Le­ben in Karls­ru­he: Vom Zu­hau­se zur Hei­mat

Auf der Su­che nach der Ver­bun­den­heit mit den Karls­ru­her Stadt­tei­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - Tho­mas Liebs­cher

Seit ei­nem drei­vier­tel Jahr wohnt Kat­ha­ri­na Klö­cker mit ih­rem Mann und zwei klei­nen Kin­dern in Karls­ru­he. Die neue Stadt ist groß und fürs Um­schau­en nach dem Zu­zug aus dem Rhein­land hat­te die 38Jäh­ri­ge noch we­nig Zeit. Sie er­lebt Karls­ru­he bis­lang vor al­lem durch ei­nen Stadt­teil, ih­ren Wohn­ort Grün­wet­ters­bach. „Wir ha­ben vor­her in Düs­sel­dorf mit­ten in der Stadt ge­wohnt und sind dort nie hun­dert­pro­zen­tig an­ge­kom­men. Nach der be­ruf­li­chen Ve­rän­de­rung mei­nes Man­nes ha­ben wir in Karls­ru­he et­was mit Gar­ten ge­sucht. Dur­lach hät­te uns ge­fal­len, nun sind wir in Grün­wet­ters­bach un­term Fern­seh­turm ge­lan­det. Die Nach­barn sind sehr freund­lich, im Ort oder in der Um­ge­bung fin­den wir die Gr­und­ver­sor­gung. Es ge­fällt uns und bei mir hat sich das gu­te süd­deut­sche Ge­fühl ein­ge­stellt.“Frau Klöck­ner wuchs in Schwä­bisch Gmünd auf, emp­fin­det Ba­de­ner und Schwa­ben als ähn­lich – was ihr Mann im Bü­ro an­ders hört – und ist zuf­rie­den mit dem neu­en Ort, dem Zu­hau­se. „Das kann wech­seln, je nach­dem wo das Le­ben ei­nen hin­bringt. Hei­mat ist für mich aber da, wo man auf­ge­wach­sen ist.“Wird Kat­ha­ri­na Klöck­ner mit der Zeit ei­ne Stadt­tei­li­den­ti­tät im Berg­dorf spü­ren oder gar dar­auf Wert le­gen? Wel­che Aus­flugs­punk­te oder Lo­ka­le wer­den ih­rer Fa­mi­lie ans Herz wach­sen? Um sol­che aus­drück­lich lo­ka­len „Fra­gen“und Iden­ti­tä­ten in den 27 Karls­ru­her Stadt­tei­len geht es dem Pfinz­gau­mu­se­um Dur­lach ab heu­te. Dort ge­ben auf kur­zen Vi­de­os Men­schen aus Karls­ru­he Aus­kunft über ih­ren Hei­mat­be­griff – und ob sie vi­el­leicht meh­re­re Hei­ma­te ha­ben kön­nen. Fer­ris Das­tan ist als „ei­ran_mc“mit sei­nem Dur­lach-Rap be­kannt ge­wor­den. Er wohnt in der al­ten Mark­gra­fen­stadt. Weil er aber in der Pfalz auf­wuchs, möch­te er sich nicht ein­fach als „Dur­la­cher“be­zeich­nen. Aber als er dort sei­nen ers­ten Dö­ner „auf Pump“be­kam, da hat­te Das­tan das Ge­fühl, „ich bin auch hier will­kom­men.“Ay­din Mir Mo­ham­ma­di aus der Nord­stadt, ge­bo­ren in der Ad­lerJah­re stra­ße, sieht Hei­mat, „wo die Men­schen sind, mit de­nen ich ei­ne Be­zie­hung ha­be, ei­ne star­ke Be­zie­hung.“In den Iran, dem Land sei­nes Va­ters, ge­be es nur we­gen der Fa­mi­lie – „hei­mat­li­che Ge­füh­le“. „Karls­ru­he ist auf je­den Fall meine Hei­mat, wenn ich Hei­mat ver­or­te, als Stadt.“Jür­gen Si­ckin­ger fühlt sich hei­mat­lich ge­bor­gen, wenn er die Hirsch­brü­cke sieht. Oder wenn ihn der Duft von Lin­den­blü­ten an sei­ne Kind­heit in der West­stadt er­in­nert. Der 70-jäh­ri­ge Vor­sit­zen­de des Bür­ger­ver­eins Süd­west­stadt ist ein Bei­spiel da­für, wie sich Ge­s­amt-Stadt­ge­fühl und Stadt­teil-Emo­tio­nen ver­bin­den. „Mei Hei­mat isch dort, wo mei Herz schnel­ler schlagt, wenn e wid­der zrick komm: mei Ho­i­mat isch Karls­ruh’“schreibt er in sei­nem ge­ra­de im Selbst­ver­lag er­schie­ne­nen ers­ten Mun­d­art-Büch­lein „Uffg’le­se­nes un Zug’flo­ge­nes“. Zur Stadt­tei­li­den­ti­tät ge­hö­ren für Si­ckin­ger wie für vie­le an­de­re je­ne Lo­ka­le, die über be­ste­hen und Treff­punk­te für Zeit mit Freun­den oder Gleich­ge­sinn­ten wer­den. In der Süd­west­stadt war der Aus­schank der Braue­rei Schrempp (bis 1920, da­nach bis 1977 Schrempp-Printz) solch ein Ort. Ge­boxt und ge­tanzt wur­de dort. Im „Al­ten Brau­hof“fin­den die Süd­west­städ­ter ei­ne Fort­set­zung der Tra­di­ti­on. Sol­che pri­va­ten und öf­fent­li­chen Plät­ze be­nö­tigt Hei­mat. Un­ter an­de­rem, um sich über Hei­mat­ge­füh­le aus­zu­tau­schen.

Fo­to: Ro­land Fränk­le

Treff­punkt Turm­berg. Die neue Te­ras­se auf Dur­lachs Haus­berg macht ei­nen wich­ti­gen Stadt­punkt at­trak­ti­ver. Sol­che tra­di­ti­ons­rei­chen Plät­ze sind wich­ti­ge „Hal­te­punk­te“für die Men­schen. Ge­ra­de weil Hei­mat von zer­stö­ren­der Ve­rän­de­rung im­mer wie­der be­droht ist.

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