Vom Charme der Kehr­sei­te

Ei­ne gött­li­che Be­geg­nung auf dem Karls­ru­her Schloss­platz

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Fo­to: bo/Mon­ta­ge: SO

Gut 250 Jah­re hat die Ve­nus von Ignaz Len­ge­lacher auf dem Bu­ckel, doch sie ko­ket­tiert noch im­mer mit ih­rer Schön­heit. Und die macht sie vor al­lem an ih­rem präch­ti­gen Hin­tern fest. Mehr da­zu auf

Die Kehr­sei­te des Ruhms kann ganz schön kna­ckig sein. Wes­halb Stars und Stern­chen, die rich­tig viel Auf­merk­sam­keit wol­len, schon mal „Bel­fies“pos­ten. So hei­ßen im Netz-Slang Sel­fies, die nicht das Köpf­chen, son­dern das Hin­ter­teil („butt“) in Sze­ne set­zen. Jen­ni­fer Lopez zum Bei­spiel – die Pop-Di­va prä­sen­tiert ihr pral­les Mar­ken­zei­chen im­mer wie­der gern. Das „ge­fällt“dem Pu­bli­kum und pro­vo­ziert Kom­men­ta­re, wo­nach der Po der 47-Jäh­ri­gen „im­mer noch“ex­trem se­xy sei und es lo­cker mit dem Ge­säß des deut­lich jün­ge­ren It-Girls Kim Kar­da­shi­an auf­neh­men kön­ne ... Der Kult um den Po ist kein Phä­no­men des In­ter­net-Zeit­al­ters. Weib­li­che Hin­ter­ba­cken ha­ben schon man­chen Künst­ler be­flü­gelt. So auch Ignaz Len­ge­lacher (1698–1780), der ei­ni­ge Jah­re als Hof­fi­gu­rist im Di­enst des Mark­gra­fen Karl Fried­rich von Ba­den stand. Von dem baye­ri­schen Bild­hau­er stammt der größ­te Teil des Skulp­tu­ren­schmucks am Karls­ru­her Schloss. Zu­dem schuf er my­tho­lo­gi­sche Bild­wer­ke, wie man sie im Ba­rock lieb­te. Zu den sa­gen­um­wo­be­nen Hel­den und Göt­tern, die den Schloss­platz säu­men, ge­hört ei­ne Da­me in ne­cki­scher Po­se: die Ve­nus Kal­li­py­gos, „die, mit dem schö­nen Hin­tern“. Len­ge­lachers Bild­wer­ke – und mit ih­nen die pracht­hin­tri­ge Göt­tin der Lie­be – ha­ben im Lau­fe der Jahr­zehn­te ei­ni­ges mit­ge­macht. Be­reits 1801 ver­pass­te man den aus ro­tem Sand­stein ge­fer­tig­ten Stand­fi­gu­ren erst­mals ei­nen wei­ßen Ölan­strich – „klas­si­zis­ti­sche Rein­heit“stand da­mals hoch im Kurs. Zu­dem muss­ten Ve­nus, Bac­chus, Äs­ku­lap und Co mehr­fach um­zie­hen und wur­den über Jah­re hin­weg ganz aus dem Schlossare­al ver­bannt. Schließ­lich wa­ren sie in ei­nem so de­so­la­ten Zu­stand, dass das Staat­li­che Hoch­bau­amt die Ori­gi­na­le – so­weit noch vor­han­den – in Ob­hut nahm und am Schloss­platz Ko­pi­en auf­ge­stellt wur­den. Seit der letz­ten Um­ge­stal­tung des Plat­zes im Vor­feld des Karls­ru­her Stadt­ge­burts­ta­ges 2015 wen­det die Ve­nus ih­ren schö­nen Hin­tern nun dem Schloss zu. Was da­zu führt, dass Spa­zier­gän­ger, die sich der vom Zir­kel her nä­hern, die nack­ten Tat­sa­chen erst mal gar nicht wahr­neh­men. Sie fra­gen sich viel­mehr: War­um macht die Da­me so merk­wür­di­ge Ver­ren­kun­gen? Wer um die Fi­gur her­um­geht, ent­deckt den Zweck der Po­se: Die Ve­nus rafft ihr Ge­wand und reckt den Hals weit nach hin­ten: Sie müht sich, ihr ei­ge­nes ach so schö­nes Hin­ter­teil in Au­gen­schein zu neh­men. Aber war­um ris­kiert die Göt­tin der Lie­be ei­nen stei­fen Hals und un­ter­zieht sich die­ser doch nur teil­wei­se von Er­folg ge­krön­ten An­stren­gung? Da­von er­zählt ei­ne Sa­ge, die in Bü­chern wie „Phan­ta­si­en des Al­ter­th­ums“von 1818 oder „Carl From­mels pit­to­res­kes Italien“von 1840 lie­be­voll aus­ge­schmückt wur­de: Die Ve­nus mit dem schö­nen Hin­tern hat ih­ren Ur­sprung im an­ti­ken Si­zi­li­en. Bei Sy­ra­kus wa­ren einst zwei ar­me Land­mäd­chen un­ter­wegs und strit­ten er­bit­tert dar­über, wel­che von ih­nen das schö­ne­re Hin­ter­teil ha­be. Als ein jun­ger Mann vor­bei­kam, ba­ten sie ihn, als Schieds­rich­ter zu fun­gie­ren. Der Jüng­ling, der aus ei­ner sehr wohl­ha­ben­den Fa­mi­lie stamm­te, in­spi­zier­te die Ge­sä­ße und er­kann­te den Preis der Äl­te­ren zu. Spä­ter be­rich­te­te er sei­nem Bru­der von dem skur­ri­len Streit – und der mach­te sich so­fort zu ei­ge­nen Be­trach­tun­gen auf. Er kam zu ei­nem an­de­ren Er­geb­nis: Der Po der jün­ge­ren Schwes­ter sei der schöns­te. So gab es in dem an­ti­ken Schön­heits­wett­be­werb zwei Sie­ge­rin­nen. Vor al­lem auch des­we­gen, weil sich die bei­den Jüng­lin­ge so sehr in rei­zen­den Hin­ter­ba­cken der Bau­ern­mäd­chen ver­liebt hat­ten, dass sie ih­rer je­wei­li­gen Fa­vo­r­iGöt­tin tin prompt ei­nen Hei­rats­an­trag mach­ten. Die Mäd­chen wie­der­um, die durch die Dop­pel­hoch­zeit zu Ver­mö­gen ka­men, stif­te­ten der Göt­tin der Lie­be ei­nen Tem­pel – mit dem Bil­de der Ve­nus, die über die Schul­ter nach eben je­nem Kör­per­teil blickt, dem die Stif­te­rin­nen ihr Glück ver­dank­ten. Das Mo­tiv der Ve­nus „mit dem schö­nen Hin­tern“ent­zück­te und wur­de viel­fach auf­ge­grif­fen. Vor rund 250 Jah­ren auch von Ignaz Len­ge­lacher, dem der Karls­ru­her Schloss­platz ei­ne – „im­mer noch“– sehr be­mer­kens­wer­te Kehr­sei­te ver­dankt.

My­tho­lo­gi­sche Fi­gu­ren säu­men den Weg zum Karls­ru­her Schloss. Dar­un­ter ist auch ei­ne Ve­nus in recht merk­wür­di­ger Po­se ...

... kein Wun­der, die Göt­tin ver­sucht, über die Schul­ter hin­weg ei­nen Blick auf ih­ren schö­nen Hin­tern zu wer­fen. Fo­tos: bo

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