Ok­kul­tis­mus für al­le Le­bens­la­gen

In Myan­mar ha­ben Hei­ler und He­xer Hoch­kon­junk­tur / Mo­der­ne Zau­be­rer nut­zen auch Face­book

Der Sonntag (Mittelbaden) - - TIPPS & THEMEN -

Vor ei­ner Prü­fung, nach ei­ner Tren­nung oder zur Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Geis­tern: Ma­gier, Wahr­sa­ger und He­xer ha­ben in Myan­mar Hoch­kon­junk­tur. Im frü­he­ren Bir­ma mischt sich der Bud­dhis­mus seit lan­gem mit Aber- und Geis­ter­glau­ben, über­all sind in Bäu­men oder an Haus­tü­ren klei­ne Al­tä­re auf­ge­baut, sit­zen Wahr­sa­ge­rin­nen vor den Pa­go­den. Seit En­de der jahr­zehn­te­lan­gen Mi­li­tär­herr­schaft blü­hen ok­kul­te Ri­tua­le in dem süd­ost­asia­ti­schen Land. In Tha­ly­in na­he Rangun et­wa bie­tet die 42jäh­ri­ge Win Win Aye gra­tis ih­re Di­ens­te als Me­di­um an. Sie ha­be mit­hil­fe gü­ti­ger Geis­ter schon Dut­zen­de von Krank­hei­ten und Flü­chen ge­heilt. „Ich weiß, wann die Geis­ter da sind“, er­klärt sie nach ei­ner Sit­zung. „Wenn ich et­was sa­gen will und mein Mund die Wor­te nicht for­men kann, dann spricht die Per­son, die von mir Be­sitz er­greift.“Un­ter der bri­ti­schen Ko­lo­ni­al­herr­schaft und in ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert der Mi­li­tär­dik­ta­tur wand­ten sich vie­le Men­schen den „weikza“zu – He­x­ern, die im Bud­dhis­mus als Halb­göt­ter ver­ehrt wer­den. Die meis­ten Sek­ten, die solch ei­nen Glau­ben pro­pa­gier­ten, wur­den von den ab 1962 re­gie­ren­den Ge­ne­rä­len auf­ge­löst oder in den Un­ter­grund ge­drängt. Vie­le in der Jun­ta wa­ren je­doch selbst aber­gläu­bisch und fürch­te­ten schwar­ze Ma­gie. Auch Ge­ne­ral Ne Win, der in den 1950er und 1960er Jah­ren Re­gie­rungs­chef war, soll aber­gläu­bisch ge­we­sen sein. Be­rich­ten zu­fol­ge ba­de­te er zur Ver­jün­gung in Del­fin­blut. In den 1980er Jah­ren rui­nier­te er bei­na­he die Wirt­schaft des Lan­des, als er nur noch Bank­no­ten er­laub­te, de­ren Stü­cke­lung durch sei­ne Glücks­zahl neun teil­bar war. Heu­te wer­den in Myan­mar über­all He­xe­reiKur­se an­ge­bo­ten und An­lei­tun­gen für ok­kul­te Ri­tua­le ver­öf­fent­licht. „Seit die Zen­sur­be­hör­de 2012 auf­ge­löst wur­de, ist das An­ge­bot an Zau­ber-An­lei­tun­gen ex­plo­diert“, sagt Thomas Pat­ton von der Ci­ty Uni­ver­si­ty in Hong­kong. „Ich wür­de be­haup­ten, sie sind ei­nes der am meis­ten ge­le­se­nen Gen­res in Myan­mar.“In ei­ner schlich­ten Woh­nung in Rangun um­wi­ckelt Linn Nhyo Ta­ryar ei­ne Stroh­pup­pe mit schwar­zem Kle­be­band und plat­ziert sie in ei­nen mit Zau­ber­sym­bo­len ge­schmück­ten Kreis. Der dün­ne 21-Jäh­ri­ge schließt sei­ne Au­gen und mur­melt Be­schwö­rungs­for­meln. Be­reits im Al­ter von fünf Jah­ren be­gann er mit der Aus­bil­dung zum He­xer und bau­te sich über die Jah­re ei­ne Fan­ge­mein­de auf Face­book auf. „Zau­be­rei ist die Kunst, die Kraft der Na­tur zu emp­fan­gen. Oh­ne sie kann man gar nichts tun“, er­klärt er. „Es kommt dar­auf an, ob man gu­te oder schlech­te Din­ge be­wir­ken will – ent­spre­chend ist es dann wei­ße oder schwar­ze Ma­gie.“Sei­nen Schü­lern zeigt er, wie man Voo­dooPup­pen her­stellt, Zau­ber­kar­ten zeich­net und Flü­che aus­spricht. „Ich will mit der Ma­gie mei­ne Fa­mi­lie be­schüt­zen kön­nen, wenn uns et­was pas­siert“, sagt ein Schü­ler, der 25-jäh­ri­ge Pa­ing Soe Naung. Ei­ne Wo­che spä­ter wer­den die Kur­se ver­bo­ten. Be­sorg­te Bür­ger hat­ten den He­xen­meis­ter we­gen schwar­zer Ma­gie bei der Po­li­zei an­ge­zeigt. Die Angst kommt nicht von un­ge­fähr: In ei­nem Dorf au­ßer­halb Ran­guns prü­gel­te im Ok­to­ber ein selbst­er­nann­ter Ex­or­zist drei klei­ne Kin­der tot mit der Be­grün­dung, sie sei­en vom Teu­fel be­ses­sen. Pat­ton zu­fol­ge mei­nen vie­le Leu­te in Myan­mar, über­na­tür­li­che Kräf­te hät­ten der Par­tei von No­bel­preis­trä­ge­rin Aung San Suu Kyi 2015 zur Macht ver­hol­fen. „Die Leu­te er­hoff­ten sich im­mer von die­sen Hei­li­gen, Zau­be­rern oder He­x­ern, dass sie Frie­den und De­mo­kra­tie brin­gen“, sagt der Ex­per­te. „Seit dies wahr wur­de, glau­ben vie­le, dass die­se Ma­gie wirk­lich funk­tio­niert.“

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