Zwi­schen La­va und Wol­ken

Wan­dern auf der In­sel La Palma

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Ni­ko­laus Sie­ber

Autsch! Den Kopf ein­ge­zo­gen und doch an­ge­hau­en, zum zwei­ten Mal schon. „In­sel­füh­rer Mar­cos Lo­za­no er­lebt sol­che Augenblicke im­mer wie­der auf die­ser Tour. Sie ist ei­ne der schöns­ten Wan­de­run­gen auf der Ka­na­ren­in­sel La Palma, ent­lang des Was­ser­ka­nals zu den Ge­birgs­quel­len Mar­cos y Cor­de­ro durch gleich drei­zehn Tun­nel in Fol­ge. Beim ers­ten Mal war es noch Unacht­sam­keit, der zwei­te Kopf­stoß da­ge­gen schon fast un­ver­meid­bar. Wie soll man die­sem Mal­heur auch aus­wei­chen? Un­ge­scho­ren kommt da kei­ner raus! Schafft man es oh­ne Kopf­beu­le, so kriegt man ei­ne küh­le Du­sche ab. Der Tun­nel­schacht wird mit je­dem Schritt schma­ler und feuch­ter, Was­ser tropft von der De­cke, paar Lö­cher in der Tun­nel­wand fol­gen und ge­wäh­ren Schau­der­bli­cke in den Ab­grund. Plötz­lich schießt Was­ser von al­len Sei­ten her­ab. Erst da­nach hat man es ge­schafft und gleich­zei­tig die ers­te Qu­el­le er­reicht – und bis zur zwei­ten sind die Klei­der dann aber auch schon tro­cken. Denn auf La Palma ist es auch auf gut tau­send Me­ter Hö­he noch warm. Der Ab­stieg er­folgt auf der an­de­ren Hang­sei­te, durch ei­ne steil ber­gab füh­ren­de Schlucht. Der Barran­co del Agua ist ei­ne der be­deu­tends­ten Na­tur­land­schaf­ten des 1983 von der UNESCO de­kla­rier­ten Bio­sphä­ren­re­ser­vats auf der In­sel. Seit dem Ter­ti­är wächst hier der Lor­beer­wald von Los Ti­los. Mar­cos er­zählt von gleich 18 Lor­beer­sor­ten; die we­nigs­ten sind ge­nieß­bar, man­che so­gar gif­tig. „Nur die Rat­ten mö­gen den gif­ti­gen wei­ßen Saft des stin­ken­den Lor­beers, da­nach sind sie be­sof­fen“sagt er au­gen­zwin­kernd. Fast durch­ge­hend spen­die­ren Lor­beer­bäu­me an­ge­neh­men Schat­ten, Rie­sen­far­ne wer­den be­staunt und schließ­lich der be­ein­dru­cken­de Was­ser­fall von Los Ti­los. Ganz an­ders ver­läuft die Wan­de­rung in der Cal­de­ra de Ta­b­u­ri­en­te im schon 1954 aus­ge­ru­fe­nen Na­tio­nal­park. Es geht durch son­nen­durch­flu­te­ten Kie­fern­wald. Über­wäl­ti­gend ist die ab­rupt ab­fal­len­de Berg­land­schaft im rie­si­gen, acht Ki­lo­me­ter gro­ßen halb­kreis­för­mi­gen Kes­sel, der zwar ei­nem Vul­kan­kra­ter äh­nelt, der aber durch Ero­si­on ent­stan­den ist. Vom Aus­sichts­punkt Los Bre­ci­tos geht es durch herr­li­che Kie­fern­wäl­der, vor­bei an den bi­zar­ren Fel­sen des Barran­co de las An­gus­ti­as, der Schlucht der To­de­s­ängs­te. „Der Na­me da­tiert noch aus der Ero­be­rungs­zeit der Spa­nier“weiß Mar­cos. Den Stich­weg zur Ne­ben­schlucht mit dem „Was­ser­fall der vie­len Far­ben“soll­te man nicht aus­las­sen. An der Cas­ca­da de Co­lo­res staunt man nicht schlecht, wie das Was­ser dank ver­schie­de­ner Mi­ne­ra­li­en die Fels­wand in vie­len Tö­nen schim­mern lässt. Je süd­li­cher man kommt, weist „die Schö­ne“, wie La Palma lie­be­voll von den Ein­hei­mi­schen ge­nannt wird, ein völ­lig an­de­res Land­schafts­bild auf. Von der Cal­de­ra de Ta­b­u­ri­en­te aus durch­zieht die Vul­kan­ket­te der Ge­birgs­käm­me Cum­bre Nue­va und Cum­bre Vie­ja die In­sel. Die Vul­kan­rou­te

Schau­der­bli­cke in den Ab­grund

„Ru­ta de los Vol­ca­nes“führt als Weit­wan­der­weg durch ei­ne der ak­tivs­ten Vul­kan­re­gio­nen der Welt. Ganz im Sü­den er­hebt sich der Te­ne­guía, der jüngs­te Vul­kan der Ka­na­ren. Die letz­te Erup­ti­on war im Jahr 1971, wo­bei die aus­ge­sto­ße­ne La­va an meh­re­ren Stel­len ins Meer floss und da­bei ei­ni­ge Hekt­ar Neu­land schuf. So­weit das Au­ge reicht er­stre­cken sich kar­ge Land­schaf­ten, meist dunk­le und schwar­ze La­va. So gibt sich auch der da­vor lie­gen­de Vul­kan San An­to­nio bei Fu­en­ca­li­en­te. Vor sei­nem schwar­zen Kra­ter be­fin­det sich das Be­su­cher­zen­trum. Folgt man jetzt der letz­ten Etap­pe des Fern­wan­der­wegs, kommt man zu­erst am hell­far­be­nen Te­ne­guia-Fel­sen vor­bei. Der Pho­no­lith-Dom zeigt Spi­ra­len, Krei­se und Li­ni­en als Fels­zeich­nun­gen und galt bei den Be­naho­ari­tas, La Pal­mas Ur­ein­woh­ner, als hei­li­ger Ort. Heu­te ist Le­ben im Gestein. Flink tum­meln sich zwi­schen den Fel­sen Ech­sen und hal­ten je­den auf Tr­ab, der sie auf ei­nem Fo­tos ver­ewi­gen möch­te. Es ist der Ka­na­ren­ge­cko, der nur hier und noch auf der Nach­bar­in­sel Te­ne­rif­fa vor­kommt. „Wo Geckos le­ben, woh­nen gu­te Men­schen“zi­tiert Mar­cos gleich ein Sprich­wort. Vom Vul­kan Te­ne­guia kann man ei­nen wei­ten Aus­blick er­ha­schen auf den un­end­lich wir­ken­den At­lan­tik. Am Küs­ten­strei­fen sind Ba­na­nen­plan­ta­gen aus­zu­ma­chen; wei­ter oben wach­sen Re­ben, sie krie­chen förm­lich auf dem schwar­zen Vul­kan­bo­den. Kon­trast­reich er­hebt sich die ur­al­te Mal­va­sier-Trau­be von den La­pil­li ab, dem schwar­zen Vul­kan­sand oder -kies. Dann zieht der La­va- und Asche­weg über die kar­gen La­va­fel­der hin­weg bis zur Süd­spit­ze der In­sel, stets auf den Leucht­turm zu. Hin­ter die­sem wird der Kon­trast dann noch in­ten­si­ver: wei­ßes Salz, ge­won­nen aus den Sa­li­nen­be­cken, glit­zert blen­dend hell in der Son­ne. Al­les vor den herr­li­chen Blaus des At­lan­tiks und des Him­mels.

Die Schö­ne der Ka­na­ren: La Palma ist die nord­west­lichs­te der Ka­na­ri­schen In­seln. Kra­ter und La­va­strö­me über­zie­hen die „Is­la Bo­ni­ta“, der letz­te Aus­bruch liegt nur we­ni­ge Jahr­zehn­te zu­rück. Fo­to: Sie­ber

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