Ver­las­sen, ver­schüt­tet, ver­ges­sen

Un­ter der ita­lie­ni­schen Me­tro­po­le Nea­pel zie­hen sich ki­lo­me­ter­lan­ge Gän­ge

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaine -

Clau­dia Ci­of­fi sitzt nicht. Sie kniet. Sie kniet in ei­nem Gang aus Tuff­stein. Es riecht nach Er­de und Torf. Die Luft ist feucht. Nur ein paar spär­li­che Lich­ter be­leuch­ten die Wän­de. Klaus­tro­pho­bisch soll­te man hier un­ten nicht sein. Doch Ci­of­fi will gar nicht wei­ter in den Berg hin­ein. Meh­re­re hun­dert Me­ter hat sie die Grup­pe schon durch un­ter­ir­di­sche Ga­le­ri­en und Zis­ter­nen ge­führt. Jetzt kniet sie am Ran­de der größ­ten: 35 Me­ter hoch, 20 Me­ter breit. „In die­ser Kam­mer ar­bei­te­ten einst die Brun­nen­men­schen“, sagt Ci­of­fi. „Ein le­bens­ge­fähr­li­cher Job.“Im 17. Jahr­hun­dert dien­ten die Zis­ter­nen den Ne­a­po­li­ta­nern als Was­ser­spei­cher. Die so­ge­nann­ten Poz­za­ri sorg­ten für die Be­för­de­rung des Was­sers nach oben. Vie­le von ih­nen ka­men da­bei ums Le­ben. Es gibt in Nea­pel vie­le un­ter­ir­di­sche Tun­nel, aber kei­nen wie die­sen. Wer im Chi­aia-Vier­tel über ein Trep­pen­haus in Nea­pels Un­ter­welt ab­steigt, der be­tritt ei­ne an­de­re Welt. Denn hier liegt ei­ner der Ein­gän­ge zur Gal­le­ria Bor­bo­ni­ca. Selbst vie­le Ne­a­po­li­ta­ner ken­nen die­sen Ort nicht. Der 530 Me­ter lan­ge Tun­nel wur­de 1853 vom Bour­bo­nen­kö­nig Fer­di­nand II. ge­baut. Aus Angst vor ei­ner Re­bel­li­on soll­te der Gang als Flucht­tun­nel vom Kö­nigs­pa­last zum Meer die­nen. We­gen bau­li­cher Pro­ble­me wur­de der Tun­nel je­doch nie ganz fer­tig­ge­stellt. Nach der ita­lie­ni­schen Ver­ei­ni­gung im Jahr 1861 ge­riet er in Ver­ges­sen­heit. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs dien­ten die Gän­ge den An­woh­nern als Schutz vor Luft­an­grif­fen. Zu be­stimm­ten Zei­ten leb­ten hier mehr als 5 000 Men­schen. Da­nach ge­riet der Tun­nel er­neut in Ver­ges­sen­heit. Erst als der Geo­lo­ge Gi­an­lu­ca Mi­nin nach der Jahr­tau­send­wen­de von der Stadt be­auf­tragt wur­de, her­aus­zu­fin­den, ob der seit 2 000 Jah­ren be­trie­be­ne Ab­bau von Tuff­stein un­ter der Stadt die Sta­tik der Häu­ser ge­fähr­de, ge­lang­te die Ge­schich­te wie­der ans Ta­ges­licht. Mi­nin seil­te sich in Nea­pels Un­ter­welt ab und er­kun­de­te die Gän­ge. Er kroch durch das im 17. Jahr­hun­dert an­ge­leg­te Zis­ter­nen­sys­tem und er­forsch­te den Bour­bo­nen-Tun­nel. Da­bei stieß er auf ei­ne Sen­sa­ti­on: Un­ter Müll be­gra­ben fand der For­scher Dut­zen­de al­ter Au­tos. Zum Bei­spiel das Wrack ei­nes Fi­at 500 To­po­li­no, da­ne­ben meh­re­re Fi­at 1 100 und ei­nen Au­to­bi­an­chi Pri­mu­la. Kaum noch zu ret­ten war ein zwi­schen 1937 und 1939 ge­bau­ter Fi­at 508C. Die Tü­ren wa­ren ver­ros­tet, die Schei­ben zer­bors­ten. Aber das Chas­sis war wie bei al­len Wa­gen noch gut zu er­ken­nen. Fünf Jah­re be­nö­tig­ten Mi­nin und sei­ne Kol­le­gen, um die fast drei Dut­zend Au­tos frei­zu­le­gen. Doch wie kom­men die Old­ti­mer an ei­nen Ort, der über­haupt nicht mit dem Au­to zu er­rei­chen ist? „Vie­le der Fahr­zeu­ge wur­den zum Zi­ga­ret­ten­schmug­gel be­nutzt“, sagt Ci­of­fi, die Mi­nin von An­fang an be­glei­tet hat. „Bis in die 1970er Jah­re be­nutz­te die Po­li­zei den Tun­nel und die Zis­ter­nen als La­ger für be­schlag­nahm­te Au­tos.“Auch Dut­zen­de be­schlag­nahm­ter Gi­le­ra-Mo­tor­rol­ler fand Mi­nin hier un­ten. 2006 grün­de­te er des­halb den Ver­ein Bor­bo­ni­ca Sot­te­ra­nea zur Wie­der­her­stel­lung des Tun­nels. Im Jahr 2010 hat Mi­nin den Tun­nel ge­pach­tet. Seit­dem ist er für die Öf­fent­lich­keit zu­gäng­lich und szeno­gra­fisch be­leuch­tet. Dort, wo frü­her Zis­ter­nen­wäch­ter un­ter Ein­satz ih­res Le­bens die Was­ser­be­cken rei­nig­ten, wird heu­te zeit­ge­nös­si­sche Kunst aus­ge­stellt. Au­ßer­dem fin­den klas­si­sche Kon­zer­te für bis zu 150 Zu­hö­rer statt. Die un­glaub­lichs­ten Re­lik­te fan­den die Aus­grä­ber un­ter dem Schutt. Zum Bei­spiel stieß Mi­nin auf ei­ne Sta­tue von Au­re­lio Pa­do­va­ni, den Füh­rer des kam­pa­ni­schen Fa­schis­mus. 1934 war das Werk des Bild­hau­ers Car­lo de Ve­ro­li an der Piaz­za San­ta Ma­ria de­gli An­ge­li im Stadt­teil San Fer­di­nan­do er­rich­tet wor­den. Nach dem En­de des Fa­schis­mus wur­den sämt­li­che Sym­bo­le ver­nich­tet, der Ko­loss de­mo­liert und im Tun­nel ver­scharrt. Doch wie kann es sein, dass so ein rie­si­ger Tun­nel so lang in Ver­ges­sen­heit ge­riet? „In Nea­pel kom­men die Archäo­lo­gen schon mit den Fun­den aus der Zeit der Grie­chen und Rö­mer nicht hin­ter­her“, sagt Ci­of­fi, „für neue­re Sa­chen in­ter­es­siert sich hier nie­mand.“ Bei der Tour durch Nea­pels Un­ter­welt stößt man un­wei­ger­lich auch auf Re­lik­te aus düs­te­ren Zei­ten. 30 Me­ter Er­de und Tuff­stein mach­ten im Zwei­ten Welt­krieg den Un­ter­schied. Da­mals dien­te der Tun­nel als Luft­schutz­kel­ler. Heu­te spie­len Mi­nin, Ci­of­fi und Co. über Laut­spre­cher Si­re­nen­ge­heul ab, um den Be­su­chern ei­nen Ein­druck vom Le­ben wäh­rend der Bom­bar­de­ments zu ge­ben – ein be­klem­men­des Ge­fühl. In ei­nem zehn mal zehn Me­ter gro­ßen Saal fällt das Licht von Ci­of­fis Ta­schen­lam­pe auf die Wand. „23.4.43 ALARME“steht dort in den Tuff­stein ge­ritzt. Das stra­te­gisch wich­ti­ge Nea­pel gilt als die am meis­ten bom­bar­dier­te Stadt in ganz Ita­li­en. Vie­len Ein­woh­nern blie­ben nur die un­ter­ir­di­schen Gän­ge, um sich zu ver­ste­cken. Zu­min­dest in die­sem Fall hat­ten die Be­trof­fe­nen Glück: Di­rekt hin­ter dem Da­tum steht „Noi vi­vi“. Wir le­ben.

Im al­ten Ge­wöl­be ru­hen wah­re Schät­ze

Un­ter­ir­di­sche Schät­ze: Die Ga­le­ria Bor­bo­ni­ca im weit­läu­fi­gen Gän­ge­sys­tem un­ter Nea­pel dien­te einst der Po­li­zei als La­ger für be­schlag­nahm­te Fahr­zeu­ge. Die Gän­ge wa­ren fast ganz in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten, bis sie der Geo­lo­ge Gi­an­lu­ca Mi­nin in den 70er Jah­ren wie­der ent­deck­te. Fo­to: von Po­ser

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