Auf dem Cha­nel-Cat­walk

Wie Karl La­ger­feld dem Cou­ture-Haus mit sei­nem Ge­spür fürs Ak­tu­el­le neu­en Glanz ver­lieh

Der Sonntag (Mittelbaden) - - MODE & STIL - Su­san­ne Forst

Die Stei­ge­rung kann ei­gent­lich nur noch hei­ßen: di­rekt zum Dé­filé, ein­mal bei der Show da­bei sein und die ge­sam­te Kol­lek­ti­on, Hau­te Cou­ture oder Prêt-à-por­ter aus dem Haus Cha­nel – und ihn, Karl La­ger­feld – er­le­ben. Wer am kom­men­den Di­ens­tag nicht in Pa­ris da­bei ist, wenn die Cha­nel-Mo­de für Herbst-/Win­ter­schau­en 2017/18 ge­zeigt wird, kann sich mit ei­nem Buch trös­ten. „Cha­nel Cat­walk“heißt der Band. Auf 632 Sei­ten und in 1200 Fo­tos ent­fal­tet sich, was La­ger­feld, seit er 1983 an die Spit­ze des da­mals durch­aus düm­peln­den Cou­ture-Hau­ses trat, im Na­men Cha­nels ent­warf.. 1983, Pa­ris, Rue Cam­bon. Ge­spann­te Ge­sich­ter, er­war­tungs­vol­le Kun­din­nen. Man­cher Be­ob­ach­ter hat ei­ne Por­ti­on Hä­me im Ge­päck. Le Tout Pa­ris und das ge­sam­te glo­ba­le Mo­de­dorf er­war­ten mit Span­nung, was Karl La­ger­feld aus Cha­nel macht. La­ger­feld gilt als Aus­nah­meta­lent und Wor­kaho­lic. Er ar­bei­tet in der Prêt-à-por­ter. Chloé führt er zu Welt­ruhm. Für Fen­di krem­pelt er die Pelz­mo­de um. Aber Hau­te Cou­ture? Sei­ne ers­te Cha­nelKol­lek­ti­on ist nicht sho­cking, nicht um­ju­belt, nicht wirk­lich ge­fei­ert. Die Re­ak­tio­nen sind ver­hal­ten. Im Kern steckt al­les, was La­ger­feld für Cha­nel ent­wer­fen wird, in die­ser ers­ten Kol­lek­ti­on. Der De­si­gner ar­bei­tet Cha­nels Iko­no­gra­phie her­aus, paart sie in je­der Kol­lek­ti­on mit Un­ter­schwel­li­gem, Neu­em im Hier und Jetzt, das an­de­re noch kaum er­ah­nen. Für sein De­büt greift La­ger­feld auf die sti­lis­tisch zu­rück­ge­nom­me­nen 1920er und 1930er-Jah­re Cha­nels zu­rück. Er setzt auf ein Ge­sicht, ei­ne Er­schei­nung: Inès de la Fress­an­ge. Wie ei­ne Gar­çon­ne, ele­gant und mit No­bles­se, ein Hauch fri­vol, ver­kör­pert sie den Cha­nel-Stil. La­ger­feld ver­bin­det Tra­di­ti­on mit In­no­va­ti­on. Er setzt Pro­por­tio­nen neu und nutzt neue tech­ni­sche Ver­fah­ren. Wie schon die Fir­men­grün­de­rin Co­co Cha­nel, be­dient sich der De­si­gner der Küns­te und der Kunst­ge­schich­te. Kri­ti­kern gilt er als Ge­nie. La­ger­feld ha­be Cha­nel über­haupt das Über­le­ben ge­si­chert, das Un­ter­neh­men dau­er­haft zu Welt­ruhm ge­führt. Ga­b­ri­el­le „Co­co“Cha­nel, die über Jahr­zehn­te im­mer wie­der Ent­wick­lun­gen vor­weg- und in ih­re Ent­wür­fe auf­nahm, hat­te zu­letzt das Ge­spür für das Ak­tu­el­le, den Zeit­geist ver­las­sen. Nach ih­rem Tod 1971 schaff­te es kein De­si­gner, dem Haus neu­en Glanz zu ver­lei­hen – bis Karl La­ger­feld die Krea­tiv-Di­rek­ti­on über­nahm, La­ger­feld, ein De­si­gner der früh die Zu­kunft der Mo­de in der Prêt-à-Por­ter(!) sah. Ei­ne Idee von der Vir­tuo­si­tät, mit der der ge­bür­ti­ge Deut­sche Cha­nel über Jahr­zehn­te wei­ter ent­wi­ckelt und bis heu­te auf dem Welt­markt und un­ter den Top-Mar­ken eta­bliert hat, bie­tet „Cha­nel Cat­walk“: Fo­tos der Mo­del­le der Dé­filés. In ei­ner Früh­jahr/Sommer-Hau­te-Cou­ture-Kol­lek­ti­on kom­bi­niert La­ger­feld mal feins­ten Chif­fon mit Tweed und Kunst­stoff­tei­len, in per­fek­ter Schnei­der­kunst mal mit wei­chem, mal mit stren­gem Aus­druck. Ei­ne Sai­son spä­ter, in der Prêt-à-por­ter, lau­fen Mo­dels in Moon­boots, Cow­boy­stie­feln mit dem dop­pel­ten C, im Mus­ke­tier­look, in Le­der und Je­ans über den Lauf­steg. Schwarz-weiß Kon­tras­te, vie­le und star­ke Far­ben, Gold­tö­ne: Mit je­der Kol­lek­ti­on er­fin­det La­ger­feld Cha­nel neu – und bleibt dem Stil, den er ent­schei­dend ge­prägt und mit ho­hem Wie­der­er­ken­nungs­wert auf­ge­la­den hat, treu. Vom Stamm­sitz Ma­de­moi­sel­les, Rue Cam­bon, ver­leg­te La­ger­feld die Dé­filés, die mehr und mehr Show, Event, Thea­ter­büh­ne wer­den, hin­aus. So ver­wan­delt sich der Grand-Palais in Pa­ris, mit sei­ner rie­si­gen Glas­kup­pel, nach Be­lie­ben: In die gan­ze Welt oder in ei­nen Su­per­markt(!). Nicht ir­gend­ei­nen, son­dern den Cha­nel Su­per­markt, wie bei der Prêt-à-Por­ter-Prä­sen­ta­ti­on 2014/2015. Bei al­ler Leich­tig­keit, dem Hu­mor, der Ko­mik oder der Iro­nie, mit der La­ger­feld sei­ne Krea­tio­nen ver­setzt, ist al­les mi­nu­ti­ös ge­plant und in­sze­niert. Das Cha­nel-Team schafft die per­fek­te Il­lu­si­on – mit Kas­se, Ein­kaufs­wa­gen und dem pas­sen­den Eti­kett: Lait de Co­co, Ko­kos­milch, steht zum Ver­kauf, Co­co-Coo­kies, das Mi­ne­ral­was­ser Eau­de-Cha­nel. Und, wenn’s rein­lich wer­den soll, greift Ma­dame zu Gum­mi­hand­schu­hen mit Ka­me­li­en­mo­tiv, der Lieb­lings­blu­me Cha­nels ab­ge­schaut, ein star­kes Stück. Das Kol­lek­ti­ons-Team tourt durch die Welt. Die „Lauf­ste­ge“ha­ben sich ver­viel­fäl­tigt, ob in der ko­rea­ni­schen Me­tro­po­le Seo­ul, dort bei­na­he quietsch­bunt oder jüngst im ku­ba­ni­schen Ha­van­na, wo Cha­nel qua­si in ei­nem Zug mit dem Papst, dem schei­den­den USPrä­si­den­ten Ba­rack Oba­ma und den Sto­nes „auf­trat.“Auch Salz­burg, Sin­ga­pur oder New York ge­hö­ren zu den Büh­nen Cha­nels. In be­son­de­ren Kol­lek­tio­nen fei­ert das Haus zu­dem Hand­werks­kunst, Sti­cke­rei­en von Le­sa­ge oder Schu­he von Mas­sa­ro. Das Un­ter­neh­men si­chert, zum Teil durch den Kauf der ent­spre­chen­den Werk­stät­ten, das Über­le­ben die­ser hoch spe­zia­li­sier­ten Ex­per­ten und ih­rer kost­spie­li­gen Pro­duk­ti­on. Die Mé­tiers d’Art Kol­lek­ti­on „Pa­ris-Edin­burgh“von 2012/2013 il­lus­triert La­ger­felds Ge­ni­us: In Strick, Tar­tans, Tweed und Fe­dern, in Schott­land, im Win­ter un­ter frei­em Him­mel, lässt La­ger­feld Ma­ria Stuart und Co­co Cha­nel, die mit dem Du­ke of West­mins­ter in die High­lands kam, im 21. Jahr­hun­dert, auf­le­ben. Adé­lia Sa­ba­ti­ni führt durch die Bil­der­welt der La­ger­feld/Cha­nel-Kol­lek­tio­nen. „Cat­walk“schließt, nach mehr als 150 Prä­sen­ta­tio­nen, mit der Hau­te Cou­ture für den Win­ter 2015/ 2016 ab. Die Au­to­rin ord­net knapp ein, kom­men­tiert, stellt Be­zü­ge her. Patrick Mau­riès steu­ert das Vor­wort und ei­ne kur­ze Bio­gra­fie La­ger­felds bei. Das Buch zeigt End­pro­duk­te, Out­fits aus über 30 Jah­ren krea­ti­ven Schaf­fens, und doch nur ei­ne Fa­cet­te des Aus­nah­me­ta­l­ents. Das Puz­zle um Kö­nig Karl, die „Ma­rio­net­te“, ist um ei­nen Stein rei­cher. Was Karl La­ger­feld noch so al­les un­ter­nimmt, als De­si­gner, Autor, Fo­to­graf, Ver­le­ger, Zeich­ner oder Fil­me­ma­cher, war jüngst in Es­sen, Hamburg oder Bonn in Aus­stel­lun­gen zu er­le­ben. Im Folk­wang-Museum Es­sen ent­stand da­bei ein merk­wür­di­ger Ein­druck. Die Schau mit Fo­tos, Skiz­zen, Wer­be­kam­pa­gnen, ori­gi­na­len, bei­na­he haut­nah zu er­le­ben­den Hau­te-Cou­ture-Klei­dern, im Ohr der Sound­track für die Shows, er­mög­lich­te ei­nen Blick ins „Uni­ver­sum La­ger­feld“und war ein Fest für die Sin­ne. Ein Fest mit ei­nem Hauch Mor­bi­di­tät. In­sze­nier­te da viel­leicht ein Ge­ni­us, zu Leb­zei­ten, das Bild von sich für die Nach­welt?

Hau­te Cou­ture Herbst/Win­ter 1992/1993: He­le­na Chris­ten­sen mit Strahl­kraft: Wohl be­hü­tet mit ei­nem Werk von Phi­lip Tre­acy sieht man sie – und un­über­seh­bar mit Cha­nel-Ac­ces­soires. Foto: © Firs­tVIEW

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