Kalb­s­ha­xe Flo­ri­da und Piz­za Ha­waii

Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL - Wolf­gang We­ber

„Ent­schul­di­gen Sie, ist das der Lamm­sat­tel mit Pü­ree?“, fragt ein Gast im Sketch „Schmeckt’s?“den ne­ben ihm spei­sen­den Lo­ri­ot. „Nein“, sagt der und schüt­telt den Kopf. „Das ist Kalb­s­ha­xe. Kalb­s­ha­xe Flo­ri­da.“Durch wel­che ver­mut­lich exo­ti­sche Zu­tat sich die bie­de­re Kalb­s­ha­xe den il­lus­tren Zu­satz „Flo­ri­da“ver­dient hat, wird in dem Sketch nicht er­wähnt – ver­mut­lich durch das ins Fleisch ge­steck­te Schirm­chen. An­zu­neh­men ist aber, dass sich Lo­ri­ot mit die­ser Spei­se über den da­mals sehr be­lieb­ten „To­ast Ha­waii“lus­tig mach­te. Der mit Schin­ken, Kä­se und ei­ner Schei­be Ana­nas be­leg­te und über­ba­cke­ne To­ast wur­de ver­mut­lich Mit­te der 50er Jah­re von ei­nem Fern­seh­koch na­mens Cle­mens Wil­men­rod er­fun­den. „Er bün­del­te auf we­ni­gen Qua­drat­zen­ti­me­tern Wei­zen­brot die Sehn­süch­te ei­ner gan­zen Epo­che: Die ver­schwen­de­ri­sche Kom­bi­na­ti­on aus Schin­ken und Kä­se de­mons­trier­te den neu ge­won­ne­nen Wohl­stand, Ana­nas und Cock­tail­kir­schen drück­ten die Sehn­sucht nach der wei­ten Welt aus“. So be­schreibt die Au­to­rin Gu­drun Rot­haug im Ta­schen­buch „In al­ler Mun­de“den To­ast Ha­waii, der üb­ri­gens auch heute noch auf über­ra­schend vie­len Spei­se­kar­ten auf­taucht. Und zwar so­wohl in gut­bür­ger­li­chen, deut­schen Spei­se­lo­ka­len als auch in be­son­ders coo­len Sze­ne­knei­pen in Ber­lin, für die der lus­tig aus­se­hen­de To­ast ver­mut­lich ei­nen nost­al­gi­schen Spaß dar­stellt. Um noch ei­nen drauf­zu­set­zen auf Lo­ri­ot, ver­öf­fent­lich­te Ger­hard Polt im Jahr 1981 ei­ne Plat­te mit dem Ti­tel „Le­ber­käs Ha­waii“, ver­mut­lich noch nicht ah­nend, dass sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten al­ler­lei „Ha­waii­iges“in deut­schen Lo­ka­len breit­ma­chen soll­te, vom „Schwei­nesteak Ha­waii“bis hin zur „Piz­za Ha­waii“. Letz­te­re sorg­te die­ser Ta­ge zu­nächst in Is­land und da­nach welt­weit für Schlag­zei­len, denn Is­lands Prä­si­dent Gud­ni Th. Jóhan­nes­son gab jetzt zu, ei­ne tie­fe Ab­nei­gung ge­gen Piz­za Ha­waii zu he­gen. Ana­nas auf Piz­za sei ihm so­gar der­art zu­wi­der, dass er sie am liebs­ten ver­bie­ten wür­de. In sei­ner Hei­mat gab es dar­auf­hin er­reg­te Dis­kus­sio­nen, denn im­mer­hin mag ei­ner Um­fra­ge zu­fol­ge fast je­der Drit­te Is­län­der ei­ne Piz­za mit Ana­nasbe­lag. Dem Staats­ober­haupt blieb des­halb nichts an­de­res üb­rig, als schnell wie­der zu­rück zu ru­dern. „Ich ha­be nicht die Macht, Ge­set­ze zu er­las­sen, die Leu­ten ver­bie­ten, Ana­nas auf ih­re Piz­za zu tun“, schrieb er bei Face­book. Und dies, so füg­te er selbst­kri­tisch hin­zu, sei ei­gent­lich auch ganz gut so.

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