mi­lie der Spie­ler“, de­ren fes­ter Kern – ob aus den USA, aus In­di­en oder Afri­ka – sich bes­tens kennt. Jörg: „Im Jahr gibt es auf dem Spiele­markt et­wa 1 000 Neu­hei­ten. Ich spie­le rund 400 durch und be­wer­te sie.“Die Kin­der­spie­le tes­tet gern Eli­as: Er liebt es, vor der Ka­me­ra im Ein­satz zu sein. Um­ge­kehrt kön­nen El­tern über die Vi­de­os ein Spiel „haut­nah“er­le­ben und bes­ser be­ur­tei­len, ob es für ihr Kind in­fra­ge kommt. „Un­se­re zwei spie­len fast täg­lich; an Wo­che­n­en­den geht das bei Eli­as bis zu sie­ben St­un­den am Stück“, er­zählt Jörg. „Ab und zu fra­ge ich vor­sich­tig: Kön­nen wir auch mal ein biss­chen fern­se­hen?“Ge­ne­rell freut es ihn na­tür­lich, dass sich die Lei­den­schaft der El­tern auf die Kin­der über­trug. „Die Er­fah­rung zeigt, dass sie un­be­wusst vie­les ler­nen: Kon­zen­tra­ti­on, Fair­ness oder auch Rech­nen“, sagt er. Wie zum Be­weis schiebt kurz dar­auf Ali­na ih­ren „Pöp­pel“vor und zählt: „Eins, zwei, drei.“Noch im­mer ver­an­stal­ten Kö­nin­gers auch Spie­le­aben­de mit Gleich­ge­sinn­ten, in­zwi­schen un­ter Jörgs Blog­ger-La­bel „Cli­quen­a­bend“. Das Ein­zugs­ge­biet: Von Karls­ru­he bis Of­fen­burg. „Das geht bis tief in die Nacht“, be­rich­tet Sil­ke. Beim Spie­len, be­fin­det Jörg, zei­ge ein Mensch, was wirk­lich in ihm ste­cke – ge­ra­de bei den heu­te ver­brei­te­ten ko­ope­ra­ti­ven Spie­len. „Da wird es oft emo­tio­nal. Manch ein net­ter Kerl ent­puppt sich als völ­lig team­un­fä­hig.“Spiel­die si­tua­tio­nen sei­en auch ein Spie­gel für Be­zie­hun­gen. „Bei ei­ni­gen Paa­ren wis­sen wir: Das Spiel kön­nen wir mit ih­nen nicht ma­chen, sonst en­det es in ei­ner Ehe­kri­se.“Dass Jörg und Sil­ke die Spie­le-Fas­zi­na­ti­on tei­len, er­leich­tert ih­nen das Zu­sam­men­le­ben hin­ge­gen. „Wenn ich schwer be­la­den von ei­ner Mes­se heim­keh­re, muss ich nicht heim­lich in den Kel­ler schlei­chen“, wit­zelt er. Auch beim Haus­kauf war ihr Hob­by prä­sent. „Wir ha­ben uns erst nur den Kel­ler an­ge­schaut und ent­schie­den: Okay, das passt, 5 000 Spie­le be­kom­men wir hier un­ter.“Ver­wirrt ha­be der Mak­ler ge­fragt: „Ja, wol­len Sie den Rest des Hau­ses denn nicht se­hen?“In den letz­ten Jah­ren, sagt Jörg, ha­be sich die Qua­li­tät der Spie­le deut­lich ver­bes­sert. Er meint da­mit vor­ran­gig das Ma­te­ri­al. „Ent­spre­chend sind auch die Prei­se ge­stie­gen. Im Ver­gleich zu den USA ist es bei uns aber harm­los, dort kos­tet ein Spiel mal so eben 100 Dol­lar.“Dass er sich ei­nen Na­men als Spie­le­ken­ner ge­macht hat, bringt al­so auch fi­nan­zi­ell Vor­tei­le: In­zwi­schen er­hält er so vie­le Spie­le von Fir­men, dass er nur we­nig hin­zu­kauft und sei­ne Kin­der stets bes­tens ver­sorgt sind. „Im Som­mer“, be­tont er, „wid­men wir uns aber lie­ber dem Rad­fah­ren, Bol­zen oder Schwim­men“. Na ja – oder eben Ball- und Wurf­spie­len. Und ein Spiel vor dem Schla­fen­ge­hen, das ist schon ein Ri­tu­al. Für Bü­cher, er­zählt Jörg, ha­be er mit Aus­nah­me von Gu­te­n­acht­ge­schich­ten kei­ne Zeit. „Ich le­se nur noch An­lei­tun­gen.“

Jörg Kö­nin­ger und sei­ne Spie­le­samm­lung im Kel­ler, wo auch re­gel­mä­ßig mit Gleich­ge­sinn­ten aus der gan­zen Re­gi­on ge­spielt wird. Fo­tos: Ka­trin Kö­nig

Pa­pa Jörg mit sei­nen Kin­dern Eli­as und Ali­na, die sich für Brett­spie­le ähn­lich be­geis­tern wie ih­re El­tern. Und ganz ne­ben­bei ler­nen sie auch noch ei­ni­ges fürs Le­ben.

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