Hand in Hand ge­gen Hass

Karls­ru­her Wo­chen ge­gen Ras­sis­mus

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Fo­to: Ado­be Stock / be­gui­ma / Montage: SO

Zum viel­fäl­ti­gen Pro­gramm mit In­for­ma­ti­on und Be­geg­nun­gen ge­hö­ren fil­mi­sche Do­ku­men­ta­tio­nen, die Flücht­lin­gen ei­ne Stim­me ge­ben

Ich bin es ge­wohnt, dass man äl­te­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­dern und äl­te­ren Men­schen im­mer den Vor­tritt lässt, wenn es durch ei­ne Tür geht. In Deutsch­land ist das nicht so, das ist et­was, was mir stark auf­ge­fal­len ist“, sagt Ab­dul­lah Ra­jab Al­mal­la. Der 28-Jäh­ri­ge lebt seit Sep­tem­ber 2015 in Ba­den-Ba­den. Der jun­ge Sy­rer, der in Alep­po einst Archäo­lo­gie stu­dier­te, floh über die Tür­kei und die Bal­kan­rou­te nach Deutsch­land. Er be­zahl­te für die­se Flucht aus dem Krie­ge, sein Asyl­ge­such ist schon lan­ge an­er­kannt. Tür­kisch und Eng­lisch sprach er schon, er stürz­te sich schnell ins Deutsch­ler­nen und be­sucht nun wei­te­re Kur­se mit dem Ziel, ein Stu­di­um auf­neh­men zu kön­nen. Zu den ge­ra­de be­gon­ne­nen Karls­ru­her Wo­chen ge­gen Ras­sis­mus steu­ert Al­mal­la ein Do­ku­ment bei: Den Vi­deo-Film „Schat­ten“über Flucht­ge­schich­ten und An­kom­men in Deutsch­land. Da­bei ging es dem jun­gen Mann nicht um sein Er­le­ben, son­dern um das von ei­nem Dut­zend an­de­rer Sy­rer im Al­ter von 17 bis 35. „Ich ha­be im Ba­den-Ba­de­ner Flücht­lings­heim mit ei­nem ge­lie­he­nen Fo­to­ap­pa­rat mei­ne Mit­be­woh­ner auf­ge­nom­men und er­zäh­len las­sen“. Im Karls­ru­her Ju­bez am Kro­nen­platz lässt sich der Film am Mon­tag, 13. März, um 19 Uhr im Ca­fé an­schau­en. Der Ein­tritt zur Ver­an­stal­tung des Stadt­ju­gend­aus­schus­ses Karlsruhe ist frei. Als der Film in ei­nem Ba­den-Ba­de­ner Ki­no ge­zeigt wur­de, wa­ren In­ter­es­se und an­schlie­ßen­de Re­so­nanz sehr groß. Nun wird nicht aus je­der Nut­zung der Vi­de­o­funk­ti­on gleich ein be­mer­kens­wer­ter Strei­fen für die Öf­fent­lich­keit. Vie­les kam zu­sam­men, um „Schat­ten“wirk­sam zu ma­chen: Al­mal­la dreh­te be­reits Vi­de­os in sei­ner Hei­mat. Über den Kon­takt mit dem eh­ren­amt­li­chen Flücht­lings­hel­fer Klaus Pis­to­ri­us, frü­her Ge­schäfts­füh­rer des Stadt­ju­gend­rings der Fä­cher­stadt, kam es mit vie­len wei­te­ren Un­ter­stüt­zern zur Nut­zung von pro­fes­sio­nel­ler Aus­stat­tung beim Schnitt des Ma­te­ri­al. Und vor al­lem: Die Flücht­lin­ge hat­ten Ver­trau­en zu ih­rem Lands­mann, sie spra­chen of­fen und für die End­fasLands­leu­te. sung wur­de ih­re Er­zäh­lun­gen ins Deut­sche sy­chro­ni­siert. Wir hö­ren, wie die Flucht statt ei­ner er­war­te­ten Wo­che ei­nen Mo­nat dau­er­te und die Über­fahrt nach Grie­chen­land le­bens­ge­fähr­lich war, wir se­hen ei­nen ge­stan­de­nen Mann mit vie­len Ku­schel­tie­ren in sei­nem Zim­mer und wir er­fah­ren von Heim­weh und Hoff­nun­gen. „Wir ha­ben uns auch ge­fragt, war­um uns die Deut­schen auf­ge­nom­men ha­ben“, be­rich­tet der jun­ge Fil­mer. „Ich glau­be, sie er­in­nern sich, dass vie­le auch ein­mal Flücht­lin­ge wa­ren und dass sie Mit­leid mit uns ha­ben we­gen des Kriegs.“Mus­lim Ab­dul­lah Al­mal­la hat in Ba­den-Ba­den, oder wenn er un­ter­wegs ist, manch­mal Dis­tanz, aber kei­nen of­fe­ne Ab­leh­nung oder Ras­sis­mus er­fah­ren. Dank­bar­keit ge­gen Deutsch­land be­glei­tet Al­mal­la und vie­le Was sie schmerzt ist, wenn die Ein­hei­mi­schen grund­sätz­lich Angst vor „den Flücht­lin­gen“im All­ge­mei­nen ha­ben und nicht je­den Men­schen mit sei­nem in­di­vi­du­el­len Schick­sal und Ver­hal­ten se­hen wol­len. „Mit dem Le­ben im Deutsch­land müs­sen die Sy­rer ei­ne neue Iden­ti­tät auf­bau­en. Sie sind wie­der wie ein wei­ßes Blatt. Wie füllt es sich? Das ist ein schwie­ri­ger Pro­zess, bei dem wir be­glei­ten“, sagt Klaus Pis­to­ri­us, ei­ner der Eh­ren­amt­li­chen, die Flücht­lin­ge in Ba­denBa­den un­ter­stüt­zen. War­um dau­ern Asyl­ver­fah­ren so un­ter­schied­lich lang, wel­che Per­spek­ti­ven ha­be ich hier nach ei­nem Stu­di­um in Sy­ri­en, wer­de ich mit ei­nem we­ni­ger an­spruchs­vol­len Job zuf­rie­den sein? Sol­che Fra­gen be­schäf­ti­gen die Flücht­lin­ge sehr, be­rich­tet Pis­to­ri­us. Ge­flüch­te­ten ei­ne Stim­me gibt eben­falls die Karls­ru­her Künst­le­rin, Re­gis­seu­rin und Mu­si­ke­rin Isis Chi Gam­bat­té mit ih­rem Film für die „Wo­chen ge­gen Ras­sis­mus.“. Am Mitt­woch, 15. März, ist die Dokumentation „Deutsch­land. Deutsch­land?“im Bür­ger­saal des Rat­hau­ses am Markt­platz zu se­hen. Be­ginn 19.30 Uhr, Ein­lass 19 Uhr. Sym­pa­thie und Hil­fe­stel­lung er­le­ben Ge­flüch­te­te –- aber auch Ge­walt, Ras­sis­mus und Ab­leh­nung. Gam­bat­té zeigt in ih­rem Film, ent­stan­den aus vie­len In­ter­views, wel­che Ge­dan­ken min­der­jäh­ri­ge un­be­glei­te­te Flücht­lin­ge in Karlsruhe ge­gen­über Deut­schen ha­ben. Da­bei sind die In­ter­view­ten im­mer durch ei­ne Zeich­nung dar­ge­stellt, nach­dem die Sor­ge be­stand, dass sie we­gen ih­rer Aus­sa­gen an­ge­fein­det wer­den könn­ten. Ne­ben den jun­gen Flücht­lin­gen kom­men ei­ne eh­ren­amt­li­che Deutsch­leh­re­rin, ei­ne Schul­so­zi­al­ar­bei­te­rin und ei­ne Mit­ar­bei­te­rin des Bü­ros für In­te­gra­ti­on zu Wort. Schat­ten, Vi­deo-Film, von Ab­dul­lah Ra­jab Al­mal­la, Mon­tag, 13. März, 19 Uhr Ju­bez-Ca­fé am Kro­nen­platz Karlsruhe; Deutsch­land. Deutsch­land? Film­do­ku­men­ta­ti­on von Isis Chi Gam­bat­té, Mitt­woch 15. März, 19.30 Uhr, Rat­haus Karlsruhe am Markt­platz.

Isis Chi Gam­bat­té dreh­te ei­nen Do­ku­men­tar­film über Flücht­lin­ge in Karlsruhe. Fo­to: Andrea Scho­en­rock

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