Di­or und der pu­re Lu­xus

Vom New Look des Fir­men­grün­ders zum fe­mi­nis­ti­schen Be­kennt­nis der ers­ten Chef­de­si­gne­rin

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Mode & Stil - Su­san­ne Forst

Ster­ne fun­keln, die Son­ne lacht. Die ALi­nie ist er­kenn­bar. Zum ers­ten Mal in der Ge­schich­te des Hau­ses ent­wirft ei­ne Frau „Di­or“. Ma­ria Gra­zia Chi­uri lässt im Früh­jahr/Som­mer 2017 duf­ti­ge, auch durch­sich­ti­ge Rö­cke schwin­gen. Lan­gen Ho­sen gibt sie Vo­lu­mi­na. En­sem­bles er­in­nern an Fecht­kos­tü­me. Der Look scheint ver­mehrt auf ei­ne ver­jüng­te Kli­en­tel zu zie­len. Mäd­chen tra­gen un­ter lich­tem, kaum ver­hül­len­dem Stoff Ho­tPants. „Di­or und Ich“– das war der Ti­tel des Films, der zeigt, wie Raf Si­mons, der Vor­gän­ger Ma­ria Gra­zia Chi­uris, ar­bei­tet. Der Film il­lus­triert, wel­che Pracht­ent­fal­tung, wie viel Ner­ven, har­te Ar­beit und pu­rer Lu­xus in ei­ner Kol­lek­ti­on und ih­rer Prä­sen­ta­ti­on ste­cken: Für Di­or ließ der bel­gi­sche De­si­gner, der in­zwi­schen für Cal­vin Klein ent­wirft, gan­ze Räu­me mit fri­schen Blü­ten aus­klei­den. In­spi­ra­ti­on hol­te Si­mons sich, un­ter an­de­rem, aus der Kunst, ganz kon­kret auch für die Mus­ter der Di­or-Stof­fe. Na­tür­lich hat­te Si­mons „sei­nen Stoff“stu­diert: die Sil­hou­et­ten, die Far­ben, die „Li­ni­en“. Der Ti­tel des Films ist ein Zi­tat: „Di­or und Ich“, so heißt die Au­to­bio­gra­fie, die Chris­ti­an Di­or 1956 in sei­nem Haus in Süd­frank­reich ab­schließt. Chris­ti­an Di­ors sen­sa­tio­nel­le Kar­rie­re um­fasst nur zehn Jah­re. Im De­zem­ber 1946 er­öff­net der ge­bür­ti­ge Nor­man­ne sein Cou­tureHaus in Pa­ris. Am 12. Fe­bru­ar 1947 stellt er, 42 Jah­re alt, sei­ne ers­te Kol­lek­ti­on vor – Schock und Sen­sa­ti­on. Im sel­ben Jahr wird er in den USA, in Dal­las, mit dem „Os­car für Mo­de“, dem Nei­mann-Mar­cus-Award aus­ge­zeich­net. 1957, das Haus ist zu ei­nem Glo­bal Play­er ge­wor­den, ist Chris­ti­an Di­or tot. Er wur­de 52 Jah­re alt. Von den zehn Grün­dungs­jah­ren und dar­über hin­aus die Ge­schich­te des Pa­ri­ser Lu­xus­la­bels er­zäh­len zwei wun­der­ba­re Bü­cher. Der Schir­mer-Mo­sel-Ver­lag hat Di­ors Au­to­bio­gra­fie, „Chris­ti­an Di­or: Di­or und ich“, die nur noch schwer zu­gäng­lich war, neu auf­ge­legt. Im

Der Shoo­ting-Star war sehr schüch­tern

Pre­s­tel-Ver­lag ist ein Bild­band er­schie­nen: „Di­or – zeit­lo­se Ele­ganz“. Char­mant, freund­lich, scharf­sin­nig, auch mit fei­ner Selbst­iro­nie be­schreibt Di­or wie ein Hau­te-Cou­ture-Haus funk­tio­niert: die Wahl des Per­so­nals, die Zu­stän­dig­kei­ten und Hier­ar­chi­en, die Ent­ste­hung ei­ner Kol­lek­ti­on. Nie hebt er den Ton. Und doch tritt klar her­vor, wo Druck und Ri­va­li­tä­ten ent­ste­hen, dass Si­tua­tio­nen es­ka­lie­ren, Ner­ven blank lie­gen, Trä­nen flie­ßen, die vol­le Mo­ti­va­ti­on wie­der da ist. Über die Er­öff­nung und Ent­wick­lung sei­nes Hau­ses in der Ave­nue Mon­tai­gne hin­aus, lässt Di­or die letz­ten Schat­ten der Bel­le Epo­que auf­le­ben. Von Paul Poiret bis zur frü­hen Co­co Cha­nel und Lu­ci­en Le­long, bei dem Di­or zu­nächst als Zeich­ner ar­bei­te­te, er­zählt er Mo­de­ge­schich­te. Auch Per­sön­li­ches fließt ein, die Fa­mi­li­en­ver­hält­nis­se, sei­ne Ar­beit als Ga­le­rist. Er spart die bei­den Welt­krie­ge und das Schick­sal sei­ner ei­ge­nen Fa­mi­lie nicht aus. Di­or er­weist sich als ex­zel­len­ter Er­zäh­ler und auch Rei­se­füh­rer, ge­ra­de durch die USA. Auf dem Weg in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten hin­ter­fragt er sei­ne Rol­le als Re­prä­sen­tant der Pa­ri­ser Cou­ture: Das (Kunst-)Hand­werk und die Qua­li­tät zeich­ne die fran­zö­si­sche Lu­xus­in­dus­trie aus. Und, das wird ihm klar, er ist ihr Bot­schaf­ter. Di­or gilt als schüch­tern und ex­trem zu­rück­hal­tend, äu­ßerst un­be­quem für ei­nen er­folg­rei­chen Un­ter­neh­mer, der in der Öf­fent­lich­keit steht. Di­or selbst un­ter­schei­det zwi­schen dem er­folg­rei­chen Cou­turi­er und der Pri­vat­per­son. Der pri­va­te Chris­ti­an liebt Gär­ten, Kar­ten­spie­le, Scha­ra­den. Und er glaubt an Se­he­rin­nen (!) und die Astro­lo­gie. Son­ne, Mon­de und Ster­ne hin­ter­las­sen Spu­ren bis in die ak­tu­el­le Kol­lek­ti­on Ma­ria Gra­zia Chi­uris für Di­or. In den USA fei­ern Ge­schäfts­leu­te und Gast­ge­ber den öf­fent­li­chen Chris­ti­an Di­or, als sein Un­ter­neh­men noch kein Jahr alt ist. Der Shoo­ting-Star der Cou­ture steht, un­ter an­de­rem in Dal­las, ei­nem rie­si­gen Pu­bli­kum ge­gen­über. Er soll ei­ne Re­de hal­ten. Di­or spielt wie bei ei­ner Scha­ra­de – und be­geis­tert. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten schlägt dem Fran­zo­sen al­ler­dings auch Ab­leh­nung und Kri­tik ent­ge­gen. In Chi­ca­go emp­fan­gen ihn Geg­ner mit Pla­ka­ten: „Chris­ti­an Di­or go ho­me!“– „Nie­der mit dem New Look“. Was war pas­siert? Stoff­fül­le cha­rak­te­ri­sier­te Di­ors ers­te Kol­lek­ti­on. In der Nach­kriegs­zeit ver­ar­bei­te­te er Me­ter um Me­ter in ei­nem Klei­dungs­stück und griff auf ein „kon­ser­va­ti­ves“Frau­en­bild zu­rück. Di­or setz­te Frau­en ele­gant in Sze­ne, die Tail­le eng, die Hüf­ten breit, das De­kol­le­té be­tont, der Ge­gen­ent­wurf zur Le­bens­rea­li­tät von Frau­en, die wäh­rend der Kriegs­jah­re oft ar­bei­ten und Män­ner er­set­zen muss­ten. Di­or traf den Nerv der Zeit. Der „New Look“war ge­bo­ren. Die Kri­tik und zah­lungs­kräf­ti­ge Kun­din­nen lässt der Vor­wurf der Ver­schwen­dung kalt. Sie lech­zen nach Lu­xus und Fül­le: Be­hand­schuht, mit Hut, selbst­ver­ständ­lich mit Par­u­re, mit Schmuck-En­sem­bles, die spä­ter un­ter an­de­rem in Pforz­heim ent­ste­hen, ist der Look per­fekt. Schlag auf Schlag ent­wirft Di­or neue Li­ni­en. Er bringt ein ei­ge­nes Par­fum – Miss Di­or – auf den Markt und ver­gibt als ers­ter für sei­ne Mo­de Li­zen­zen. We­spen­tail­le, per­fek­ter Schnitt, die Sil­hou­et­ten und Far­ben – das setzt der Pre­s­tel-Band „Di­or“in Sze­ne. Die Fo­tos il­lus­trie­ren die Ent­wick­lung, auch der Mo­de­fo­to­gra­fie. Ob und wie nah Nach­fol­ger dem ge­nia­len Fir­men­grün­der kom­men, wie frap­pant et­wa der ex­zen­tri­sche und schließ­lich ge­schass­te John Gal­lia­no oder Raf Si­mons ins 21. Jahr­hun­dert „Di­or“über­setz­ten, springt in der Ge­gen­über­stel­lung von „al­ten“Mo­de­fo­to­gra­fi­en und Ins­ze­nie­run­gen zeit­ge­nös­si­scher Fo­to­gra­fen ins Au­ge. Nach Chris­ti­an Di­ors Tod folg­te zu­nächst Yves Saint Lau­rent, den Di­or noch selbst ein­ge­stellt hat­te, auf den Fir­men­grün­der. Marc Bo­han und Gi­an­fran­co Fer­ré tra­ten in die Fuß­stap­fen des De­si­gners. Die ers­te Frau an der Spit­ze des De­sign­teams, Ma­ria Gra­zia Chi­uri, über­rasch­te bei ih­rer ers­ten Kol­lek­ti­on mit ei­nem Be­kennt­nis: „We are all fe­mi­nists“war auf TShirts zu le­sen. Im Früh­ling/Som­mer 2017 fällt Chi­uris Di­or-Hul­di­gung zart aus, aber auch ei­nen Hauch selbst­be­wusst-mar­tia­lisch, ver­bun­den mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Ver­jün­gung.

Re­né Gru­au setz­te Chris­ti­an Di­ors Mo­del­le in Zeich­nun­gen um. Hier ein Man­tel und Hut von Di­or für In­ter­na­tio­nal Tex­ti­les, 1950 (aus: „Di­or und ich“, Schir­mer-Mo­selVer­lag). Fo­to: © SARL Re­né Gru­au, Pa­ris / cour­te­sy Ga­le­rie Bartsch & Cha­ri­au

Aus der ak­tu­el­len Di­or-Kol­lek­ti­on. Fo­to: AFP

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