Das Phä­no­men

Bal­lett­di­rek­tor John Ne­u­mei­er: „Ich er­le­be mei­ne Ar­beit als über­aus er­fül­lend“

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Interview: Ca­ro­la Gro­ße-Wil­de

John Ne­u­mei­er ist ein Phä­no­men: Seit mehr als 40 Jah­ren lei­tet der ge­bür­ti­ge Ame­ri­ka­ner, der vor we­ni­gen Ta­gen sei­nen 75. Ge­burts­tag fei­er­te, das Hamburg Bal­lett und führ­te es zu Welt­ruhm. Im Interview er­zählt der Bal­lett-Chef von der Lei­den­schaft für sei­nen Be­ruf und war­um er Hamburg die Treue ge­hal­ten hat.

Herr Ne­u­mei­er, ein Gast­spiel des Hamburg Bal­letts in Flo­renz mit der „Drit­ten Sin­fo­nie von Gus­tav Mah­ler“, Ein­stu­die­rung von „Le Pa­vil­lon d’Armi­de“und „Le Sa­cre“mit dem Wie­ner Staats­bal­lett, Wie­der­auf­nah­me des Bal­letts „Die Mö­we“und ei­ne Ame­ri­ka-Tour­nee: Mit dem Sab­bat-Jahr, das Sie mal neh­men woll­ten, ist es wohl nichts ge­wor­den?

John Ne­u­mei­er: Nein, es scheint nicht ge­klappt zu ha­ben. Tat­säch­lich ha­be ich in mei­nem Ka­len­der in meh­re­ren Jah­ren no­tiert: „frei – Sab­ba­ti­cal?“– und es wie­der durch­ge­stri­chen. Ich emp­fin­de die Idee im­mer noch als er­stre­bens­wert, ein Jahr des Nach­den­kens ein­zu­schal­ten, in dem ich Zu­kunfts­plä­ne schmie­den und Ver­gan­ge­nes neu ein­ord­nen könn­te. Al­ler­dings lässt sich dies nur schwer mit ei­ner so le­ben­di­gen Com­pa­gnie wie dem Hamburg Bal­lett ver­wirk­li­chen – ei­ner Com­pa­gnie, die in­ter­na­tio­nal der­art er­folg­reich ist, dass sie auf mei­ne An­we­sen­heit zählt, wie bei un­se­rem Gast­spiel kürz­lich in Flo­renz so­wie bei un­se­rer Tour­nee nach New York und Washington D.C. im kom­men­den Mo­nat. Dies al­les hat letzt­lich da­zu ge­führt, dass ich mei­ne Plä­ne für ein Sab­ba­ti­cal im­mer wie­der ver­wor­fen ha­be.

Sie sind be­reits dienst­äl­tes­ter Bal­lett­di­rek­tor der Welt. Wo­her neh­men Sie wei­ter­hin die­se un­ge­heu­re Ener­gie, mit der Sie ih­ren Be­ruf aus­üben?

Ich möch­te dar­auf mit ei­nem Zi­tat aus der Mat­thä­us-Pas­si­on ant­wor­ten: „Aus Lie­be“. Ob­wohl ei­ni­ge Ta­ge schwie­ri­ger sind als an­de­re, er­le­be ich mei­ne Ar­beit als über­aus er­fül­lend. Das liegt auch dar­an, dass ich in mei­nem Be­ruf vie­len jun­gen Men­schen be­geg­ne. Die all­täg­li­che Prä­senz der Bal­lett­schu­le und die Tat­sa­che, dass ich im­mer wie­der mit­hel­fen darf, jun­ge Tän­zer zu ent­wi­ckeln, be­deu­tet mir sehr viel. Das Hamburg Bal­lett von 2017 ar­bei­tet un­ter gänz­lich an­de­ren Be­din­gun­gen und mit ganz an­de­ren Tän­zer­per­sön­lich­kei­ten als zu Be­ginn mei­ner Tä­tig­keit 1973 in Hamburg. Der gro­ße zeit­li­che Ab­stand wird mir be­wusst, wenn bei­spiels­wei­se ein Kind ehe­ma­li­ger Tän­zer nun selbst in­ner­halb mei­ner Com­pa­gnie Kar­rie­re macht.

Sie ha­ben be­reits mehr als 150 Bal­let­te kre­iert. Was sind ih­re Haupt­zie­le beim Cho­reo­gra­fie­ren?

Ne­u­mei­er: Wie Sie rich­tig sa­gen, las­sen sich meh­re­re Zie­le be­schrei­ben. Ein wich­ti­ges Ziel ist na­tür­lich die Ent­wick­lung ei­nes Kunst­werks, mit dem ich das Pu­bli­kum be- we­ge. Dar­über hin­aus hat mich in letz­ter Zeit der Ge­dan­ke be­schäf­tigt, wie sich der Vor­gang des Kreie­rens mit zu­neh­men­dem Al­ter ver­än­dert. Ich neh­me die Ve­rän­de­rung als Be­rei­che­rung wahr, denn je­der Mensch sam­melt über die Jah­re Er­fah­rung: be­ruf­lich und in Form von Le­bens­er­fah­rung. Trotz die­ses Er­fah­rungs­schat­zes ist der Be­ginn ei­ner Krea­ti­on stets ein Aben­teu­er: Je­des Werk ist an­ders und lässt sich in sei­ner Ent­ste­hung nicht voll­stän­dig vor­aus­pla­nen. Ich ha­be je­des Mal das Ge­fühl, vor ei­ner neu­en, ins Un­be­kann­te füh­ren­den Auf­ga­be zu ste­hen. Die­se Her­aus­for­de­rung macht mir Angst, reizt mich aber im­mer wie­der neu.

Seit mehr als 40 Jah­ren lei­ten Sie das Hamburg Bal­lett. Sie hat­ten in­ter­es­san­te An­ge­bo­te und hät­ten auch wo­an­ders ar­bei­ten kön­nen. Was hat Sie in Hamburg ge­hal­ten?

Ne­u­mei­er: Es gibt nicht den ei­nen Grund, der mich in Hamburg ge­hal­ten hat. Im Ge­gen­teil: Ich emp­fand es als po­si­tiv, dass ich nicht zwin­gend an Hamburg ge­bun­den war. Das stärks­te Ar­gu­ment zum Blei­ben war die Le­ben­dig­keit des Hamburg Bal­lett, das sich un­glaub­lich stark ent­wi­ckelt hat. Be­den­ken Sie, dass wir in der ak­tu­el­len Sai­son 90 Vor­stel­lun­gen in der Ham­bur­gi­schen Staats­oper spie­len, wäh­rend es zu Be­ginn mei­ner Tä­tig­keit un­ge­fähr 38 Vor­stel­lun­gen wa­ren.

John Ne­u­mei­er zählt zu den re­nom­mier­tes­ten Cho­reo­gra­fen welt­weit. En­de März geht der Ame­ri­ka­ner mit sei­nem Hamburg Bal­lett auf USA-Tour­nee. Foto: avs

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