Hil­fe in Le­bens­kri­sen

Ein Be­such beim Ar­beits­kreis Le­ben Karls­ru­he / „Die Men­schen brau­chen ei­ne Be­zugs­per­son“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - DIE REGION - Wolf­gang We­ber

Im Jahr 1953 gab der an­gli­ka­ni­sche Pfar­rer ei­ner Lon­do­ner In­nen­stadt­ge­mein­de, Chad Va­rah, in der „Ti­mes“ei­ne An­zei­ge mit fol­gen­dem Wort­laut auf: „Be­vor Sie Selbst­mord be­ge­hen, ru­fen Sie mich an.“Mit den „Sa­ma­ri­tans“wur­de die te­le­fo­ni­sche Be­treu­ung in En­g­land dann in­sti­tu­tio­na­li­siert, drei Jah­re da­nach ent­stand in Deutsch­land die „ärzt­li­che Le­bens­mü­den­be­treu­ung“, aus der wie­der­um die Te­le­fon­seel­sor­ge her­vor­ging. In ei­ner klei­nen, ge­müt­li­chen, zur Ge­schäfts­stel­le um­funk­tio­nier­ten Woh­nung in der Karls­ru­her Hirsch­stra­ße sit­zen Trau­del Ro­mer und Do­ro­thea Manz an ei­nem Tisch und er­zäh­len von ih­rer Ar­beit. Trau­del Ro­mer ist ers­te Vor­sit­zen­de des AKL Karls­ru­he. AKL steht für „Ar­beits­kreis Le­ben“, ins­ge­samt zehn AKL-Zweig­stel­len gibt es in Ba­den-Würt­tem­berg und al­le ha­ben ein Ziel: Zu hel­fen – bei Le­bens­kri­sen oder bei Selbst­tö­tungs­ge­fahr. Oder auch nach ei­nem Sui­zid, wenn An­ge­hö­ri­ge nicht mehr wei­ter wis­sen. „Wir sind vor 27 Jah­ren aus der Te­le­fon­seel­sor­ge ent­stan­den“, sagt Do­ro­thea Manz, ei­ne der bei­den haupt­amt­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen des AKL Karls­ru­he. Das Mot­to des AKL lau­tet: Men­schen in Kri­sen brau­chen ein Ge­gen­über. „Ein per­sön­li­ches Ge­spräch ist im­mer bes­ser als ein Te­le­fon­ge­spräch“, sa­gen die bei­den Frau­en. „Die Men­schen brau­chen ei­ne Be­zugs­per­son. Und die ha­ben sie bei uns.“ Wer ruft an beim AKL? „Das geht vom Te­enager bis zum Se­ni­or“, sagt Do­ro­thea Manz und er­klärt, dass sich nicht nur Ge­fähr­de­te mel­den, son­dern auch An­ge­hö­ri­ge, die sich Sor­gen ma­chen. „Aus die­sem Grun­de ist Suizidprävention ganz wich­tig“, er­gänzt sie. „Wir ge­hen in vie­le Schu­len, um die Ju­gend­li­chen zu sen­si­bi­li­sie­ren. Die Men­schen müs­sen ja wis­sen, dass es uns gibt. Im­mer wie­der mel­den sich auch mal Leh­rer bei uns, die sich Sor­gen um ei­nen Schü­ler oder ei­ne Schü­le­rin ma­chen.“Was ganz wich­tig ist: Die Gespräche in der Hirsch­stra­ße fin­den im­mer sehr „zeit­nah“nach dem Erst­kon­takt statt. Län­ger als zwei bis drei Ta­ge muss nor­ma­ler­wei­se nie­mand war­ten, oft kommt es vor, dass Do­ro­thea Manz am Te­le­fon sagt: „Kom­men Sie bit­te gleich vor­bei.“„Was wir an­bie­ten, ist ein Be­zie­hungs­an­ge­bot“, sagt Trau­del Ro­mer, die – wie auch Do­ro­thea Manz – Gestalt­the­ra­peu­tin ist. „Ab dem Mo­ment des ers­ten Te­le­fo­nats wird ei­ne Be­zie­hung zu dem Ge­fähr­de­ten auf­ge­baut.“Und nicht sel­ten kann di­rekt beim ers­ten Te­le­fo­nat Schlim­me­res ver­hin­dert wer­den. „Es gibt Men­schen, die wa­ren schon mit ei­nem Strick in den Wald ge­gan­gen und ha­ben dann doch noch bei uns an­ge­ru­fen“, er­in­nert sich Do­ro­thea Manz an dra­ma­ti­sche Si­tua­tio­nen. „Ein an­de­res Mal rief ein jun­ger Mann an, der den Drang hat­te, sich un­ter ei­nen Zug zu wer­fen. Die Ab­sich­ten zur Selbst­tö­tung sind oft schon ganz kon­kret.“Wer mit­ar­bei­ten möch­te beim AKL, muss sich zu­nächst sehr gut schu­len las­sen. „Die wich­tigs­ten Kri­te­ri­en, die un­se­re Eh­ren­amt­li­chen ha­ben soll­te, sind Sta­bi­li­tät und Le­bens­er­fah-

Die Ab­sich­ten sind oft schon ganz kon­kret

rung“, sagt Trau­del Ro­mer. „Au­ßer­dem muss man Em­pa­thie für Men­schen ha­ben und so­wohl kon­takt- als auch be­zie­hungs­fä­hig sein.“Die In­ter­es­sen­ten wer­den nicht nur neun Mo­na­te lang aus­ge­bil­det – sie tref­fen sich auch an­schlie­ßend al­le 14 Ta­ge zu ei­ner Grup­pen­be­spre­chung, ei­ner so­ge­nann­ten Su­per­vi­si­on. Je­der bringt hier sei­nen ak­tu­el­len Fall ein, dann wird ge­mein­sam dar­über ge­spro­chen. Das hilft den Eh­ren­amt­li­chen nicht nur wei­ter, es ent­las­tet sie auch. Der­zeit sind 15 Eh­ren­amt­li­che aus den un­ter­schied­lichs­ten Be­ru­fen für den Karls­ru­her AKL tä­tig, die meis­ten sind zwi­schen 40 und 60 Jah­re alt, nur zwei Män­ner sind da­bei. Wie lan­ge die Be­treu­ung geht, hängt im­mer vom Ein­zel­fall ab. Bei ganz schwe­ren Fäl­len geht es letzt­lich nur dar­um, die Men­schen auf­zu­fan­gen, bis sie ei­nen The­ra­pie­platz be­kom­men. Oder zu­min­dest ei­nen Ter­min beim Psy­cho­the­ra­peu­ten. „Das kann schon mal fünf bis sie­ben Mo­na­te dau­ern“, sagt Do­ro­thea Manz. Viel län­ger dau­ern die Kon­tak­te mit Hin­ter­blie­be­nen, die um ei­nen An­ge­hö­ri­gen trau­ern. Am 3. Mai be­ginnt ei­ne neue Trau­er­grup­pe für Hin­ter­blie­be­ne nach Sui­zid. In ei­nem ge­schütz­ten Rah­men kön­nen Be­trof­fe­ne ih­re Er­fah­run­gen tei­len. Da­bei ist der Aus­tausch ei­ne gro­ße Hil­fe beim Ver­ar­bei­ten des trau­ma­ti­schen Er­leb­nis­ses. Es ist wich­tig, mit der Trau­er nicht al­lei­ne zu sein. Und wie fi­nan­ziert sich die Ar­beit des AKL? „40 Pro­zent un­se­rer Aus­ga­ben er­hal­ten wir von Stadt, Land­kreis und Land, die rest­li­chen 60 Pro­zent müs­sen wir selbst bei­brin­gen“, sa­gen die bei­den Frau­en. „Wir sind des­halb sehr auf Spen­den an­ge­wie­sen.“Gibt es ei­gent­lich auch An­ru­fer, die ab­ge­wie­sen wer­den? „Das kommt auch vor“, sagt Do­ro­thea Manz. „Ein­mal rief mich je­mand an und bat mich dar­um, sei­ne Woh­nung auf­zu­räu­men. Ein an­de­rer hat­te ein Pro­blem mit sei­ner Freun­din, der drit­te mit dem Ge­richt. Die­sen Men­schen kön­nen wir dann le­dig­lich in­so­fern wei­ter­hel­fen, als wir sie an ei­nen der zu­stän­di­gen so­zia­len Di­ens­te ver­mit­teln.“

Trau­del Ro­mer (links) ist Vor­sit­zen­de des Ver­eins Ar­beits­kreis Le­ben (AKL), Do­ro­thea Manz ei­ne der bei­den haupt­amt­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen. Sie hel­fen Sui­zid­ge­fähr­de­ten und de­ren An­ge­hö­ri­gen und Hin­ter­blie­be­nen. In Stadt und Land­kreis Karls­ru­he neh­men sich pro Jahr rund 100 Men­schen das Le­ben. Foto: We­ber

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