Dirk Wa­cker: Füh­rung durchs Mu­se­um Rhein­au

Das Mu­se­um Rhein­au in Rhein­au-Frei­stett ist ein ganz be­son­de­res Hei­mat­mu­se­um

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Ka­trin Kö­nig

Das Ha­nau­er Land, sagt der Rhein­au­er Stadt­ar­chi­var Dirk Wa­cker, ha­be ei­nen ganz ei­ge­nen Cha­rak­ter. „Es zähl­te frü­her zum El­sass und ist evan­ge­lisch ge­prägt, gleicht al­so ei­ner In­sel in­mit­ten von ka­tho­li­schen Hoch­bur­gen“, er­zählt er, und fügt ver­schmitzt hin­zu: „Frü­her hei­ra­te­te man hier al­len­falls ins nächs­te Dorf.“Dass die Re­gi­on seit dem Mit­tel­al­ter pro­spe­rier­te, hat­te vor al­lem ei­nen Grund: Den Hanf- und Flachs­an­bau. Die­sem und der Ver­ar­bei­tung von Flachs zu Lei­nen wid­met sich das Mu­se­um Rhein­au seit 2016 mit ei­ner ei­ge­nen Aus­stel­lung im Ober­ge­schoss. Ein Be­such lohnt sich: Mit all den aus­ge­stell­ten Ob­jek­ten, von der Hanf­bre­che über Spinn­rad und Web­stuhl bis hin zu Lei­nen­stof­fen, ver­bin­den sich Ge­schich­ten, die Wa­cker gern er­zählt; zu­sätz­li­ches Le­ben er­hal­ten sie durch his­to­ri­sche Fo­tos so­wie Bil­der ört­li­cher Mo­ti­ve. Wa­cker emp­fin­det den neu­en Schwer­punkt als Be­son­der­heit. „Wir woll­ten uns da­mit auch ein we­nig von an­de­ren Hei­mat­mu­se­en ab­gren­zen und ein The­ma in den Vor­der­grund stel­len, das das Ha­nau­er­land aus­mach­te.“Flachs und Hanf al­so – über Jahr­hun­der­te hin­weg, be­dingt durch ein güns­ti­ges, war­mes Kli­ma, wie es zu­min­dest für den Hanf un­ab­ding­lich ist. „Er wur­de in ers­ter Li­nie für die Schiff­fahrt be­nö­tigt, war er doch dort nach Holz das am häu­figs­ten ver­wen­de­te Ma­te­ri­al“, be­rich­tet der Stadt­ar­chi­var. Kei­ne an­de­re Na­tur­fa­ser kön­ne dem of­fe­nen Meer und dem ag­gres­si­ven Salz­was­ser bes­ser stand­hal­ten. „Ver­wen­det wur­de er et­wa für Se­gel und Schiffs­taue.“Mit Hanf dich­te­te man auch die Näh­te zwi­schen den Bret­tern des Schiffs­rump­fes ab, um das Schiff was­ser­dicht zu ma­chen; Hanf­öl dien­te für die Lam­pen, Hanf­sa­men im Not­fall als Er­näh­rung auf ho­her See, und nicht sel­ten war auch die Klei­dung der See­leu­te dar­aus her­ge­stellt. „Er ist sehr grob, aber zu­gleich über­aus ro­bust.“Im Ha­nau­er Land wur­de die bis zu drei­ein­halb Me­ter ho­he Pflan­ze sehr groß­flä­chig an­ge­baut. Ei­nen ers­ten Nie­der­gang er­leb­te ihr An­bau laut Wa­cker durch den 30jäh­ri­gen Krieg. Ab Mit­te des 19. Jahr­hun­derts – mit dem Auf­kom­men der Dampf­schif­fe – ging sei­ne Nut­zung dann fast voll- stän­dig zu­rück. „In der Re­gi­on bau­te man dar­auf­hin Ta­bak an, und zwar mit gro­ßem Er­folg und eben­falls auf rie­si­gen Flä­chen.“We­nig Platz be­nö­tigt hin­ge­gen der Flachs. „Ein Qua­drat­me­ter Flachs er­gibt ei­nen Qua­drat­me­ter Stoff, des­halb muss­te man ihn nicht hekt­ar­wei­se pflan­zen.“Die Flach­so­der Lei­nen­fa­ser wer­de aus den Stän­geln der Flachs­pflan­ze ge­won­nen und zäh­le zu den Bast­fa­sern, in­for­miert Wa­cker. „Die­se bil­den Bün­del.“ Rif­feln, Rös­ten, Dör­ren, Bre­cheln, Schwin­gen, He­cheln, Spin­nen, Has­peln, We­ben und Blei­chen sind nö­tig, um Lei­nen her­zu­stel­len. Ei­ni­ge der sei­ner­zeit ver­wen­de­ten Werk­zeu­ge fin­den sich auch im Mu­se­um: Die Bre­che et­wa, mit der Holz­teil­chen von den Fa­sern ge­trennt wer­den, oder das kam­m­ähn­li­che Flachs­rif­fel. „Beim Spin­nen wer­den die fei­nen Fa­sern dann zu Fä­den ver­spon­nen, die an­schlie­ßend zum ört­li­chen Lei­nen­we­ber ge­bracht wur­den.“Das ge­schah üb­ri­gens erst lan­ge nach der Ern­te im Au­gust, näm- lich in den Win­ter­mo­na­ten. Häu­fig tra­fen sich Frau­en aus der Nach­bar- und Ver­wandt­schaft dann zum ge­mein­sa­men Spinn­abend (die Män­ner spiel­ten un­ter­des­sen et­wa Kar­ten): Das „zu Licht ge­hen“oder „zu Stub­be ge­hen“setz­te sich wohl bis zum Zwei­ten Welt­krieg fort, „es gab ja noch kei­nen Fern­se­her“. Als die Tra­di­ti­on all­mäh­lich ihr En­de fand, war das Spinn­rad be­reits weit­ge­hend aus den Stu­ben ver­schwun­den; Baum­wol­le und Si­sal hat­ten Ein­zug ge­hal­ten. Schließ­lich ver­dräng­ten die­se bil­li­ge­ren Stof­fe das grö­be­re Lei­nen flä­chen­de­ckend – so­gar aus dem Ha­nau­er Land. Denn hier, räumt Wa­cker au­gen­zwin­kernd ein, sei­en die Men­schen „ein biss­chen rück­stän­dig“ge­we­sen. „Mei­ne Oma hat­te zum Bei­spiel noch kein Baum­woll­hand­tuch, sie muss­te die Kin­der nach dem Ba­den mit Lei­nen ab­trock­nen.“Er führt zu ei­nem Schrank, wo Bett­zeug auf­ge­sta­pelt ist; auf Klei­der­bü­geln hängt Lei­nen­klei­dung. „Ein­ge­färbt wur­den die Stof­fe zum Bei­spiel mit dem ro­ten Krapp.“Der Mu­se­ums­be­reich, der sich Klei­dung und Mo­de wid­met, ist auch dank Wa­ckers Er­zäh­lun­gen ge­ra­de­zu amü­sant: An der Wand sind zahl­rei­che „Kap­pen­schlup­fer“zu se­hen, et­wa von 1780 bis zum Zwei­ten Welt­krieg „Trend“ bei den Frau­en in der Re­gi­on, re­spek­ti­ve die Pelz­kap­pen der Män­ner, de­ren Ur­sprung Wa­cker in den Russ­land­feld­zü­gen Na­po­le­ons ver­mu­tet. Die Tracht wie­der­um hat­te durch­aus Aus­sa­ge­kraft, wie er sagt: War sie bunt, er­kann­te man die Un­ver­hei­ra­te­te, nach der Hoch­zeit trug die Frau nur noch schwarz. „Un­ter­ho­sen gab es nicht“, sagt er. Und schüt­telt un­gläu­big lä­chelnd den Kopf.

Das Ha­nau­er Land als „evan­ge­li­sche In­sel“ Un­ver­hei­ra­te­te Frau­en tru­gen bun­te Tracht

Im Mu­se­um Rhein­au fin­den sich vie­le Ori­gi­nal­ob­jek­te aus der Zeit, als Flachs und Hanf noch ein gu­tes wirt­schaft­li­ches Aus­kom­men im Ha­nau­er Land si­cher­ten. Fo­tos: kkö

Stadt­ar­chi­var Dirk Wa­cker, hier an ei­nem Web­stuhl im Mu­se­um, kennt die his­to­ri­sche Ent­wick­lung sei­ner Re­gi­on bes­tens und weiß rund um die Aus­stel­lungs­stü­cke vie­le Ge­schich­ten aus längst ver­gan­ge­nen Zei­ten zu er­zäh­len.

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