Fast je­der mag sie

Wis­sens­wer­tes rund um die all­seits be­lieb­te Nu­del

Der Sonntag (Mittelbaden) - - SONNTAGSKINDER -

Ein Paar sitzt beim Es­sen, es gibt Spa­ghet­ti. Dem Mann bleibt ei­ne Nu­del am Mund hän­gen. Die Frau sagt: „Sie ha­ben da et­was.“Er ver­sucht, die Nu­del mit der Ser­vi­et­te ab­zu­wi­schen, das klappt aber nicht. Statt­des­sen wan­dert sie durch sein Ge­sicht und pappt mal über dem Au­ge, mal an der Na­se. Am En­de lan­det die Nu­del in der Kaf­fee­tas­se des Man­nes. Der Vi­deo­clip von und mit Lo­ri­ot ist 40 Jah­re alt und bringt noch im­mer je­den zum La­chen. Die Si­tua­ti­on kommt ei­nem be­kannt vor: Ei­ne Nu­del, die statt im Mund zu lan­den, im Ge­sicht klebt – das pas­siert häu­fi­ger! Denn Spa­ghet­ti und Co. ge­hö­ren zu den be­lieb­tes­ten und meist ge­koch­ten Ge­rich­ten in Deutsch­land. Auch bei Kin­dern sind Nu­deln to­tal an­ge­sagt. Ein Lieb­lings­es­sen war Pas­ta ur­sprüng­lich je­doch nicht. Teig­wa­ren, auch das ist ein an­de­rer Aus­druck für Nu­deln, gal­ten lan­ge als Ar­meLeu­te-Mahl­zeit. Sie mach­ten satt und be­stan­den aus bil­li­gen Zu­ta­ten, Mehl und Was­ser. Das konn­te sich je­der leis­ten. Wa­ren Eier ver­füg­bar, ka­men eins oder zwei mit in den Teig, aber Stan­dard war es nicht. Nu­deln wa­ren leicht in gro­ßen Men­gen her­zu­stel­len. Lan­ge la­gern konn­te man sie auch. Ty­pi­scher­wei­se gilt Ita­li­en als Hei­mat der Pas­ta. Das stimmt, weil die in­dus­tri­el­le Fer­ti­gung der un­ter­schied­li­chen Nu­del­ty­pen wirk­lich ei­ne ita­lie­ni­sche Er­fin­dung ist. Ex­per­ten strei­ten je­doch dar­über, ob die Pas­ta wirk­lich zu­erst auf Si­zi­li­en, der süd­lichs­ten Re­gi­on Ita­li­ens, her­ge­stellt wur­de, oder in Nord­afri­ka – und von dort über das Mit­tel­meer nach Ita­li­en ge­lang­te. Tat­säch­lich wuss­ten die Men­schen in den ara­bi­schen Län­dern Nord­afri­kas vor 2 500 Jah­ren gut über die Nu­del­fer­ti­gung Be­scheid. Sie wa­ren die ers­ten, die Nu­del­teig­plat­ten in lan­ge dün­ne Fä­den schnit­ten und die­se zum Trock­nen an Wä­sche­lei­nen auf­häng­ten. Pas­ta ist das ita­lie­ni­sche Wort für Teig. Der lässt sich ein­ma­lig gut kne­ten. Auf Si­zi­li­en ha­ben die Men­schen ei­nen ei­ge­nen Aus­druck da­für, „mac­car­uni“(über­setzt: kräf­tig ge­kne­tet). Das klingt schon sehr nach Mak­ka­ro­ni! Mit Kä­se über­ba­cke­ne Mak­ka­ro­ni sind ein Klas­si­ker in den USA und Groß­bri­tan­ni­en, sie sind schnell zu ko­chen und schme­cken le­cker. Tat­säch­lich wa­ren Nu­deln jahr­hun­der­te­lang be­lieb­ter Rei­se­pro­vi­ant. Man brauch­te nur hei­ßes Was­ser, um an ei­ne war­me Mahl­zeit zu kom­men. Dar­an hat sich bis heu­te nichts ge­än­dert, beim Zel­ten im Fe­ri­en­la­ger ste­hen Nu­deln im­mer auf dem Spei­se­plan, egal ob Spa­ghet­ti, Far­fal­le, Fu­sil­li, Pen­ne oder Mak­ka­ro­ni. 1934 er­fand ein Nu­del­ma­cher aus Nea­pel die ers­te Nu­del­ma­schi­ne, die den Teig selbst an­rühr­te, kne­te­te und so­gar aus­roll­te. Die vie­len ver­schie­de­nen Nu­del­ty­pen, die es heu­te gibt, dach­ten sich die Ita­lie­ner nicht aus, weil sie schö­ner wa­ren oder weil sich kur­ze Nu­deln bes­ser mit der Ga­bel auf­spie­ßen las­sen. Das Aus­se­hen rich­te­te sich da­nach, wie gut So­ße auf den Teig­wa­ren haf­te­te. Der Zu­sam­men­hang er­klärt sich am bes­ten bei Spa­ghet­ti Bo­lo­gne­se: Spa­ghet­ti dre­hen wir mit ei­ner Ga­bel zu ei­ner Art Kno­ten, die Hack­fleisch­stück­chen in der Bo­lo­gne­se blei­ben da­bei aber im Tel­ler lie­gen. Die Spa­ghet­ti sind zu glatt. Das Fleisch und die So­ße rut­schen ab. Ita­lie­ner es­sen da­her kei­ne Spa­ghet­ti Bo­lo­gne­se, son­dern ver­wen­den kür­ze­re Pas­ta. Als Faust­re­gel gilt: Je mehr Stück­chen ei­ne So­ße hat, des­to kür­zer soll­ten die Nu­deln sein! Spa­ghet­ti mit der Ga­bel zu dre­hen, dar­auf kä­me auch kein ita­lie­ni­scher Nu­del­fan. Ver­mut­lich von dem Kno­ten­ge­bil­de stammt al­ler­dings un­ser Wort Nu­del: No­dus heißt Kno­ten im La­tei­ni­schen. Spätz­le ma­chen die Ent­schei­dung für So­ße leicht. Ihr Teig ist von der Zu­be­rei­tung her rau und kleb­rig. Spätz­le eta­blier­ten sich vor 200 Jah­ren in Süd­deutsch­land, gal­ten aber – wie die ita­lie­ni­sche Pas­ta – als bil­li­ges Es­sen für är­me­re Leu­te, ob­wohl Spätz­le­teig mehr Eier ent­hält als Spa­ghet­ti und Co. Mög­lich, dass sich Schwa­ben und All­gäu­er die Fer­ti­gung trotz­dem von den Sü­d­eu­ro­pä­ern ab­guck­ten: Spätz­le könn­te auf den ita­lie­ni­schen Aus­druck pez­zi (Stück­chen) zu­rück­ge­hen. In­zwi­schen sind sie in al­ler Mun­de. Ech­te Nu­del­fans sind auch die Chi­ne­sen. Ihr äl­tes­tes Re­zept für die Zu­be­rei­tung von Nu­del­sup­pe mit Hüh­ner­fleisch ist 4 000 Jah­re alt. Sie wa­ren da­mit noch frü­her dran als die Ita­lie­ner. Dass sich bei­de ge­gen­sei­tig aus­spio­nier­ten, ist un­wahr­schein­lich. Fein­schme­cker gab es zu je­der Zeit, über­all auf der Welt.

Spa­ghet­ti schme­cken zwar to­tal le­cker, sind je­doch lei­der et­was un­prak­tisch. Ir­gend­wie kriegt man sie dann aber doch im­mer in den Mund. Fo­tos: Ado­be Stock / les­ter120 (oben) /g-kon­zept.de (gro­ßes Foto) Tan­ja Ka­sisch­ke

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