Ei­ne Idee wird zur Mar­ke

Der Gra­fi­ker An­dré Heers hat schon meh­re­re Brief­mar­ken ent­wor­fen

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

Ein leuch­ten­des Oran­ge wie das der Ret­tungs­fahr­zeu­ge hat­te An­dré Heers vor Au­gen, als er die Brief­mar­ke für das Ju­bi­lä­um „25 Jah­re No­t­ruf 112“ent­warf. Er­schie­nen ist sie im Fe­bru­ar vo­ri­gen Jah­res, al­ler­dings in Rot. „Die Ne­on­far­be er­wies sich als nicht licht­be­stän­dig und wä­re schnell ver­blasst“, be­grün­det Heers die Än­de­rung. Der Ber­li­ner Gra­fi­ker be­tei­ligt sich re­gel­mä­ßig an den Wett­be­wer­ben, mit de­nen das Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um Mo­ti­ve für künf­ti­ge Brief­mar­ken aus­schreibt. Die The­men der nächs­ten Mar­ken ste­hen zu die­sem Zeit­punkt schon fest. Wie sie um­ge­setzt wer­den, den­ken sich Il­lus­tra­to­ren wie An­dré Heers aus. Fünf bis sechs Gra­fik­bü­ros wer­den pro Wett­be­werb an­ge­schrie­ben, je­des kann drei Ent­wür­fe ein­schi­cken. Ei­ne Ju­ry aus Kunst­ex­per­ten, Brief­mar­ken­samm­lern dem Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter wählt den Ge­win­ner aus. An­dré Heers nimmt drei Pa­pier­bö­gen aus ei­ner Schach­tel, auf de­ren De­ckel „Brief­mar­ken“steht. Da­rin steckt sei­ne „Samm­lung“– Ent­wür­fe der ver­gan­ge­nen drei Jah­re. Er zeigt die Mo­ti­ve für die Mar­ke „1 000 Jah­re Leip­zig“, die 2015 her­aus­kam. Sie ist ei­ne sei­ner Lieb­lings­mar­ken, „weil die Zahl 1 000 und das Wort Jah­re per­fekt ins „i“pass­ten“. Auf dem Bild sieht man, was der Gra­fi­ker meint: Im Städ­te­na­men Leip­zig hat er das vor­de­re „i“durch die Zahl 1000 er­setzt, das hin­te­re durch das Wort „Jah­re“. Un­ter­legt ist der Na­me mit his­to­ri­schen Bau­wer­ken Leip­zigs. Heers’ zwei­ter Ent­wurf zeigt eben­falls die Stadt­ku­lis­se. Über je­dem Ge­bäu­de steht dies­mal ein al­ter Na­me Leip­zigs aus 1 000 Jah­ren Stadt­ge­schich­te. Der drit­te Ent­wurf ist ei­nem mo­der­nen Fo­to der Alt­stadt nach­emp­fun­den. Die Ver­si­on mit den er­setz­ten „i“ge­fiel der Ju­ry am bes­ten. An­dré Heers mag das Bild auch: „Schrif­ten zu kre­ieren, hört sich lang­wei­lig an, aber es ist toll! Je­de Zeit hat ih­re Schrift.“Bei his­to­ri­schen Brief­mar­ken­the­men steu­ern er und sei­ne Kol­le­gin, die mit ihm an den Mo­ti­ven ar­bei­tet, zu­erst die Bi­b­lio­thek an, auf der Su­che nach Bü­chern über die Epo­che. Da­mit die Brief­mar­ke mög­lichst echt aus­sieht. Brief­mar­ken sind ei­ne eng­li­sche Er­fin­dung. Vor ih­rer Ein­füh­rung muss­te statt des Ab­sen- ders stets der Emp­fän­ger ei­nen Brief be­zah­len. Das är­ger­te die Leu­te. Sie schum­mel­ten sich am Por­to vor­bei und be­schrif­te­ten Um­schlä­ge mit ver­schlüs­sel­ten Bot­schaf­ten oder Zei­chen, die man ver­stand, oh­ne die Sen­dung an­neh­men zu müs­sen. Das wie­der­um är­ger­te die Post. Da­mit sich die Men­schen nicht mehr vorm Be­zah­len der Brie­fe drück­ten, ka­men 1840 die ers­ten Post­wert­und zei­chen in den Um­lauf. Die Ur-Brief­mar­ke hieß „One Pen­ny Black, über­setzt: Schwar­zer (Ein-)Pfen­nig. Sie zeig­te ein Bild der eng­li­schen Kö­ni­gin und hat­te noch kei­ne Zäh­ne. Mit der ers­ten deut­schen Brief­mar­ke, der „Schwar­zen Ein­ser“, ha­ben ab 1849 zu­erst die Bay­ern Brie­fe fran­kiert. Brief­mar­ken wer­den auf Pa­pier­bö­gen ge­druckt. Kurz nach ih­rer Er­fin­dung muss­te man sie noch Stück für Stück aus dem Pa­pier­bo­gen aus­schnei­den, des­halb sind die Kan­ten der ers­ten Mar­ken glatt. We­ni­ge Jah­re dar­auf wur­den die Schnitt­kan­ten mit ei­ner Ma­schi­ne so vor­ge­stanzt, dass man die Mar­ken nur ab­rei­ßen brauch­te. Die Rän­der wur­den za­cki­ger. Brief­mar­ken mit Zäh­nen gibt es seit 1860. Heu­te gilt: Zwölf bis 14 Zäh­ne auf zwei Zen­ti­me­ter Kan­ten­län­ge, auch bei selbst­kle­ben­den Mar­ken. Nur Au­to­ma­ten­mar­ken kom­men wie frü­her von der Rol­le und sind „zahn­los“. Für An­dré Heers ist je­des Mo­tiv ei­ne Her­aus­for­de­rung, „weil man es stark ver­klei­nert noch deut­lich er­ken­nen soll­te“. Sei­ne Ent­wür­fe macht er in 600-fa­cher Ver­grö­ße­rung. Das Mi­nis­te­ri­um gibt vor, wel­ches For­mat die Brief­mar­ke ha­ben soll – da­mit der Gra­fi­ker kein Recht­eck­bild für ei­ne qua­dra­ti­sche Mar­ke vor­schlägt. Ge­heim ge­hal­ten wird ihr künf­ti­ger Wert. Bis der Wett­be­werb ent­schie­den ist, ver­mer­ken die Gestal­ter das Er­schei­nungs­jahr der Mar­ke, zum Bei­spiel ei­ne „17“, dort wo spä­ter die Por­to­an­ga­be „45“, „70“oder „145“steht. An­dré Heers ist dar­über „nicht ganz so glück­lich, weil die Zah­len un­ter­schied­lich viel Platz brau­chen“und im Ent­wurf mög­li­cher­wei­se we­ni­ger als auf der fer­ti­gen Mar­ke. Er wüss­te lie­ber gleich den ge­plan­ten Wert. Denn je­der Mil­li­me­ter Mo­tiv-Platz ist für den Gra­fi­ker wert­voll. Hat er ei­nen Wett­be­werb ge­won­nen und be­kommt den of­fi­zi­el­len Auf­trag, ei­ne Brief­mar­ke zu ge­stal­ten, ver­ge­hen zwi­schen sei­nem „Mus­ter“und der Aus­ga­be der Mar­ke am Post­schal­ter sechs bis zwölf Mo­na­te. Dann ist An­dré Heers „freu­dig über­rascht von dem ver­trau­ten Mo­tiv“. Bun­des­weit gibt es drei Dru­cke­rei­en, die im Auf­trag des Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums Brief­mar­ken dru­cken.

Au­to­ma­ten­brief­mar­ken sind die ein­zi­gen oh­ne Zäh­ne. Die­se hier ist ganz neu. Fo­to: Deut­sche Post

In Chi­na er­schie­nen kürz­lich Son­der­brief­mar­ken zum „Jahr des Hahns“. Fo­to: avs

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