„Lie­ber wei­ßer Fleck!“

Ein Buch vol­ler Lie­bes­brie­fe, die nie ab­ge­schickt wur­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER - Tan­ja Ka­sisch­ke Emi­ly Trun­kos Blog hat die In­ter­net-Adres­se http://de­ar­my­blank.tum­blr.com/ Ihn gibt es je­doch nur in eng­li­scher Spra­che. Ei­ne Aus­wahl der ver­öf­fent­lich­ten Brie­fe sind in deut­scher Über­set­zung als Ju­gend­buch im Loewe Ver­lag er­schie­nen. Der

In die Ta­ge­bü­cher an­de­rer zu schau­en, ist ei­gent­lich ta­bu. Vie­le Ein­trä­ge han­deln von Ge­heim­nis­sen oder es ste­hen Sät­ze dar­in, die in Wirk­lich­keit un­aus­ge­spro­chen blei­ben. Weil man sich nicht traut, sie zu äu­ßern oder schon weiß, dass Re­den nicht wei­ter­hilft. Weil die an­ge­spro­che­ne Per­son nicht mehr da ist oder in je­mand an­de­res ver­liebt. Oder ein Pro­mi, an den man nicht ran­kommt. Im Ta­ge­buch sind die Ge­füh­le gut auf­ge­ho­ben. Vor zwei Jah­ren schrieb sich Emi­ly Trun­ko so ih­ren Lie­bes­kum­mer von der See­le, als wür­de sie ei­nen Brief an ih­ren Schwarm rich­ten - oh­ne ihn al­ler­dings ab­zu­schi­cken. Da­nach fühl­te sie sich bes­ser. In­zwi­schen hat sich Emi­ly neu ver­liebt, in ei­nen Jun­gen, den sie übers In­ter­net ken­nen­ge­lernt hat. Er schick­te ei­nen Brief an ih­ren Blog De­ar My Blank. Über­setzt heißt der Ti­tel un­ge­fähr: Lie­ber wei­ßer Fleck! oder: Lie­bes freiblei­ben­des Adress­feld! Emi­ly mein­te da­mit den Emp­mög­lich fän­ger ih­res Brie­fes, des­sen Na­men sie nicht ver­riet. Die 17-Jäh­ri­ge lebt in ei­ner klei­nen Stadt im US-Bun­des­staat Ohio. Ih­re liebs­ten Hob­bys sind Le­sen und Blog­gen. Mitt­ler­wei­le ist De­ar My Blank ei­ne Art öf­fent­li­ches

Ab­sen­der wa­ren fei­ge oder fürch­te­ten Spott

Ta­ge­buch ge­wor­den, mit Nach­rich­ten und Brie­fen, die ih­re Ab­sen­der zwar ge­schrie­ben ha­ben aber nie ab­schick­ten. Zu­min­dest nicht an den Emp­fän­ger. Sie wa­ren zu fei­ge, schäm­ten sich ih­rer Ge­füh­le oder be­fürch­te­ten Spott. Al­le die­se Brie­fe lan­de­ten bei Emi­ly. Sie ver­öf­fent­licht sie an­onym. Das be­deu­tet, den In­halt kann je­der le­sen, Ab­sen­der und Emp­fän­ger blei­ben aber ge­heim. Sie tau­chen nur mit dem ers­ten Buch­sta­ben ih­rer Vor­na­men auf. Emi­ly Trun­ko ist selbst schüch­tern. Sie weiß, wie es sich an­fühlt, Ge­füh­le zu ver­ber­gen. „Sie auf­zu­schrei­ben mach­te es mir leich­ter, weil ich be­stim­men konn­te, wann ich auf­hör­te, in je­man­den ver­liebt zu sein.“Dass sie sehr pri­va­te Ge­dan­ken im In­ter­net öf­fent­lich mach­te, er­staun­te vor al­lem die Er­wach­se­nen. Ei­ni­ge re­agier­ten ge­rührt, an­de­re ver­ständ­nis­los, ei­ni­ge em­pört: Hat­ten Emi­ly und die an­de­ren nie­man­den, mit dem sie über al­les re­den konn­te? Sie selbst sagt: „Für mei­ne Ge­ne­ra­ti­on ist das In­ter­net ein ganz nor­ma­les Me­di­um.“Des­halb be­gann sie das „Ge­spräch“mit ih­rem neu­en Freund auch in Form von E-Mails und Whats­App-Nach­rich­ten. Er wohn­te schließ­lich wo­an­ders. Je­den Tag schreibt Emi­ly an ih­rem Blog, „ein bis zwei St­un­den lang, meis­tens abends“. An­fangs schick­te sie Nach­rich­ten an be­freun­de­te Blog-Au­to­ren, um ih­nen ihr Pro­jekt zu zei­gen. Da­mit setz­te die Schü­le­rin ei­ne Brief­flut in Gang, „die ich nicht für ge­hal­ten hät­te“. Ih­re Freun­de ver­brei­te­ten die Idee wei­ter. Übe­r­all in den USA er­fuh­ren Men­schen da­von, die – wie Emi­ly – nie ver­schick­te Brie­fe an ei­ne ge­lieb­te Per­son in der Schub­la­de lie­gen hat­ten. Sie schick­ten sie an De­ar MyBlank. Hun­der­te Ein­sen­dun­gen hat Emi­ly seit­dem er­hal­ten. Sie tippt je­den Brief am Com­pu­ter ab, da­mit kei­ne Hand­schrift den Ab­sen­der ver­rät. „Dass mir frem­de Men­schen Brie­fe schi­cken, ist ein gro­ßer Ver­trau­ens­be­weis. Sie wol­len mit Ge­füh­len ab­schlie­ßen, die sie trau­rig ma­chen. Da­bei möch­te ich hel­fen. Und das funk­tio­niert wirk­lich!“

„Nie ver­schick­te Brie­fe“fin­den sich in dem Buch von Emi­ly Trun­ko (Mit­te). Oben links das Co­ver des Buchs, da­zu drei Sei­ten mit Text-Aus­schnit­ten nie ab­ge­schick­ter Brie­fe. Emi­ly hat al­le Brie­fe neu ge­tippt oder ab­ge­schrie­ben, da­mit man kei­ne Hand­schrif­ten er­kennt. Noch viel mehr die­ser Brie­fe fin­den sich auf der (eng­li­schen) Home­page von Emi­ly. Fo­tos: Loewe Ver­lag

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