„Rät­sel ist rest­los ge­löst“

Karls­ru­her Ner­ven­arzt ver­öf­fent­licht ein Buch über Kas­par Hau­ser

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Hier ruht Kas­par Hau­ser, das Rät­sel sei­ner Zeit: von un­be­kann­ter Her­kunft und ge­heim­nis­vol­lem Tod.“So ver­kün­det es ei­ne la­tei­ni­sche Gr­ab­stein-In­schrift auf dem Ans­ba­cher Fried­hof. Sie be­zieht sich auf ei­nen 1833 zu To­de ge­kom­me­nen jun­gen Mann, über des­sen Schick­sal es un­zäh­li­ge Bü­cher und ver­schie­de­ne Theo­ri­en gibt. Die spek­ta­ku­lärs­te be­sagt, dass Kas­par Hau­ser ein ba­di­scher Prinz ge­we­sen sei, den man bald nach sei­ner Ge­burt ge­gen ei­nen ster­ben­den Säug­ling aus­ge­tauscht ha­be, um ei­nem an­de­ren den Weg zum Thron zu eb­nen. Doch die­se Prin­zen-Theo­rie ist laut Gün­ter Hes­se end­gül­tig er­le­digt. Er ha­be das „Rät­sel Kas­par Hau­ser“rest­los ge­löst, er­klärt der Karls­ru­her Ner­ven­arzt: „Hat aber 50 Jah­re ge­dau­ert.“Kas­par Hau­ser, der 1828 aus dem Nichts in Nürn­berg auf­tauch­te, war nach Gün­ter Hes­ses For­schun­gen we­der Prinz noch Ba­de­ner, son­dern der hirn­kran­ke Sohn ei­nes ka­tho­li­schen Pfar­rers aus Ti­rol. Auch sei der jun­ge Mann in Ans­bach kei­nes­wegs das Op­fer ei­nes Meu­chel-Mör­ders aus Karls­ru­he ge­wor­den, son­dern von ei­ge­ner Hand ge­stor­ben. Hau­ser ha­be sich mit ei­nem Dolch ei­gent­lich nur leicht ver­let­zen wol­len, um Auf­se­hen zu er­re­gen. Doch da­bei ha­be er ei­nen re­flex-epi­lep­ti­schen Krampf-An­fall er­lit­ten und qua­si aus Ver­se­hen Sui­zid be­gan­gen. Vor vie­len Jah­ren war Hes­se durch das Buch „Kas­par Hau­ser oder Bei­spiel ei­nes Ver­bre­chens am See­len­le­ben ei­nes Men­schen“des Rechts­ge­lehr­ten Paul Jo­hann An­selm von Feu­er­bach (1775–1833) auf den Find­ling auf­merk­sam ge­wor­den. Der Fall weck­te das In­ter­es­se des Ner­ven­arz­tes. 1967 ver­öf­fent­lich­te er in der Münch­ner Me­di­zi­ni­schen Wo­chen­schrift ei­ne Ar­beit über „Die Krank­heit Kas­par Hau­sers“, in der er dem Find­ling Tem­po­ral­lap­pen-Epi­lep­sie be­schei­nig­te. Nach­dem er Kas­par Hau­sers Hirn-Lei­den ent­deckt hat­te, be­gann Hes­se nach der Her­schwe­re kunft des Find­lings zu for­schen. Es sei, so Hes­se, ei­ne „Odys­see vol­ler Ir­run­gen und Ent­täu­schun­gen“ge­we­sen. Dem hei­li­gen Vir­gi­li­us ha­be er es zu ver­dan­ken, dass er schließ­lich doch fün­dig wur­de. 1830 näm­lich ha­be Hau­ser im Traum 25-mal de­kli­niert: „Vir­gi­li­us, Vir­gi­lii, Vir­gi­lio.“Al­le hät­ten an den rö­mi­schen Dich­ter ge­dacht – aber ihm, Gün­ter Hes­se, fiel der hei­li­ge Vir­gi­li­us ein. Er dach­te an ei­nen Kir­chen­pa­tron – das ha­be ihn auf die Spur ge­bracht. Und die führ­te ihn letzt­lich zu dem 1770 ge­bo­re­nen Wolf­gang He­chen­ber­ger aus Ti­rol, ei­nem Pfar­rer und Bo­ta­ni­ker. Die­ser Mann war nach Hes­ses fes­ter Über­zeu­gung Kas­par Hau­sers Va­ter. Sei­nen Mit­bür­gern ha­be der Pfar­rer er­zählt, dass er aus christ­li­cher Nächs­ten­lie­be den „Bay­ern-Ban­kert“ei­nes Nürn­ber­ger Sol­da­ten aus der Be­sat­zungs­zeit auf­ge­nom­men hät­te. Doch als sich Hau­sers Krank­heits­bild ver­schlim­mer­te – mit der Epi­lep­sie ging laut Hes­se ei­ne Haut­krank­heit ein­her – ha­be der Pfar­rer sei­nen Sohn „ab­ge­scho­ben“. Um al­le Zweif­ler da­von zu über­zeu­gen, dass er den Fall Kas­par Hau­ser voll­stän­dig ge­klärt hat, ver­öf­fent­lich­te der mitt­ler­wei­le 97-jäh­ri­ge Gün­ter Hes­se jetzt ein Buch. Es trägt den Ti­tel „Kas­par Hau­ser, der Sohn des Pfar­rers und Bo­ta­ni­kers Wolf­gang He­chen­ber­ger aus Ti­rol, spricht La­tein. Und kommt aus M.L.Ö.!“So spe­zi­ell wie der Ti­tel ist auch der In­halt des Bu­ches. Hes­se setzt vor­aus, dass der Le­ser sich be­reits mit Kas­par Hau­ser be­schäf­tigt hat, mit der „Ver­lies-Le­gen­de“, der Prin­zen-Theo­rie und so wei­ter ver­traut ist. Auf über 200 Sei­ten er­läu­tert Hes­se, wor­auf sich sei­ne The­se stützt. Er in­ter­pre­tiert Schrift­stü­cke und zeit­ge­nös­si­sche Be­schrei­bun­gen, prä­sen­tiert Gut­ach­ten und Bil­der – auch ei­nes von Pfar­rer He­chen­ber­ger, des­sen Phy­sio­gno­mie der von Kas­par Hau­ser äh­nelt.

„Der Va­ter war ein Pfar­rer aus Ti­rol“ Har­sche Wor­te über die „gläu­bi­ge Ge­mein­de“

Al­ler­dings ver­lässt Hes­se häu­fig die sach­li­che Ebe­ne – vor al­lem, wenn er auf die „gläu­bi­ge Ge­mein­de“zu spre­chen kommt. Als sol­che be­zeich­net er Ver­fech­ter und An­hän­ger der Prin­zen-Theo­rie, de­nen er ei­ne „spe­zi­fi­sche Kas­par-Hau­ser-Pseu­do-De­menz“zu­schreibt. Das gro­ße Man­ko der bis­he­ri­gen Hau­ser-For­schung, so Hes­se, sei, „dass sie sich nicht um me­di­zi­ni­sche Fak­ten küm­mer­te, statt des­sen die dy­nas­ti­sche Fa­bel Feu­er­bachs wi­der­käu­te, aber sei­ne mi­nu­tiö­se Deskrip­ti­on von Hau­sers neu­ro­lo­gi­scher Sym­pto­ma­tik igno­rier­te.“Es sei „ein­fach un­be­greif­lich, dass kein Kas­par-Hau­ser-For­scher ih­re Be­deu­tung er­kann­te.“Das blieb dem Ner­ven­arzt aus Karls­ru­he über­las­sen.

Gün­ter Hes­se ver­öf­fent­lich­te jetzt die Er­geb­nis­se sei­ner 50-jäh­ri­gen Spu­ren­su­che. Fo­to: Voigt

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