Auf den Spu­ren des Zau­be­rers

Bad Tölz will zum Pil­ger­ziel für Tho­mas-Mann-Ver­eh­rer wer­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - REISE & URLAUB - Srt

Wenn ich an Kind­heit den­ke, den­ke ich an Tölz: Der Aus­spruch von Klaus Mann, Sohn des No­bel­preis­trä­gers Tho­mas Mann, be­legt das be­son­de­re Ver­hält­nis zwi­schen der ober­baye­ri­schen Kur­stadt und den Manns. Meh­re­re Som­mer lang ge­nos­sen die vier äl­tes­ten Mann-Kin­der Klaus, Eri­ka, Go­lo und Mo­ni­ka bei Spa­zier­gän­gen die grü­nen Wie­sen, be­stie­gen mit ih­rer Mut­ter Ka­tia Voral­pen­gip­fel, ba­de­ten im na­hen Klam­mer­wei­her und spiel­ten im weit­läu­fi­gen Gar­ten, wäh­rend der Va­ter ar­bei­te­te. Und das tat er häu­fig: In Bad Tölz ent­stan­den Tei­le der Wer­ke „Tod in Ve­ne­dig“und „Der Zau­ber­berg“. Wer in Deutsch­land auf den Spu­ren des gro­ßen Schrift­stel­lers wan­deln möch­te, der hat nicht sehr viel Aus­wahl: Haupt­ziel der Li­te­ra­tur­freun­de ist das Mu­se­um „Bud­den­brook-Haus“in Lü­beck. Das Ge­bäu­de, in dem Tho­mas Mann als Sohn ei­ner Kauf­manns­fa­mi­lie auf­wuchs, steht al­ler­dings nicht mehr. Den größ­ten Teil sei­nes Le­bens ver­brach­te Mann in Mün­chen: Das Fa­mi­li­en­do­mi­zil in der Po­schin­ger­stra­ße wur­de mehr­mals um­ge­stal­tet, an ei­ni­gen wei­te­ren Adres­sen in der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt fin­den sich schlich­te Ge­denk­ta­feln. Im ver­gan­ge­nen Herbst er­warb die Bun­des­re­pu­blik zu­dem das Haus des Dich­ters in Los An­ge­les, in dem er ei­ni­ge Jah­re im Exil ver­brach­te – noch ist je­doch nicht klar, ob und wann es öf­fent­lich zu­gäng­lich sein wird. So emp­fiehlt sich Bad Tölz als Pil­ger­ort für Li­te­ra­tur­freun­de: Ab 1909 hat­te der No­bel­preis­trä­ger ei­nen Land­sitz in der Voral­pen­stadt, der heute als letz­tes im Ori­gi­nal er­hal­te­nes und von der Fa­mi­lie Mann er­bau­tes Haus gilt. 1917 wur­de das An­we­sen in den Wir­ren des Ers­ten Welt­kriegs ver­kauft – An­lass für die Stadt, 2017 zum Tho­masMann-Jahr zu de­kla­rie­ren. Da­bei ist die Vil­la selbst nicht zu­gäng­lich. Sie dient seit 1926 Or­dens­frau­en der Ar­men Schul­schwes­tern als Gäste­haus. Doch auch von au­ßen ist das hoch­herr­schaft­li­che Ge­bäu­de se­hens­wert. Gleicht die Be­schrei­bung doch dem Land­sitz, den sich Gus­tav von Aschen­bach im Buch „Tod in Ve­ne­dig“im Ge­bir­ge er­rich­tet hat­te. Drei ver­schie­de­ne Stadt­spa­zier­gän­ge füh­ren zu be­deut­sa­men Plät­zen wie et­wa auf den klei­nen Hü­gel Ko­gel ganz im Wes­ten von Bad Tölz, wo Tho­mas Mann den Hund Bau­schan kauf­te – wich­ti­ger Prot­ago­nist et­wa in der No­vel­le „Herr und Hund“. Da ist der Klam­mer­wei­her, in dem die Kin­der schwim­men lern­ten und an des­sen Ufer Bäu­me zur Er­in­ne­rung an ver­schie­de­ne Fa­mi­li­en­mit­glie­der ge­pflanzt sind. An der Gal­gen­lei­te, am nörd­li­chen Fuß des Kal­va­ri­en­bergs, wur­de im Win­ter Schlit­ten ge­fah­ren. Und der Ein­druck, den die win­ter­li­chen Schnee­mas­sen in Tölz auf Tho­mas Mann mach­ten, floss in das zen­tra­le Schnee-Ka­pi­tel des „Zau­ber­bergs“ein. Was wird sonst ge­bo­ten? Im März be­ginnt ei­ne Vor­trags­rei­he und im Sep­tem­ber tagt die Tho­mas-Mann-Ge­sell­schaft im Töl­zer Kur­haus. Als die­ses 1914 er­öff­net wur­de, zähl­te Tho­mas Mann zu den ge­la­de­nen Gäs­ten. Da­zu gibt es re­gel­mä­ßig the­ma­ti­sche Stadt­füh­run­gen. Da­nach kön­nen sich Ur­lau­ber ein vom Mühl­feld­bräu ge­brau­tes Tho­masMann-Bier schme­cken las­sen: Das Eti­kett des hel­len La­ger­biers zie­ren die Vil­la so­wie ein Porträt des Schrift­stel­lers. Beim „Bin­der­bräu“auf der an­de­ren Isar­se­i­te wird ge­speist wie an­no da­zu­mal: Der Wirt ser­viert Kräu­ter­sup­pe mit Erb­sen, Kalbs­ra­gout mit To­ma­te in Weiß­wein­sud („Hom­mage an Fe­lix Krull“), da­zu Blatt­spi­nat (aus dem Haus­koch­buch der Fa­mi­lie Mann) und Po­len­ta („Dr. Faus­tus“) so­wie ei­nen Ma­ra­schi­noPud­ding („Bud­den­brooks“) – al­les Ge­rich­te, die in Tho­mas Manns Ro­ma­nen be­schrie­ben wer­den. Von iPho­ne-Usern weiß man es ja be­reits: App­leJün­ger wer­den von di­ver­sen Flug­bu­chungs­ma­schi­nen als be­son­ders sol­vent ein­ge­schätzt. Wer dort mit sei­nem App­le-Smart­pho­ne Flü­ge checkt, dem wer­den hö­he­re Prei­se an­ge­bo­ten als dem­je­ni­gen mit der al­ten No­kia-Kis­te. Jetzt könn­te es auch ei­ner an­de­ren Grup­pe an den Kra­gen ge­hen: den Über­ge­wich­ti­gen. Die ste­hen schon lan­ge auf der Auf­preis­wunsch­lis­te vie­ler Flug­ge­sell­schaf­ten. Aus de­ren Sicht ist das ver­ständ­lich: Schließ­lich ver­ur­sa­chen die 150 Ki­lo ei­nes XXL-Pas­sa­giers drei­mal so viel Treib­stoff­kos­ten wie die 50 Ki­lo ei­nes Mo­dels. Al­ler­dings gab es bis­lang ein er­heb­li­ches Pro­blem: Wie lässt sich das Pas­sa­gier­ge­wicht be­reits bei der Bu­chung fest­stel­len? Da­für hat die Kre­dit­kar­ten­fir­ma Mas­ter­card mitt­ler­wei­le ei­ne Lö­sung pa­rat. Wie der bri­ti­sche Bran­chen­dienst Skift her­aus­fand, hat sich der Kre­dit­kar­ten­mul­ti be­reits 2015 ein ent­spre­chen­des Pa­tent ge­si­chert. Es trägt den sper­ri­gen Ti­tel „Air­line-Sitz-Op­ti­mie­rung für Schul­ter­brei­te und Grö­ße der Pas­sa­gie­re“. Da­rin wird ein Ver­fah­ren be­schrie­ben, mit dem sich an­hand von Klei­dungs- und Schuh­käu­fen ab­schät­zen lässt, wie vie­le Ki­lo ein Kre­dit­kar­ten­be­sit­zer auf die Waage bringt und wie groß er ist. In der Pa­tent­schrift teilt Mas­ter­card ganz of­fen­her­zig mit, dass diese Da­ten auf Wunsch an Air­lines wei­ter­ge­ge­ben wer­den kön­nen. Of­fi­zi­ell ge­schieht das, da­mit die Flug­ge­sell­schaft das Ge­wicht in der Ma­schi­ne gleich­mä­ßig ver­tei­len kann. Was die Flug­ge­sell­schaf­ten dar­über hin­aus mit den ein­mal er­hal­te­nen Da­ten tun, ist dann frei­lich nicht mehr Sa­che von Mas­ter­card. Ob und in­wie­weit Flug­ge­sell­schaf­ten das Mas­ter­card-Pa­tent be­reits nut­zen, teil­te der Kre­dit­kar­ten­rie­se auf Nach­fra­ge nicht mit. Ein Spre­cher er­klär­te nur, dass man nicht al­le Pa­ten­te in die Pra­xis um­set­ze. Bis­lang trau­en sich nur we­ni­ge Flug­ge­sell­schaf­ten, di­cken Pas­sa­gie­ren auch mehr Geld ab­zu­knöp­fen. Ha­waii­an Air­lines wiegt die Pas­sa­gie­re auf der Stre­cke von Ho­no­lu­lu nach Pa­go Pa­go in Ame­ri­ka­nisch-Sa­moa. Uz­be­kis­tan Air­ways lässt die Pas­sa­gie­re vor dem Start auf die Waage stei­gen. Und Sa­moa Air be­rech­net ganz of­fi­zi­ell den Preis für ein Flug­ti­cket nach Ge­wicht. Flug­gäs­te müs­sen ihr Ge­wicht schät­zen – und nach­zah­len, wenn ge­schwin­delt wur­de.

Idyll an der Isar: Die ober­bay­ri­sche Kur­stadt ist vie­len Men­schen vor al­lem als Hei­mat des „Bul­len von Tölz“ein Be­griff; jetzt will man sich lie­ber mit Tho­mas Mann schmü­cken, des­sen Fa­mi­lie einst zur Som­mer­fri­sche an­reis­te. Fo­to: Bad Tölz Tou­ris­mus

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