„Denk­an­stö­ße ge­ben“

Broi­lers-Front­mann Sam­my Ama­ra über Ras­sis­ten, Po­pu­lis­ten und so­zia­le Netz­wer­ke

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Tipps & Themen - In­ter­view: Gun­ther Ma­te­j­ka

Seit 1994 sind die Broi­lers aus Düs­sel­dorf fes­ter Be­stand­teil der deut­schen Punk-Sze­ne. Doch erst in den letz­ten Jah­ren ge­lang der Grup­pe um Sän­ger und Song­schrei­ber Sam­my Ama­ra der Durch­bruch – mit dem 2014 er­schie­ne­nen Num­mer-eins-Al­bum „Noir“und er­folg­rei­cher Hal­len-Tour­nee. Jetzt schaff­te das Quin­tett mit der CD „(Sic!)“aus dem Stand den Sprung an die Spit­ze der deut­schen Al­bum­Charts. Am 23. Fe­bru­ar star­ten die Broi­lers ei­ne gro­ße Tour­nee. Im In­ter­view spricht Sam­my Ama­ra über die Macht der Mu­sik. Vie­le der Tex­te sind po­li­tisch, man­che düs­ter. Wie kam das? Sam­my Ama­ra:

Die letz­te Plat­te war auch schon recht dun­kel, aber auf ei­ne pri­va­te Art. Jetzt ist es wie­der ei­ne dunk­le Plat­te aus an­de­ren Grün­den: Die Pro­ble­me sind glo­bal, sie ge­hen uns al­le an. Bei­spiels­wei­se die­ser Rechts­ruck, der seit 2010 im­mer ex­tre­mer wird. Über­all schie­ßen die­se Po­pu­lis­ten aus dem Bo­den, und die so­zia­len Netz­wer­ke tra­gen ih­ren Teil da­zu bei. Das al­les macht mir ir­gend­wie Angst. Den­ken Sie, dass Sie mit Mu­sik et­was be­we­gen kön­nen? Ama­ra:

Ich weiß es nicht. Ich hof­fe aber, dass man mit Lie­dern Denk­an­stö­ße ge­ben kann. Wir wol­len si­cher nicht mit dem mah­nen­den Zei­ge­fin­ger win­ken, aber wir wol­len den Fin­ger in die Wun­de le­gen. Das ist vi­el­leicht so­gar ein we­nig ego­is­tisch, denn so kann ich mir so man­ches von der See­le schrei­ben – und mich abends im Spie­gel an­gu­cken und mir sa­gen: Ich hab’s we­nigs­tens ver­sucht. Den­ken Sie, dass ei­nen das Lie­der schrei­ben ver­än­dert? Da man sich ja da­durch in­ten­siv mit The­men aus­ein­an­der­setzt und sie hin­ter­fragt. Ama­ra:

Ja, da ist et­was dran. Ich den­ke, wenn man sich mit The­men aus­ein­an­der­setzt, die ei­nem zu­nächst un­an­ge­nehm sind, be­kommt man ei­ne an­de­re Sicht­wei­se auf die Din­ge. Das ist ein Lern­pro­zess. Es ist vi­el­leicht ähn­lich wie im Sport, dort muss man auch im­mer wie­der an die Gren­zen ge­hen, auch wenn’s weh tut. Was sind Ih­re Gren­zen? Ama­ra:

Es gibt für mich Gren­zen beim Dis­ku­tie­ren. Mit knall­har­ten Ras­sis­ten dis­ku­tie­re ich bei­spiels­wei­se nicht. Wer ein Men­schen­feind ist, mit dem muss ich nicht spre­chen; da gibt es kei­ne Be­rüh­rungs­punk­te und da möch­te ich auch kei­ne. Wenn es aber dar­um geht, Men­schen Ängs­te zu neh­men, dann soll­te man dar­über spre­chen. Sie ha­ben be­ein­dru­ckend vie­le Tat­toos. Ist das als State­ment zu ver­ste­hen, nach dem Mot­to: Komm’ mir nicht zu na­he? Ama­ra:

Ich glau­be, das hat mit ei­ner Kind­heits­er­in­ne­rung zu tun. Ich ha­be da­mals, als ich so vier, fünf Jah­re alt war, in Düs­sel­dor­fGa­rath ge­wohnt, und da ha­be ich im­mer wie­der ei­nen sehr tä­to­wier­ten Mann ge­se­hen, der mich sehr be­ein­druckt hat. Ich ha­be schon als Kind da­mit an­ge­fan­gen, mich mit Filz­stif­ten zu be­ma­len, auch an ex­po­nier­ten Stel­len wie Hän­den und Hals. Wenn du Men­schen nur nach ih­rem Äu­ße­ren be­ur­teilst, dann sind wir zu ver­schie­den. Sie ha­ben die so­zia­len Netz­wer­ke an­ge­spro­chen. Wie ste­hen Sie bei­spiels­wei­se Face­book ge­gen­über? Ama­ra:

Für un­se­re Band ist Face­book ein gu­ter Ka­nal und sinn­voll. Pri­vat ha­be ich das In­ter­es­se da­ran völ­lig ver­lo­ren. Für mich ist es ein Zeit­dieb. Da­zu kommt, dass man durch die ver­wen­de­ten Al­go­rith­men nur das zu se­hen be­kommt, was der ei­ge­nen Mei­nung ent­spricht. Da bil­det sich ei­ne Bla­se, die über­haupt nicht ob­jek­tiv ist. Als Düs­sel­dor­fer Band: Wür­de es sie oh­ne die To­ten Ho­sen über­haupt ge­ben? Ama­ra:

Si­cher nicht in die­ser Form. Oh­ne die Ho­sen wä­ren wir vi­el­leicht ei­ne AC/DC-Co­ver­band ge­wor­den. Kei­ne Fra­ge, das Al­bum „Learning Eng­lish“von den To­ten Ho­sen hat uns auf die Punk-Spur ge­bracht.

Die Broi­lers ge­hö­ren zu den er­folg­reichs­ten deut­schen For­ma­tio­nen. In­spi­riert wur­de die Band um Sän­ger und Song­schrei­ber Sam­my Ama­ra (zwei­ter von links) von den „To­ten Ho­sen“. Fo­to: Ro­bert Ei­kel­poth

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