Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - AKTUELL - Thomas Liebs­cher

Wa­ren Sie heu­te schon ein­mal durch­ein­an­der und wuss­ten Sie nicht, wie spät es ist? Vi­el­leicht ha­ben Sie ei­ne Ver­ab­re­dung ver­passt oder ka­men un­pünkt­lich an. Dann sind Sie am Sonn­tag der Zeit­um­stel­lung in gu­ter Ge­sell­schaft. Der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer ver­schlief im Früh­jahr 2014 ei­ne Te­le­fon­kon­fe­renz mit der Bun­des­kanz­le­rin, weil er sei­nen We­cker nicht um ei­ne St­un­de vor­ge­dreht hat­te. Erst als sein Te­le­fon nicht auf­hör­te zu klin­geln, wur­de dem CSU-Chef schlag­ar­tig klar, was die St­un­de ge­schla­gen hat­te. Spä­te­re Strei­tig­kei­ten der Schwes­ter­par­tei­en sind je­doch nicht auf Ver­zö­ge­run­gen des Ge­sprächs zu­rück­zu­füh­ren. Das ge­stri­che­ne Stünd­chen kann wohl nicht für al­les Un­ge­mach der Welt ver­ant­wort­lich sein. Wer oh­ne­hin zu we­nig schläft und im­mer mü­de ist, darf das pri­ma auf die Som­mer­zeit schie­ben. Rei­sen­de nach Aus­tra­li­en oder in die USA neh­men für ihr Ur­laubs­er­leb­nis Jet­lag bei den Flü­gen Rich­tung Os­ten auf je­den Fall in Kauf. Über­haupt schlaucht je­des un­ge­wöhn­li­che Auf­ste­hen für ei­ne Orts­ver­än­de­rung den Kör­per ein biss­chen. Wer Frei­tag und Sams­tag durch­fei­ert, nimmt je­den Sonn­tag da­für gern ei­nen Mi­ni-Jet­lag in Kauf, der noch am Mon­tag spür­bar ist. Man stellt sich eben dar­auf ein. Und die ei­ne St­un­de im Jahr schafft der Kör­per al­lein, sa­gen Ex­per­ten. Gleich­wohl fin­den 75 Pro­zent der Deut­schen die Um­stel­lung un­nö­tig. Die all­jähr­li­chen Kla­gen dar­über sind Mo­de ge­wor­den. Wäh­rend Vor­tei­le aus­ge­blen­det wer­den. Der an­de­re Zeit­rhyth­mus bringt wohl kei­ne Ener­gie­er­spar­nis. Aber der Wal­king-Grup­pe, der Halb­ma­ra­thon­läu­fe­rin, den Frei­zeit­fuß­bal­lern oh­ne Flut­licht oder der Gärt­ne­rin schon jetzt län­ge­res Licht und Wohl­ge­fühl. Selbst die am Fei­er­abend we­ni­ger Ak­ti­ven schät­zen mehr Le­bens­freu­de an Aben­den. Das mag mit der Zeit selbst für Fa­mi­li­en mit Kin­dern gel­ten, die tat­säch­lich durch das Dre­hen an der Uhr be­trof­fen sind. Ih­re Le­bens­zu­frie­den­heit er­reicht erst in der zwei­ten Wo­che nach der Um­stel­lung das al­te Ni­veau. Aber „ge­sund­heit­li­che Ri­si­ken“se­hen se­riö­se Me­di­zin­stu­di­en nicht. Wenn die in­ne­re Uhr un­be­ein­träch­tigt blei­ben soll, wä­re über Rhyth­men der Schicht­ar­beit, frü­hen Un­ter­richts­be­ginn, viel künst­li­ches Licht oder Fern­seh­schlaf im Ses­sel zu spre­chen. Das wird beim Jam­mern über den St­un­den­klau leicht über­se­hen. Mir ist er recht. Ko­misch, dass ich heu­te trotz­dem mü­der sein wer­de.

Das ach so bö­se ge­klau­te Stünd­chen

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