Die Maus, die kei­ne ist

Die Ha­sel­maus, ein „mau­s­ähn­li­cher Schlä­fer“, ist Wild­tier des Jah­res

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Patri­cia Klatt

Sie ist klein, sehr nied­lich und kei­ne Maus, ob­wohl sie so heißt. Mit der Ha­sel­maus kü­ren die Schutz­ge­mein­schaft Deut­sches Wild und die Deut­sche Wild­tier Stif­tung ei­nen „mau­s­ähn­li­chen Schlä­fer“zum Wild­tier des Jah­res 2017. Die dau­men­gro­ße und nacht­ak­ti­ve Ha­sel­maus ist der kleins­te Ver­tre­ter eu­ro­päi­scher Bil­che, zu de­nen auch die grö­ße­ren Ar­ten Sie­ben­schlä­fer, Gar­ten­schlä­fer und Baum­schlä­fer ge­hö­ren. „Ich fin­de es sehr gut, dass ein klei­nes Säu­ge­tier aus­ge­wählt wur­de“, freut sich Ha­rald Brün­ner, Bio­lo­ge und Klein­s­äu­ger­spe­zia­list aus Karls­ru­he. Die Ha­sel­maus sei in Ba­den-Würt­tem­berg noch kei­ne wirk­lich sel­te­ne Art, aber es ha­be auch bei ihr in den letz­ten Jahr­zehn­ten ei­nen ex­tre­men Be­stand­s­ein­bruch ge­ge­ben, so Brün­ner. „Der Grund liegt in der in­ten­si­ven Forst­wirt­schaft“, ist sich der Bio­lo­ge si­cher, „der Groß­raum Karls­ru­he ist ein Bei­spiel da­für, dass Wald­män­tel, in de­nen vie­le blü­hen­de und fruch­ten­de Sträu­cher vor­kom­men, ge­ra­de­zu „nie­der­ge­met­zelt“wer­den. Und da­mit ver­schlech­tern sich die Le­bens­be­din­gun­gen für die Ha­sel­maus im­mer wei­ter, ob­wohl sie in ganz Eu­ro­pa nach der Fau­na-Flo­ra-Ha­bi­tat-Richt­li­nie ei­ne streng ge­schütz­te Art ist und nicht er­heb­lich ge­stört oder gar ge­tö­tet wer­den darf. Auch ih­re Fort­pflan­zungs­und Ru­he­stät­ten sind ge­schützt“. Die Ha­sel­mäu­se le­ben im lich­ten Wald mit vie­len Sträu­chern so­wie He­cken und Feld­ge­höl­zen. Die Tie­re be­we­gen sich fast aus­schließ­lich im Ge­äst und mei­den den Bo­den weit­ge­hend. Aber die Sträu­cher und He­cken sind eben­so wich­tig für die Nah­rungs­su­che, die klei­nen Ha­sel­mäu­se fres­sen, je nach Jah­res­zeit, Pol­len und Knos­pen, Bee­ren und Früch­te oder fett­hal­ti­ge Sa­men wie zum Bei­spiel Ha­sel­nüs­se, auch In­sek­ten wer­den nicht ver­schmäht. Bis zum Herbst muss sich die Ha­sel­maus ei­ne di­cke Speck­schicht für den Win­ter­schlaf an­fut­tern, den sie in ei­nem Nest am Bo­den ver­bringt. Wäh­rend des Win­ter­schlafs ist sie qua­si be­we­gungs­un­fä­hig und zu ei­ner Ku­gel ein­ge­rollt, Herz­schlag und At­mung sind stark ver­lang­samt – zwi­schen zwei Atem­zü­gen kön­nen bis zu elf Mi­nu­ten lie­gen! Oh­ne aus­rei­chen­de Fett­re­ser­ven über­lebt sie den Win­ter­schlaf nicht, son­dern ver­hun­gert. Die ar­ten­rei­chen Wald­säu­me sind al­so im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes über­le­bens­wich­tig, „und es gilt lei­der, je in­ten­si­ver der Wald ge­nutzt wird, des­to schlech­ter geht es der Ha­sel­maus“, er­klärt Brün­ner. Auch die Schutz­ge­mein­schaft Deut­sches Wild und die Deut­sche Wild­tier Stif­tung se­hen in der struk­tur­ar­men Agrar­land­schaft und der schlei­chen­den Aus­wei­tung von Acker­flä­chen ei­ne Be­dro­hung für die Ha­sel­maus. Und so schrump­fen die Ge­bie­te für die Ha­sel­maus im­mer wei­ter zu­sam­men. Über die Ver­brei­tung im Raum Karls­ru­he sei nur sehr we­nig be­kannt, be­dau­ert Brün­ner, „wir su­chen die Ha­sel­maus im Ober­rhein­gra­ben, aber es gibt nur we­ni­ge Nach­wei­se – aus Gröt­zin­gen, Dur­lach, Ras­tatt, dann erst wie­der aus Of­fen­burg und dem Frei­bur­ger Raum. Nörd­lich von Ras­tatt war der Nach­weis ei­ne Zu­falls­be­ob­ach­tung durch den pro­mo­vier­ten Zoo­lo­gen Chris­ti­an Dietz aus Hai­ger­loch, der be­ob­ach­te­te, wie ei­ne Ha­sel­maus auf ei­nem Ha­sel­zweig ei­nen Bach über­quer­te.

Kleins­ter Ver­tre­ter eu­ro­päi­scher Bil­che

Un­ter­stüt­zung bei ih­rer Su­che be­ka­men die Bio­lo­gen zwi­schen 2009 und 2012, als sich rund 13000 Men­schen an der „Gro­ßen Nuss­jagd“des Na­bu Ba­den-Würt­tem­berg be­tei­lig­ten. An fast 450 Stel­len im Land wur­den Ha­sel­nüs­se mit Na­ge­s­pu­ren ge­sucht und über 20 000 Nüs­se wur­den zur ge­naue­ren Un­ter­su­chung ein­ge­schickt. Da­durch konn­te man die Ha­sel­maus an et­wa 75 Stand­or­ten nach­wei­sen. „Die Ha­sel­maus nagt cha­rak­te­ris­ti­sche run­de Lö­cher in die Scha­le, an­hand die­ser Fraß­spu­ren kann ein­deu­tig fest­ge­stellt wer­den, wer der Ha­sel­nuss­lieb­ha­ber war“, er­klärt Ha­rald Brün­ner. Erst 2015 sei­en, eben­falls durch Nuss­scha­len, die Nach­wei­se der Ha­sel­maus in Karls­ru­he-Dur­lach und -Gröt­zin­gen so­wie in Wein­gar­ten mög­lich ge­we­sen.

Sie nagt run­de Lö­cher in die Nuss

Die Ha­sel­maus ist Wild­tier des Jah­res 2017. Ei­gent­lich ist sie aber gar kei­ne Maus. Fo­to: Thiel­scher

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