Ta­ma­ra Trot­ter: Bei der Ar­beit trägt sie Zy­lin­der

Ta­ma­ra (27) ist Schorn­stein­fe­ge­rin

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - In­ter­view: Tan­ja Ka­sisch­ke

Girls Day heißt der jähr­lich statt­fin­den­de Zu­kunfts­tag für Mäd­chen. In die­sem Jahr fällt er auf den 27. April. Deutsch­land­weit la­den dann Un­ter­neh­men Mäd­chen der 5. bis 10. Klas­sen ein, ty­pi­sche Män­ner­be­ru­fe ken­nen­zu­ler­nen. Nur weil ein Job tra­di­tio­nell von Män­nern ge­macht wird, mit Na­tur­wis­sen­schaf­ten zu tun hat oder kör­per­lich for­dernd ist, heißt das nicht, dass er für Mäd­chen nicht in­fra­ge kommt! Den Girls Day gibt es seit 2001. In­zwi­schen hat sich viel ge­tan, Frau­en in Män­ner­be­ru­fen sind noch im­mer sel­te­ner, aber sie wer­den längst we­ni­ger schräg an­ge­schaut. Zu Ta­ma­ra Trot­ter muss man vor al­lem hoch­schau­en, die 27-Jäh­ri­ge aus Vogts­burg im Kai­ser­stuhl ist Schorn­stein­fe­ge­rin. Im In­ter­view ver­rät sie, wie es da­zu kam.

Dei­ne Be­rufs­wahl hat wort­wört­lich ins Schwar­ze ge­trof­fen. Wie kam es, dass Du Schorn­stein­fe­ge­rin wer­den woll­test?

Ta­ma­ra Trot­ter: Um her­aus­zu­fin­den, was ich nach mei­nem Haupt­schul­ab­schluss wer­de, ha­be ich Prak­ti­ka in vie­len Be­rei­chen ge­macht, im Hand­werk, in der Pfle­ge und in der Gas­tro­no­mie. Dann war ei­nes Ta­ges der Schorn­stein­fe­ger bei uns Zu­hau­se, um sei­ne Ar­beit zu ver­rich­ten, und so kam ich auch dort zu ei­nem Prak­ti­kums­platz. Der Job ge­fiel mir! Das Bes­te am Be­ruf der Schorn­stein­fe­ge­rin ist, dass ich selbst­stän­dig ar­bei­te, viel Kon­takt zu Men­schen ha­be, und dass sich der Be­ruf durch die fle­xi­blen Ar­beits­zei­ten wun­der­bar mit mei­ner Fa­mi­lie und mei­nem Kind ver­ein­ba­ren lässt.

Wie wird man Schorn­stein­fe­ge­rin?

Ta­ma­ra: Recht­lich ist kein be­stimm­ter Schul­ab­schluss für den Be­ruf vor­ge­schrie­ben. Aber um ei­ne Chan­ce auf ei­nen Aus­bil­dungs­platz zu ha­ben, soll­te min­des­tens ein gu­ter Haupt­schul­ab­schluss vor­han­den sein. Die Aus­bil­dung dau­ert drei Jah­re und be­steht aus der prak­ti­schen Ar­beit im Be­trieb, so­wie der Be­rufs­schu­le. Der Un­ter­richt dort fin­det als Block­un­ter­richt statt, ein Block ist drei bis sechs Wo­chen lang. Die Schu­le ist in Ulm.

Warst Du das ein­zi­ge Mäd­chen in Dei­ner Be­rufs­schul­klas­se?

Ta­ma­ra: Nein. Als ich 2005 in die Aus­bil­dung kam, wa­ren wir et­wa 20 Pro­zent Frau­en in der Klas­se. Heu­te hat sich der Frau­en­an­teil mehr als ver­dop­pelt!

Gibt es nach dem Ab­schluss bei Schorn­stein­fe­gern ein Ri­tu­al wie die Ka­pi­tänstau­fe bei See­leu­ten?

Ta­ma­ra: Nach der Ge­sel­len­prü­fung ist es of­fi­zi­ell ge­stat­tet, ei­nen Zy­lin­der zu tra­gen. Ich ha­be die­sen von mei­nem Chef ge­schenkt be­kom­men.

Wenn Du er­zählst, Du bist Schorn­stein­fe­ge­rin, gu­cken Dich man­che Leu­te ko­misch an?

Ta­ma­ra: Die Re­ak­tio­nen sind sehr un­ter­schied­lich, wenn auch al­ler­meist po­si­tiv. Für die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on ist es hin und wie­der un­vor­stell­bar, dass ei­ne Frau so ei­nen Be­ruf er­lernt, weil man eben doch sehr schmut­zig wird. An­sons­ten ha­ben vie­le Re­spekt, wenn man als Frau die­sen Be­ruf aus­übt.

Wie läuft Dein Ar­beits­tag ab?

Ta­ma­ra: Er teilt sich in zwei Be­rei­che auf, das Rei­ni­gen der Schorn­stei­ne und die Mes­sung an Öl- und Gas­feu­er­stät­ten. Die­se dient der Si­cher­heit und dem Um­welt­schutz. Im Schnitt wür­de ich sa­gen, be­ar­bei­te ich täg- lich neun bis 14 Häu­ser. Ich ar­bei­te Teil­zeit, sechs St­un­den pro Tag.

Gibt es ei­nen Schorn­stein, der für Dich et­was Be­son­de­res ist?

Ta­ma­ra: In un­se­rem Kehr­be­zirk be­fin­det sich noch ein be­steig­ba­rer Schorn­stein, in den man theo­re­tisch rein kann, um ihn auf die al­te Art und Wei­se zu rei­ni­gen. Das heißt, sich mit Kni­en und El­len­bo­gen an den Wan­dun­gen ein­zu­kei­len und sich so nach oben oder un­ten zu ar­bei­ten, um mit ei­nem Hand­be­sen den Ruß über sich ab­zu­keh­ren. Tat­säch­lich ha­ben wir aber sehr mo­der­ne Ar­beits­ge­rä­te, mit de­nen lässt sich der Schorn­stein auch sau­ber­ma­chen, oh­ne dass man rein­klet­tert.

Muss man im Fit­ness­stu­dio trai­nie­ren oder Sport ma­chen, um für den Be­ruf fit zu sein?

Ta­ma­ra: Kör­per­lich soll­te man schon fit sein, da man den gan­zen Tag auf den Bei­nen ist, Trep­pen rauf und run­ter geht, auf en­gen Dach­bo­den rum­kriecht oder sich durch Dach­fens­ter zwängt. Ins Fit­ness­stu­dio ge­hen muss ein Schorn­stein­fe­ger da­für aber nicht.

Wo­vor soll­te man sich in die­sem Job kei­nes­falls fürch­ten?

Ta­ma­ra: Wich­tig ist, kei­ne Hö­hen­angst zu ha­ben, da wir doch hin und wie­der auf dem Dach oder auf Lei­tern tä­tig sind. Schmutz, Spin­nen, Dun­kel­heit und En­ge las­sen sich eben­falls nicht ver­mei­den. Aber man lernt mit der Zeit, da­mit um­zu­ge­hen.

Schorn­stein­fe­ger brin­gen Glück! Wann hast Du zu­letzt je­man­dem Glück ge­bracht?

Ta­ma­ra: Es ist ein schö­nes Ge­fühl, mit Glück in Ver­bin­dung ge­bracht zu wer­den. Das darf ich fast täg­lich bei mei­ner Ar­beit er­fah­ren. Ob es tat­säch­lich was bringt, kann ich nicht sa­gen. Rund 100 An­ge­bo­te und Ak­tio­nen, die wäh­rend des Girls Days am 27. April in Karls­ru­he und Um­ge­bung statt­fin­den, ste­hen im In­ter­net auf www.girls-day.de/Girl­s_Day-Ra­dar/

Ein Sel­fie für den SONN­TAG: An ei­nem son­ni­gen Tag hat sich die Schorn­stein­fe­ge­rin Ta­ma­ra hoch oben auf ei­nem Dach selbst fo­to­gra­fiert. Fo­to: Trot­ter

Ta­ma­ra Trot­ter bei der Ar­beit in luf­ti­ger Hö­he. Das Fo­to ent­stand schon vor ei­ni­gen Jah­ren. Ta­ma­ras Kol­le­ge hat es auf­ge­nom­men. Fo­to: pri­vat

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