Le­se­stoff

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Mr

Die Wirk­lich­keit ist oft schlim­mer als je­de Fan­ta­sie. Ei­ne nicht neue Er­kennt­nis, die der ös­ter­rei­chi­sche Au­tor Franz­o­bel dem Le­ser aber auf be­ein­dru­cken­de Wei­se frisch ein­häm­mert. „Das Floß der Me­du­sa“ist die er­schre­cken­de, un­ap­pe­tit­li­che, de­mas­kie­ren­de und lei­der auf ei­ner wah­ren Ge­schich­te ba­sie­ren­de Schil­de­rung ei­nes Schiff­bruchs, der vor 200 Jah­ren Frank­reich auf­wühl­te. Im Som­mer 1816 läuft die Fre­gat­te Me­du­sa mit rund 400 Men­schen an Bord vor der west­afri­ka­ni­schen Küs­te auf ei­ne Sand­bank. Die Ret­tungs­boo­te sind schnell voll, ein selbst­ge­zim­mer­tes Floß soll die üb­ri­gen 146 Män­ner und ei­ne Frau an die 100 See­mei­len ent­fern­te Küs­te brin­gen. Zwei Wo­chen spä­ter wer­den nur noch 15 Über­le­ben­de – an Kör­per und Geist zer­stört – vom an­fangs über­la­de­nen Floß ge­ret­tet. Die ei­nen wur­den ins Meer ge­sto­ßen, die an­de­ren spran­gen ver­zwei­felt in den At­lan­tik. Der ei­ne spal­te­te sei­nem Ne­ben­mann mit der Axt den Schä­del, Ge­walt-Ex­zes­se lo­der­ten im­mer wie­der auf. Am En­de herrscht Kan­ni­ba­lis­mus. Der Schiffs­arzt Hen­ri Sa­vi­gny schrieb spä­ter al­les auf und man er­kennt: All die ein­ge­bil­de­ten Schre­cken un­se­rer Me­lo­dra­men sind nichts, ver­gli­chen mit den Schre­cken die­ser Ka­ta­stro­phe.

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