„Schön auf ei­ne häss­li­che Art“

Beat Ge­ne­ra­ti­on: Das ZKM zeigt Über­blick über die li­te­ra­ri­sche und künst­le­ri­sche Be­we­gung

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN - Mt

Die Aus­stel­lung be­inhal­tet teil­wei­se ex­pli­zi­te In­hal­te. Das ZKM bit­tet dies zu beachten und emp­fiehlt ei­ne Al­ters­frei­ga­be ab 18 Jah­ren“, heißt es beim Karls­ru­her Zen­trum für Kunst und Me­di­en zur Aus­stel­lung „Beat Ge­ne­ra­ti­on“. Das klingt nach Schmud­del­kram, Und tat­säch­lich wur­den die „Beat­niks“En­de der 1940er-Jah­re als sub­ver­si­ve Re­bel­len be­trach­tet. Heu­te al­ler­dings nimmt man sie als Ak­teu­re ei­ner der wich­tigs­ten kul­tu­rel­nen len Strö­mun­gen des 20. Jahr­hun­derts wahr. In der Aus­stel­lung, die bis 30. April im ZKM zu se­hen ist, wird nun erst­mals ein Über­blick über die­se li­te­ra­ri­sche und künst­le­ri­sche Be­we­gung ge­lie­fert. Die Be­we­gung der Beat Ge­ne­ra­ti­on, in den USA wäh­rend der Früh­zeit des Kal­ten Kriegs ent­stan­den, galt im pu­ri­ta­ni­schen Ame­ri­ka der McCar­thy-Ära als skan­da­lös. Sie war der Vor­bo­te der kul­tu­rel­len und se­xu­el­len Re­vo­lu­ti­on der Six­ties, ei­nes neu­en Le­bens­stil der da­mals Ge­ne­ra­ti­on. Sie lehn­te Ras­sis­mus und Ho­mo­pho­bie so­wie die tech­no­lo­gisch ge­präg­ten Idea­len des Wes­tens ab und setz­te ih­nen ein Le­ben in Stäm­men so­wie den Ge­brauch von psy­cho­tro­pen Wirk­stof­fen ent­ge­gen. Da­mit in­spi­rier­te die Beat Ge­ne­ra­ti­on die Hip­pies in Ber­ke­ley und Wood­stock, die Er­eig­nis­se vom Mai 1968 so­wie den Wi­der­stand ge­gen den Viet­nam­krieg. Nach­dem das ZKM sich be­reits in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mit lei­ten­den Fi­gu­ren der Beat Ge­ne­ra­ti­on wie Wil­li­am S. Bur­roughs (2012) oder Al­len Gins­berg (2013) be­schäf­tigt hat­te, wird nun ein Über­blick über die li­te­ra­ri­sche und künst­le­ri­sche Be­we­gung ge­lie­fert. Das ZKM wid­met der Beat Ge­ne­ra­ti­on ei­ne Aus­stel­lung mit über 400 Wer­ken aus den Be­rei­chen Literatur, Fo­to­gra­fie, Zeich­nung, Ma­le­rei, Kol­la­gen, Fil­me und Sound­tracks. Da­bei wur­de ein be­son­de­rer Fo­kus auf New York, Pa­ris und Tan­ger ge­legt, aber auch Ka­li­for­ni­en und Me­xi­ko ha­ben ei­ge­ne Sek­tio­nen. Der Be­griff „Beat“ist dem Stra­ßen­jar­gon der Vier­zi­ger­jah­re ent­lehnt und be­deu­tet „her­un­ter­ge­kom­men“, „arm“und „ob­dach­los“. Die li­te­ra­ri­schen Wer­ke der von der Leit­kul­tur der 1950er- und 60er-Jah­re be­arg­wöhn­ten und ver­ach­te­ten Beats sind in­zwi­schen als Meis­ter­wer­ke der ame­ri­ka­ni­schen Literatur an­er­kannt. Ein Aus­stel­lungs­stück, an dem kein Be­su­cher vor­bei­kommt, ist zir­ka 36 Me­ter lang. Im Früh­jahr 1951 schrieb Jack Ke­rou­ac, ei­ner der wich­tigs­ten Ver­tre­ter der Beat Ge­ne­ra­ti­on, ei­ne Fas­sung von „On the Road“auf die schier end­los an­mu­ten­de Rol­le, die er aus ein­zel­nen Pa­pier­blät­tern zu­sam­men­ge­fügt hat­te. Die Kom­bi­na­ti­on von Schreib­ma­schi­ne und Pa­pier­rol­le er­mög­lich­te es ihm ei­nen Stil zu ent­wi­ckeln, der nur von Tas­ten­an­schlag und Wa­gen­rück­lauf be­stimmt wur­de. Das Schrei­ben wur­de zur rausch­haf­ten Er­fah­rung: „Ich ha­be es in ei­nem Rutsch ge­schrie­ben und das Un­ter­be­wuss­te sei­ne ei­ge­ne Aus­drucks­form fin­den las­sen“, schrieb Ke­rou­ac. „Ich ließ die Wor­te flie­ßen, ei­ner Wel­le folg­te der an­de­ren, oh­ne Un­ter­bre­chung, nur halb wach und mir kaum be­wusst, was ich da tat, au­ßer, dass ich schrieb.“Dem „Ge­burts­ort“der Beat Ge­ne­ra­ti­on wid­met die Aus­stel­lung be­son­de­re Auf­merk­sam­keit. In New York ent­stand die für die Dich­ter der Beat Ge­ne­ra­ti­on ent­schei­den­de Ver­bin­dung zwi­schen Mu­sik und Literatur. Eben­so fin­gen sie hier an, Ge­rä­te der Ver­viel­fäl­ti­gung zu nut­zen, um neue We­ge in Kunst und Literatur zu be­schrei­ten. Die Aus­stel­lungs­stü­cke im ZKM zei­gen die New-Yor­ker Sze­ne in ih­rer Viel­schich­tig­keit. Ein Pa­ra­dies für Schrift­stel­ler und Künst­ler war Tan­ger, das bis zur Un­ab­hän­gig­keit Ma­rok­kos 1956 un­ter dem Pro­tek­to­rat von Frank­reich und Spa­ni­ens stand. Die Aus­stel­lung hebt den Ein­fluss her­vor, den Tran­ceMu­sik hat­te, die Paul Bow­les 1959 in ganz Ma­rok­ko auf­nahm, so­wie die ma­gi­schen Ri­tua­le und den Kon­sum von Kif, das die Beats rauch­ten, wäh­rend sie an Tex­ten und Bil­dern ar­bei­te­ten. In Tan­ger schuf Bur­roughs mit Hil­fe von Jack Ke­rou­ac die Grund­la­ge für sei­jun­gen bahn­bre­chen­den Ro­man „Na­ked Lunch“. Ver­öf­fent­licht wur­de er zwei Jah­re spä­ter in Pa­ris – der Stadt, dem die letz­te Ab­tei­lung der Aus­stel­lung ge­wid­met ist. „Die Beat Ge­ne­ra­ti­on, das war ei­ne Vi­si­on von John Clel­lon Hol­mes und mir, und in noch wil­de­rer Form von Al­len Gins­berg, in den spä­ten Vier­zi­gern, ei­ne Ge­ne­ra­ti­on von ver­rück­ten, er­leuch­te­ten Hips­tern, die plötz­lich auf­tauch­ten und Ame­ri­ka durch­wan­der­ten, ernst­haft, über­all hin tramp­ten und sich durch­schnorr­ten, in Lum­pen, ge­schla­gen und glück­se­lig, schön auf ei­ne häss­li­che, an­mu­ti­ge, neue Art – ei­ne Vi­si­on, die wir zu­erst im Wort ‚beat’ gefunden hat­ten und wie es an den Stra­ßen­ecken des Time Squa­re und im Vil­la­ge aus­ge­spro­chen wur­de so­wie in Down­town­näch­ten an­de­rer Städ­ten von Nach­krieg­s­ame­ri­ka – beat, das be­deu­te­te, ganz un­ten zu sein und doch vol­ler tie­fer Über­zeu­gun­gen.“So schil­der­te es 1958 es Jack Ke­rou­ac. Die Aus­stel­lung ver­mit­telt ei­nen Ein­druck von die­sem Le­bens­ge­fühl.

Bri­on Gys­ins „Cal­li­gra­phie“von 1960 ist in der Aus­stel­lung „Beat Ge­ne­ra­ti­on“im ZKM | Zen­trum für Kunst und Me­di­en zu se­hen. Bild: © Ga­le­rie de Fran­ce / © Jo­na­than Greet / Ar­chivs Ga­le­ries de

„Dan­ger“: Por­trait des Schrift­stel­lers Wil­li­am S. Bur­roughs vor dem Odé­on Thea­ter in Pa­ris aus dem Jahr 1959 (Cor­tes „The Bar­ry Mi­les Ar­chi­ve“). Foto: © Bri­on Gy­sin, Na­ked Lunch Se­rie, Pa­ris Ok­to­ber 1959

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