Ger­hard Ka­bier­s­ke: Ar­chi­tek­tur als Le­bens­auf­ga­be

Der Sonntag (Mittelbaden) - - ERSTE SEITE - Thomas Liebs­cher

Als 1972 in Mün­chen die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le aus­ge­tra­gen wur­den, in­ter­es­sier­te sich der 17-jäh­ri­ge Ger­hard Ka­bier­s­ke we­ni­ger für die Er­fol­ge der deut­schen Sport­ler. Ihn fas­zi­nier­te ei­ne ar­chi­tek­to­ni­sche Höchst­leis­tung. Das luf­ti­ge glä­ser­ne Zelt­dach des Münch­ner Olym­pia­sta­di­ons, ent­wor­fen von Gün­ter Beh­nisch. „Um sol­che und an­de­re mo­der­ne Bau­wer­ke aus al­ter Welt be­trach­ten zu kön­nen, ha­be ich im Le­se­saal der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek die Ar­chi­tek­tur­zeit­schrif­ten stu­diert“, er­zählt der Karls­ru­her. Ei­ne fa­mi­liä­re „Vor­be­las­tung“für sol­che Aus­flü­ge in die ak­tu­el­le Bau­kunst war nicht vor­han­den. Der Schü­ler des Kant-Gym­na­si­ums flog ge­dank­lich nicht nur um die Welt. Er re­gis­trier­te mit wa­chen Au­gen eben­so, wie sich das Bild sei­ner Hei­mat­stadt ver­än­der­te. „Ich er­in­ne­re mich noch an Kriegs­rui­nen und das Dörf­le. Ir­gend­wie ha­ben mich Ge­schich­te und ge­bau­te Ge­gen­wart glei­cher­ma­ßen in­ter­es­siert.“Das In­ter­es­se an den his­to­ri­schen Grund­la­gen al­ler Ve­rän­de­rung war et­was tie­fer ver­an­kert und Lust auf neue Stadt­luft vor­han­den – al­so stu­dier­te Ka­bier­s­ke nicht Ar­chi­tek­tur in der Fä­cher­stadt, son­dern Kunst­ge­schich­te in Frei­burg und Mün­chen. Die Hei­mat­stadt, ih­re gro­ßen Bau­meis­ter und was aus ih­ren Wer­ken wur­de, lie­ßen ihn je­doch nie los. Er ge­hör­te zu den Au­to­ren ei­nes Stan­dard­werks über Denk­mä­ler, Brun­nen und Frei­plas­ti­ken in Karlsruhe, wur­de mit ei­ner Ar­beit über Her­mann Bil­ling pro­mo­viert und wirk­te als Stadt­kon­ser­va­tor. Und der für ganz Süd­west­deutsch­land kom­pe­ten­te Wis­sen­schaft­ler bau­te das Ar­chi­tek­turAr­chiv (saai) am heu­ti­gen KIT mit auf. Par­al­lel er ließ nie nach, die Karls­ru­her Kar­te aus­zu­spie­len. In Stel­lung­nah­men, zum Denk­mal­tag und bei vie­len Pro­jek­ten. Ge­ra­de wur­de in der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek die Aus­stel­lung „Aus den Au­gen, aus den Sinn. Ver­schwun­de­ne Bau­ten des Karls­ru­her Ju­gend­stils, wie­der­ent­deckt in his­to­ri­schen Ar­chi­tek­tur­zeit­schrif­ten“er­öff­net. An­hand von 28 Bei­spie­len mit gro­ßen, aus­sa­ge­kräf­ti­gen Fo­tos zeigt Ka­bier­s­ke, wel­che präch­ti­gen Ge­bäu­den der Jah­re 1889 bis 1914 für pro­fa­ne Nach­fol­ge­bau­ten ver­schwin­den muss­ten – und das nicht nur durch Kriegs­ein­wir­kung. „Karlsruhe tut sich schwer mit sei­nem Bau­er­be und dem Denk­mal­schutz. Aber es soll­ten sich doch Neu­bau­ten qua­li­ta­tiv mes­sen las­sen kön­nen mit dem, was ver­schwand. Das ist nur sel­ten der Fall. Es wä­re schön, wenn die Aus­stel­lung da­für Sen­si­bi­li­tät we­cken wür­de.“Da­bei be­kennt der Ar­chi­tek­tur­his­to­ri­ker: Städ­te müs­sen sich ver­än­dern. Den Wel­len des Zeit­geis­tes bei ih­rer Gestal­tung spürt der 62-Jäh­ri­ge be­harr­lich nach – und ver­mit­telt sei­ne Ge­winn- und Ver­lust­rech­nun­gen im­mer wie­der bei Rund­gän­gen. Gu­te Bei­spie­le für Ret­tun­gen fin­det er als Ju­ry­vor­sit­zen­der beim Ba­den-Würt­tem­ber­gi­schen Denk­mal­preis. Mit sei­ner Frau, die eben­falls vom Fach ist und kunst­his­to­ri­sche Rund­gän­ge macht, pflegt er ihr al­tes Dur­la­cher Haus und des­sen Gar­ten. Rei­sen füh­ren bei­de oft­nach Frank­reich und des­sen gut ge­schütz­te Mo­nu­men­te.

Ex­per­te für Ge­winn- und Ver­lust­rech­nun­gen in der Karls­ru­her Ar­chi­tek­tur: Ge­ra­de hat Ger­hard Ka­bier­s­ke in der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek ei­ne Schau über ver­schwun­de­ne Bau­ten des Ju­gend­stils ge­stal­tet. Fo­to: Ar­tis

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