„Tan­te­les“Sor­gen­kind

Her­mi­ne Vil­lin­ger war mit Ge­schich­ten aus Ba­den über­aus er­folg­reich

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Als sie ein „Back­fisch“war und in Offenburg die Klos­ter­schu­le be­such­te, schrieb Her­mi­ne Vil­lin­ger an ih­re Fa­mi­lie in Karls­ru­he: „Ver­zwei­felt nicht, auch aus mir kann noch et­was wer­den, so Gott will. Amen.“Und tat­säch­lich: Aus dem 1849 in Frei­burg ge­bo­re­nen Töch­ter­lein ei­nes Ge­hei­men Kriegs­rats wur­de was. Al­ler­dings kei­ne bra­ve Ehe­frau, wie es die El­tern wohl ge­hofft hat­ten. Auch kei­ne Schau­spie­le­rin, wo­mit sie selbst ge­lieb­äu­gelt hat­te. Son­dern ei­ne Schrift­stel­le­rin. Und zwar ei­ne sehr er­folg­rei­che. Ih­re Ge­schich­ten, über­wie­gend am Ober­rhein und im Schwarz­wald an­ge­sie­delt, spra­chen ein brei­tes Pu­bli­kum an. Zu­mal sie in un­ge­küns­tel­ter Spra­che schrieb, oft den Dia­lekt be­müh­te und ih­re Wer­ke mit ei­ner kräf­ti­gen Pri­se Hu­mor würz­te. 100 Jah­re nach ih­rem Tod am 3. März 1917 ist Her­mi­ne Vil­lin­ger al­ler­dings so gut wie ver­ges­sen. Das mag da­ran lie­gen, dass ih­re Er­zäh­lun­gen heute sehr harmlos und be­tu­lich er­schei­nen: Ge­schich­ten wie „Die Nar­ren-Ro­sel“, „Un­ter

„Auch aus mir kann noch et­was wer­den“

Bau­ern“oder „Der Töp­fer von Kun­ter­burg“at­men den Geist des 19. Jahr­hun­derts. „Aus Ih­ren Wer­ken er­ken­ne ich mein Land und mein Volk und das be­wegt mir das Herz“, soll Groß­her­zog Fried­rich I. ge­sagt ha­ben, als er Her­mi­ne Vil­lin­ger mit der Me­dail­le für Kunst und Wis­sen­schaft aus­zeich­ne­te. Wie der Würt­tem­ber­ger Bert­hold Au­er­bach (1812–1882), der mit sei­nen „Schwarz­wäl­der Dorf­ge­schich­ten“Welt­ruhm er­rang, be­dien­te auch die ba­di­sche Best­sel­ler-Au­to­rin die mit der fort­schrei­ten­den In­dus­tria­li­sie­rung ein­her­ge­hen­de Sehn­sucht des Pu­bli­kums nach Ur­sprüng­lich­keit und tra­di­tio­nel­len Le­bens­for­men. Ei­ne sol­che Rück­wärts­ge­wandt­heit wur­de durch­aus als mo­dern emp­fun­den. Und leb­te Her­mi­ne Vil­lin­ger nicht selbst nach ei­nem höchst mo­der­nen Ent­wurf? Sie, die al­lein­ste­hen­de Frau, die sich mit ih­rer Schrift­stel­le­rei er­näh­ren konn­te. Sie, die sich ei­nen Na­men mach­te, nach­dem sie ih­re ers­ten No­vel­len noch un­ter ei­nem Pseud­onym ver­öf­fent­lich hat­te. „Dass wir so ein Kind ha­ben müs­sen“, soll ihr „Tan­te­le“ge­stöhnt ha­ben. Denn Klein-Her­mi­ne fiel öf­ter un­lieb­sam auf, balg­te sich gar mit Bu­ben. In der Hö­he­ren Töch­ter­schu­le in Karls­ru­he, dem Klos­ter in Offenburg und dem vor­neh­men Vik­to­ria-Ly­ze­um in Ber­lin wur­de Her­mi­ne Vil­lin­ger ge­zähmt. Von dort be­kam sie zwar kei­ne um­fas­sen­de Bil­dung mit – die war für Mäd­chen nicht vor­ge­se­hen. Aber im­mer­hin konn­te sie sich ih­ren Witz be­wah­ren. Und ih­ren ei­ge­nen Kopf. So spricht sie in et­li­chen ih­rer Ge­schich­ten so­zia­le und ge­schlechts­be­ding­te Un­ge­rech­tig­kei­ten an, al­ler­dings auf ei­ne für christ­lich-kon­ser­va­ti­ve Le­ser ver­träg­li­che Wei­se. Als wort­ge­wal­ti­ge Vor­kämp­fe­rin der Frau­en­rech­te hat Her­mi­ne Vil­lin­ger sich nicht pro­fi­liert. Sie ließ es in ih­ren oft au­to­bio­gra­fisch ge­präg­ten Best­sel­lern lie­ber char­mant „plät­schern“.

Ei­ne Vor­lie­be für selbst­be­wuss­te Frau­en

Doch ih­re Vor­lie­be für selbst­be­wuss­te Frau­en, die das Le­ben oh­ne männ­li­che An­lei­tung meis­tern, schlägt in vie­len Ge­schich­ten durch. So auch im Ro­man „Die Re­bäch­le“von 1910, des­sen Haupt­fi­gur der einst sehr pro­mi­nen­ten Hof­schau­spie­le­rin Ama­lie Hai­zin­ger nach­emp­fun­den ist. Das Buch ent­führt in ein vom La­ven­del­duft des 19. Jahr­hun­derts durch­weh­tes Karls­ru­he – die Stadt, in der Her­mi­ne Vil­lin­ger die meis­te Zeit ih­res Le­ben ver­brach­te. 2009 wur­de der Ro­man im In­fo-Ver­lag neu auf­ge­legt. Im Nach­wort be­schei­ni­gen Jür­gen Op­per­mann und Hans­ge­org Schmidt-Berg­mann der vor 100 ge­stor­be­nen Schrift­stel­le­rin, dass ihr Ge­samt­werk heute als „Do­ku­ment ei­ner Eman­zi­pa­ti­on zu le­sen“sei. Ei­ner Eman­zi­pa­ti­on frei­lich, „die nur teil­wei­se ge­lin­gen konn­te.“

Einst Best­sel­ler-Au­to­rin, heute fast ver­ges­sen: Her­mi­ne Vil­lin­ger (1849 – 1917). Fo­to: BNN-Ar­chiv

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