Buch-Tipps

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder -

Als El­la mor­gens auf­wacht, stutzt sie: Ihr Bett steht an ei­ner an­de­ren Stel­le des Zim­mers, ih­re Pos­ter sind weg, statt­des­sen blickt sie auf ro­sa Wän­de. Über Nacht sind ih­re kur­zen Haa­re lang ge­wach­sen. Und seit wann ist nicht mehr Dee­ta ih­re bes­te Freun­din, son­dern Jen? Nicht nur El­la hat sich ver­än­dert, ih­re Um­welt re­agiert an­ders auf sie. In der Schu­le stellt sie fest, dass sie in ih­ren bis­her schlech­tes­ten Fä­chern Ein­sen hat und der zu­vor ge­frag­tes­te Jun­ge der gan­zen Schu­le für sie schwärmt. Ganz so schlecht fin­det El­la ihr neu­es Le­ben nicht, ob­wohl es sich falsch an­fühlt und sie nicht weiß, was pas­siert ist. An den Un­fall, von dem ih­re El­tern spre­chen, er­in­nert sich El­la nicht. Erst ihr Phy­sik­leh­rer hat ei­nen Ver­dacht und gibt ihr den ent­schei­den­den, rich­ti­gen Tipp. Er hat auch ei­nen Plan, wie El­la ihr bis­he­ri­ges Le­ben zu­rück­be­kommt – aber der ist ris­kant. Mit wel­cher Theo­rie Au­to­rin Hi­la­ry Free­man El­las Si­tua­ti­on er­klärt, gibt dem Buch ei­ne spek­ta­ku­lä­re Wen­dung und macht es von die­sem Punkt an fas­zi­nie­rend und span­nend.

Hi­la­ry Free­man, Mein schö­nes fal­sches Le­ben, Loewe, 337 Sei­ten, 14,95 Eu­ro

An­na kann le­sen und schrei­ben. Das ist nicht un­ge­wöhn­lich – aus heu­ti­ger Sicht. Doch An­na lebt im Jahr 1537, zu ei­ner Zeit, in der Mäd­chen erst lang­sam Zu­gang zu Bil­dung be­kom­men und mit Jun­gen ge­mein­sam in Schu­len ler­nen. Grund da­für ist die Re­for­ma­ti­on. 2017 fei­ern evan­ge­li­sche Chris­ten die Ver­öf­fent­li­chung von Mar­tin Lu­thers 95 The­sen, die ei­ne ge­sell­schaft­li­che Be­we­gung aus­lös­ten, oh­ne die es un­se­re de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft nicht ge­ben wür­de. Auch die Bil­dung wur­de wert­voll. Ge­nau des­halb ist An­na in Le­bens­ge­fahr. Weil sie sich Hand­schrif­ten per­fekt mer­ken kann, ge­rät sie zwi­schen die ka­tho­li­sche Kir­che und das Volk. An­na soll als Spio­nin schlech­te Stim­mung ge­gen Mar­tin Lu­ther und die Pro­tes­tan­ten ma­chen. Die mu­ti­ge 13-Jäh­ri­ge aber dreht den Spieß um und macht die In­tri­ge öf­fent­lich. Sie hofft auf Lu­thers Hil­fe, denn wenn An­na auf­fliegt, droht ihr ein He­xen­pro­zess. Au­tor Jür­gen Sei­del hat sein Buch aus­gie­big und de­tail­reich re­cher­chiert. Wis­sen über die Lu­ther­zeit streut er gut do­siert ein und bün­delt Fach­be­grif­fe zum Nach­schla­gen in ei­nem Glos­sar, so dass der Le­ser gut mit­kommt. Sei­del of­fen­bart auch, dass An­nas Ein­satz für Ge­rech­tig­keit des­halb le­bens­ge­fähr­lich ist, weil für sie noch nicht un­ser Ver­ständ­nis von De­mo­kra­tie gilt. Der ge­lun­ge­ne Thril­ler ist nur et­was für ge­üb­te Le­ser und Fans his­to­ri­scher Ju­gend­bü­cher, die Er­eig­nis­se sind teil­wei­se ex­trem bru­tal ge­schil­dert.

Jür­gen Sei­del, Das Mäd­chen mit dem Lö­wen­herz, Cbj, 384 Sei­ten, 16,99 Eu­ro

Ab 14 Jah­re

Ab 13 Jah­re

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.