Le­ben auf mi­ni­ma­lem Raum

Der Woh­nungs­man­gel in Groß­städ­ten bringt Men­schen auf die ku­rio­ses­ten Ide­en

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - The­re­sa Münch

Oben der Him­mel, un­ten Ber­lin. Hier könn­te es ste­hen, das Mi­ni-Haus. Auf dem Dach ei­nes gro­ßen Alt­baus, hoch über dem Tru­bel. Beim Ein­schla­fen sieht man über dem Bett die Ster­ne. So ein Haus auf dem Haus ha­ben die jun­gen Ber­li­ner Ar­chi­tek­ten Si­mon Be­cker und Andre­as Rauch ent­wi­ckelt. Ih­re Idee: Neu­en Wohn­raum schaf­fen auf den Dä­chern der Städ­te, in der Woh­nun­gen seit Jah­ren knap­per wer­den. Und ein Trend zum Mi­ni­ma­lis­mus, zum Woh­nen mit we­nig Platz, wie ihn in den USA die ti­ny­hou­se-Be­we­gung lebt. Tat­säch­lich rückt auch Deutsch­land in den Groß­städ­ten seit ei­ni­ger Zeit zu­sam­men. Zwar gönn­ten sich die Men­schen bun­des­weit zu­letzt mehr Wohn­raum, in­zwi­schen mehr als 45 Qua­drat­me­ter pro Kopf. Doch in Stä­dZu­hau­se ten wie Köln und Frank­furt, wo die Im­mo­bi­li­en­märk­te heiß ge­lau­fen sind, be­ginnt sich das nach Er­kennt­nis­sen des Bun­des­in­sti­tuts für Bau-, Stadt- und Raum­for­schung lang­sam um­zu­dre­hen. In Ber­lin treibt ei­ne Grup­pe das Le­ben auf en­gem Raum auf die Spit­ze. Ihr Mi­ni-Apart­ment „ti­ny100“ist nur 6,4 Qua­drat­me­ter groß. Trotz­dem pas­sen Bett, Kü­che, Du­sche und So­fa rein. Ver­schach­telt, ge­sta­pelt, doch mög­lich. „Wir ha­ben aus­ge­lo­tet, auf wel­chem Raum man noch le­ben kann“, sagt In­dus­trie­de­si­gner Ra­pha­el Behr. Sitzt man am Schreib­tisch, bau­meln die Fü­ße in die Kü­chen­zei­le. Ir­gend­wann, wenn ei­ne Im­mo­bi­lie ge­fun­den ist, will die Grup­pe um den Ar­chi­tek­ten Van Bo Le-Ment­zel meh­re­re die­ser Mi­ni-Woh­nun­gen für 100 Eu­ro im Mo­nat ver­mie­ten, an Leu­te, die sich Woh­nen sonst oft nicht leis­ten kön­nen. In ei­nem Ge­mein­schafts­raum sol­len die Mie­ter zu­sam­men­kom­men mit wohl­ha­ben­de­ren Be­woh­nern grö­ße­rer Woh­nun­gen im glei­chen Haus. Ob aus Not oder Le­bens­ge­fühl: „Klein und hei­me­lig“sei im­mer mehr ge­fragt, sagt auch Ar­chi­tekt Be­cker. Gleich­zei­tig woll­ten jun­ge Leu­te un­be­dingt in die Stadt. „Und wo ist noch Platz in der Stadt? Auf dem Dach.“So ent­stand die Idee von „ca­bin spacey“: Klei­ne Wohn­con­tai­ner mit Weit­blick ganz oben. Tat­säch­lich sind die Dach­flä­chen deut­scher Groß­städ­te ei­ne rie­si­ge, we­nig ge­nutz­te Res­sour­ce. 50000 Woh­nun­gen könn­ten al­lein auf Ber­lins Dä­chern ent­ste­hen, schätz­te der da­mals zu­stän­di­ge Se­na­tor Andre­as Gei­sel im ver­gan­ge­nen Jahr. Bun­des­weit, so er­gab ei­ne Un­ter­su­chung der Uni Darm­stadt, bie­ten Haus­dä­cher Platz für mehr als 1,5 Mil­lio­nen Woh­nun­gen – und zwar dort, wo die­se schon heu­te knapp und teu­er sind: in Groß­städ­ten, Bal­lungs­räu­men und Uni­städ­ten. Auf vie­le die­ser Dä­cher kann man aus sta­ti­schen Grün­den kein kom­plet­tes Ge­schoss auf­set­zen. Die „ca­bin“von Be­cker und Rauch ist klei­ner und leich­ter. „Sie passt auf Dä­cher, die man sonst nicht be­bau­en kann“, er­klärt Rauch. Schla­fen, Ko­chen, Du­schen, Le­ben auf knapp 25 Qua­drat­me­tern. Ein ein­zi­ger, mi­ni­ma­lis­ti­scher Raum mit vie­len Funk­tio­nen, Stau- und Schach­tel­mög­lich­kei­ten, ganz aus Holz. Das fer­ti­ge Mi­ni-Haus wird mit dem Kran aufs Dach ge­setzt, dar­un­ter ein Ge­rüst zur Last­ver­tei­lung. Theo­re­tisch könn­te das win­zi­ge mit dem Be­sit­zer ein­fach um­zie­hen, vom Dach in Ber­lin aufs Dach in Mün­chen. Doch ge­eig­ne­te Dä­cher mit Flucht­we­gen, An­schlüs­sen und Ge­neh­mi­gung sind schwer zu fin­den. Das ers­te ha­ben Be­cker und Rauch jetzt so gut wie si­cher. Im Som­mer könn­te ihr Mi­ni-Haus auf dem Dach ei­ner Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft in Kreuz­berg ste­hen. Und wer könn­te ein­zie­hen in so ein Raum­wun­der? Leu­te, die oft Stadt und Job wech­seln, sagt Be­cker. Stu­den­ten, Künst­ler, di­gi­ta­le No­ma­den. Leu­te, de­nen nicht nur das Ra­tio­na­le, son­dern auch der Cool­ness-Fak­tor wich­tig ist. Or­dent­lich müs­se man schon sein, wenn man auf so we­nig Raum le­ben wol­le, räumt Behr ein. Ihm selbst wür­den Werk­statt oder La­ger­raum feh­len. „Ich hab ein­fach zu viel Zeug.“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.