Das Fahr­rad-Mäd­chen

Ma­ri­na Dscha­ber tritt in Bag­dad für die Frau­en­rech­te in die Pe­da­le

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Avs

Erst­mals wird beim Main­zer Ro­sen­mon­tags­zug ein Mo­tiv­wa­gen der evan­ge­li­schen Kir­che mitrol­len. Mit dem Ge­fährt wer­de an 500 Jah­re Re­for­ma­ti­on er­in­nert, sag­te Prä­ses Bir- git Pfeif­fer vom Evan­ge­li­schen De­ka­nat Mainz. Schmü­cken wird den Wa­gen ei­ne drei­ein­halb Me­ter gro­ße Fi­gur von Mar­tin Lu­ther (1483–1546). Auch pas­sen­des Wurf­ma­te­ri­al gibt es: Lu­ther­bon­bons et­wa und Mi­niBü­cher zur Re­for­ma­ti­on. Das De­sign stammt von Die­ter Wen­ger, der seit 55 Jah­ren für den Main­zer Car­ne­val Ver­ein Mo­tiv­wa­gen baut. Er ha­be schon vie­le Päps­te, aber zum ers­ten Mal ei­nen Lu­ther ge­baut, sag­te er.

Die lan­gen Haa­re we­hen im Wind, wenn Ma­ri­na Dscha­ber mit ih­rem ro­ten Fahr­rad durch Bag­dad fährt. Vie­le Men­schen im Irak ken­nen die Künst­le­rin nur als „das Mäd­chen auf dem Fahr­rad“. Denn Rad fah­ren­de Frau­en sind in der ira­ki­schen Haupt­stadt heu­te die gro­ße Aus­nah­me. Das war nicht im­mer so: „Mei­ne Mut­ter und mei­ne Groß­mut­ter fuh­ren Fahr­rad. Frü­her war das nor­mal“, sagt die 25-Jäh­ri­ge. Dscha­ber ent­deck­te das Fahr­rad­fah­ren ver­gan­ge­nes Jahr bei ei­nem Be­such in Lon­don für sich. Zu­rück zu Hau­se pro­bier­te sie es auch in Bag­dad – im Rah­men ei­nes Kunst­pro­jekts. Ein Fo­to zeigt Dscha­ber auf dem Rad, ein al­ter Mann, selbst mit dem Fahr­rad un­ter­wegs, starrt sie miss­bil­li­gend an. Die­ses Fo­to stell­te die Künst­le­rin ins In­ter­net. Schnell ver­brei­te­te es sich in den so­zia­len Me­di­en, und im­mer mehr Frau­en trau­ten sich auf den Draht­esel. In­zwi­schen tref­fen sie sich re­gel­mä­ßig zum ge­mein­sa­men Rad­fah­ren. „Ver­bie­tet uns die Ge­sell­schaft be­stimm­te Din­ge, oder ak­zep­tiert sie sie nicht mehr, weil wir auf­ge­hört ha­ben, sie zu tun? Über die­se Fra­ge ha­be ich lan­ge nach­ge­dacht“, er­zählt Dscha­ber. Durch die Be­geg­nung mit dem al­ten Mann fand sie die Ant­wort. „An­fangs fuhr er ne­ben mir her, starr­te mich an men – ei­ne De­mons­tra­ti­on für Frau­en­rech­te und ge­gen den Krieg. In­zwi­schen sperrt die Po­li­zei in Bag­dad Stra­ßen und es­kor­tiert die ra­deln­den Frau­en auf ih­ren De­mons­tra­ti­ons­fahr­ten. „Es gab an­fangs auch ne­ga­ti­ve Re­ak­tio­nen“, sagt Ma­ri­na Dscha­ber. „Aber am häu­figs­ten hö­re ich „Ah, das ist das Bag­dad, wir ken­nen!“Der jun­ge Of­fi­zier Musta­fa Ah­med hat sich den fahr­rad­fah­ren­den Frau­en an­ge­schlos­sen. „Das ist auch für Män­ner be­frei­end“, sagt er. „Al­le se­hen so glück­lich aus und die Stadt wirkt schö­ner. Das fühlt sich nach dem nor­ma­len Le­ben an, das wir uns wün­schen.“

Mit ei­nem Kunst­pro­jekt in Fahrt ge­kom­men

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