Der Ele­fant im Por­zel­lan­la­den

Die Kunst der Tier­fi­gu­ren kann man bei ei­nem Aus­flug ins Breis­gau­städt­chen St­au­fen be­wun­dern

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Freizeit & Ausflüge - Mt

Al­les muss zum Er­leb­nis wer­den, nur das Er­leb­nis macht das Kunst­werk aus“. Das sag­te der Künst­ler Fritz Behn 1911. Auf zahl­rei­chen Rei­sen nach Afri­ka ließ er sich für sei­ne Skulp­tu­ren in­spi­rie­ren – und schuf ei­nen le­bens­ech­ten Ele­fan­ten. Der Dick­häu­ter von Fritz Behn ist der Mit­tel­punkt der Aus­stel­lung „Der Ele­fant im Por­zel­lan­la­den“, die bis zum 30. No­vem­ber im Ke­ra­mik­mu­se­um St­au­fen ge­zeigt wird. Um den Ele­fan­ten her­um tum­meln sich wei­te­re 120 Tier­fi­gu­ren aus Por­zel­lan und Ke­ra­mik. Rep­ti­li­en, Fi­sche, Vö­gel, In­sek­ten und Säu­ge­tie­re sind in St­au­fen nicht nur nied­lich an­zu­schau­en – die Tie­re be­glei­ten den Be­su­cher zu­dem auf ei­ner Rei­se durch die Stil­ge­schich­te. Da­bei staunt er über Ver­gan­ge­nes und wird Zeu­ge der Ge­gen­warts­ent­wick­lung: Wel­che Tier­ar­ten, Darstel­lungs­for­men und Ober­flä­chen sind si­gni­fi­kant für die je­wei­li­ge Epo­che? Der ro­te Fa­den durch die Stil- und De­sign­ge­schich­te aus vier Jahr­hun­der­ten führt vom Ba­rock bis in die Ge­gen­wart. Im 18. Jahr­hun­dert wur­den Tier­fi­gu­ren als ei­ne ei­gen­stän­di­ge Gat­tung in­ner­halb der ke­ra­mi­schen Pro­duk­ti­on im gro­ßen Stil ent­wi­ckelt. Be­son­ders po­pu­lär wa­ren da­mals bi­zar­re Darstel­lun­gen von Möp­sen. Auch aus der Zeit des Ju­gend­stils und des Art Dé­co sind leb­haf­te Tier­fi­gu­ren ver­tre­ten. In der Aus­stel­lung ste­hen da­bei all­täg­li­che Ge­gen­stän­de ne­ben rei­nen Kun­st­ob­jek­ten, se­ri­el­le Fa­b­rik­pro­duk­tio­nen ne­ben den Uni­ka­ter­zeug­nis­sen des Kunst­hand­wer­kes und Kitsch ne­ben Kunst mit in­tel­lek­tu­el­lem An­spruch. Be­son­ders se­hens­wert sind die Tier­fi­gu­ren des Künst­lers Wal­ter Bos­se (1904-1979). Eu­ro­pa­weit, ja ei­gent­lich welt­weit, sind sei­ne Ke­ra­mi­ken als Samm­ler­stü­cke be­gehrt – und er­zie­len oft ho­he Prei­se. Die Be­geis­te­rung für die­sen Künst­ler geht so­gar so weit, dass sei­ne Tier­fi­gu­ren Ge­gen­stand von oft­mals „plum­pen“, manch­mal aber auch er­staun­lich pro­fes­sio­nel­len Fäl­schun­gen ge­wor­den sind. Zeit­le­bens kämpf­te Bos­se da­ge­gen an: Durch ei­nen In­stan­zen­weg vor Ge­richt ver­such­te er, Li­zenz­ge­büh­ren für sei­ne Fi­gu­ren zu er­hal­ten. Sei­ne Mus­ter­schutz-Pro­zes­se wa­ren im Be­reich Kunst­hand­werk die ers­ten ih­rer Art. Da­her gilt Wal­ter Bos­se heu­te als Be­grün­der des mo­der­nen Ur­he­ber­rech­tes für De­sign und ke­ra­mi­sche Pro­duk­ti­on. Ein wei­te­rer Schwer­punkt der Prä­sen­ta­ti­on im Breis­gau-Städt­chen St­au­fen ist das Phä­no­men „Bam­bi“. Ent­wor­fen wur­de die Tier­fi­gur als „Reh­kitz“1936 von El­se Bach in der Staat­li­chen Ma­jo­li­ka-Ma­nu­fak­tur in Karls­ru­he. Dass die nied­li­che Tier­fi­gur ein­mal Welt­be­rühmt wer­den soll­te, ahn­te da­mals nie­mand. Die Ge­schich­te des Bam­bi be­gann 1948, als der Karls­ru­her Ver­le­ger Karl Fritz in Karls­ru­he ei­nen Me­di­en­preis ins Le­ben ge­ru­fen hat­te und auf der Su­che nach ei­ner pas­sen­den Vor­la­ge für die Preis­ge­stal­tung war. Da die Ma­jo­li­ka-Ma­nu­fak­tur ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le im ge­sell­schaft­li­chen Le­ben der Fä­cher­stadt spiel­te, ver­wun­dert es nicht, dass die Wahl auf ei­nes der hie­si­gen Er­zeug­nis­se

Vom Ba­rock bis in die Ge­gen­wart De­ko­ra­ti­ver Nip­pes und kon­zep­tio­nel­le Kunst

fiel. Das Bam­bi wird bis heu­te als Aus­zeich­nung für den wich­tigs­ten deut­schen Me­di­en­preis ver­lie­hen und in­spi­riert auch wei­ter­hin als Iko­ne der Karls­ru­her Ma­jo­li­kaMa­nu­fak­tur zeit­ge­nös­si­sche Künst­ler: Ob es ge­häu­tet dar­ge­stellt wird oder zer­quetscht in ei­nem Ham­bur­ger – im­mer regt die Fi­gur des Reh­kit­zes den Be­trach­ter zum Re­flek­tie­ren über ge­sell­schaft­li­che Phä­no­me­ne an. So­mit schlägt das Bam­bi-Mo­tiv den Bo­gen vom de­ko­ra­ti­ven Nip­pes zur kon­zep­tu­el­len Kunst. Wie Fritz Behn sag­te, muss al­les zum Er­leb­nis wer­den. In­mit­ten von Gi­raf­fen und Dra­chen­dar­stel­lun­gen wan­delt der Be­su­cher im „Zoo der Ke­ra­mik“durch die Jahr­hun­der­te – und das in St­au­fen im Breis­gau.

Ein tie­ri­sches En­sem­ble: der Ele­fant von Fritz Behn, die Gi­raf­fe von Wal­ter Bos­se und die Kat­ze von Wer­ner Gothein ge­hö­ren zur Me­na­ge­rie, die der­zeit im Ke­ra­mik­mu­se­um St­au­fen zu se­hen ist. © Ba­di­sches Lan­des­mu­se­um, Fo­to: Th. Gold­schmidt

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