Auf­ge­fal­len

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Nie gab es so viel „Käp­se­le“an den Hoch­schu­len wie heu­te. Dar­auf deu­ten zu­min­dest die Ab­schluss­no­ten hin. Die sind ei­ner Stu­die zu­fol­ge seit Be­ginn der 1970er Jah­re im Durch­schnitt im­mer bes­ser ge­wor­den. Wie passt das zu den Kla­gen von Ar­beit­ge­bern über die man­geln­de Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz vie­ler Jung­aka­de­mi­ker? Wie zu Wit­zen über Ger­ma­nis­tik-Ab­sol­ven­ten, die Kom­ma-Re­geln al­len­falls als Emp­feh­lung be­trach­ten? Ei­gent­lich gar nicht. Vom „Trend zur No­tenIn­fla­ti­on“spre­chen denn auch Gerd Grö­zin­ger und Vol­ker Mül­ler-Be­ne­dict von der Europa-Uni Flens­burg. Die Pro­fes­so­ren ha­ben für die Stu­die über die No­ten an deut­schen Hoch­schu­len ei­nen rie­si­gen Da­ten­pool aus den Jah­ren 1960 bis 2013 aus­ge­wer­tet. Am meis­ten „ver­bes­sert“ha­ben sich dem­nach die Ex­amen­s­er­geb­nis­se in „Deutsch fürs Lehr­amt“: im Schnitt um mehr als ei­ne No­te. Am ge­rings­ten fiel die „Ver­bes­se­rung“in Bio­lo­gie aus – da lag sie „nur“bei 0,6 auf der Ska­la zwi­schen 1,0 (aus­ge­zeich­net) und 4,0 (ge­ra­de noch be­stan­den). Nährt schon die­ses Er­geb­nis der Stu­die ge­wis­se Zwei­fel an der Aus­sa­ge­kraft von No­ten, so wird das Gan­ze noch frag­wür­di­ger, wenn man ein­zel­ne Fä­cher in den Blick nimmt. Be­son­ders hel­le Köp­fe schei­nen sich der Psy­cho­lo­gie zu wid­men – in die­sem Fach schlie­ßen sa­gen­haf­te 65 Pro­zent der Stu­die­ren­den mit ei­ner „eins“vor dem Kom­ma ab. Tr­üb sieht es hin­ge­gen bei den Ju­ris­ten aus, bei de­nen die 4,0 im Durch­schnitt nor­mal ist. Sind die denn im Ver­gleich so doof? Wohl kaum. Doof ist viel­mehr die Pra­xis ei­ner No­ten­ge­bung, die kei­ne Ver­gleich­bar­keit der Leis­tungs­ni­veaus er­mög­licht. Und die laut Stu­die auch in­ner­halb der ein­zel­nen Fä­cher von Hoch­schu­le zu Hoch­schu­le va­ri­iert. Was letzt­lich be­deu­tet, dass jun­ge Men­schen al­lein durch die Wahl der „rich­ti­gen“– sprich: der bes­ser be­no­ten­den – Uni­ver­si­tät ab­seh­bar ih­re Ab­schluss­no­te stei­gern kön­nen. Und zwar noch ehe sie auch nur ei­ne ein­zi­ge Prü­fung ab­ge­legt ha­ben. Das ist ab­surd. Soll­te man vor die­sem Hin­ter­grund die No­ten nicht ab­schaf­fen? Horst Hipp­ler, der Prä­si­dent der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz, könn­te sich vor­stel­len, dass man die bis­he­ri­ge No­ten­ska­la durch drei Ka­te­go­ri­en er­setzt: „Ex­zel­lent“– „Be­stan­den“– „Durch­ge­fal­len“. „Mehr brau­chen wir ei­gent­lich nicht“, sagt der frü­he­re Prä­si­dent des Karls­ru­her In­sti­tuts für Tech­no­lo­gie (KIT). Ge­rech­ter wä­re die­se Lö­sung al­le­mal. Und we­ni­ger inf la­ti­ons­an­fäl­lig.

No­ten-In­fla­ti­on an den Hoch­schu­len

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