Mit Feu­erei­fer ge­gen die He­xen

Der ver­häng­nis­vol­le Glau­be an Zau­be­rei und Teu­fels­pakt wirkt bis heu­te nach

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

In der Wal­pur­gis­nacht, der Nacht zum 1. Mai, schwin­gen sich die He­xen auf ih­re Be­sen und flie­gen zum Tanz: Der Bro­cken im Harz, aber auch der Kan­del im Schwarz­wald oder der Heu­berg im Süd­wes­ten der Schwä­bi­schen Alb ge­hö­ren zu den be­rüch­tig­ten He­xen-Treffs. Wenn heu­te Nacht die He­xen to­ben – an „mys­ti­schen Or­ten“ger­ne mit Feu­er, Fes­ten, Fa­ckel­zü­gen – wird das schau­rig-schö­ne Spek­ta­kel meist tou­ris­mus­för­dernd als „Brauch­tum“ge­prie­sen, bis­wei­len ge­würzt mit ei­ner Pri­se fe­mi­nis­ti­scher Nost­al­gie. Dass vom 16. bis weit ins 18. Jahr­hun­dert hin­ein eu­ro­pa­weit Zehn­tau­sen­de an­geb­li­cher „He­xen“– un­ter Fol­ter­qua­len zu Ge­ständ­nis­sen ge­zwun­gen – auf Schei­ter­hau­fen en­de­ten, schwingt im Hin­ter­kopf mit. Wel­len in­ten­si­ver He­xen­ver­fol­gun­gen gab es auch in un­se­rer Re­gi­on. In Tei­len Ba­dens et­wa oder in der Reichs­stadt Of­fen­burg. Durch die Frau­en­be­we­gung der 1970er und 1980er Jah­re hat der Wal­pur­gis-Kult kräf­tig Auf­trieb er­fah­ren: Un­ter dem Mot­to „Die He­xen keh­ren zu­rück“ging es da­mals ge­gen das Pa­tri­ar­chat. Es kam in Mo­de, die his­to­ri­schen „He­xen“als wei­se und star­ke Frau­en, vor­zugs­wei­se Hei­le­rin­nen und Heb­am­men, zu deu­ten – die He­xen-Pro­zes­se hät­ten dem­nach dar­auf ab­ge­zielt, weib­li­che Spi­ri­tua­li­tät und Macht zu ver­nich­ten. Die Fan­ta­sy-Wel­le ließ den folk­lo­ris­ti­schen He­xen-Kes­sel wei­ter auf­bro­deln. His­to­ri­sche Fak­ten blie­ben da­bei schon mal auf der Stre­cke. Da­bei lässt sich mit dem Ner­ven­kit­zel-The­ma auch in se­riö­ser Au­f­ar­bei­tung punk­ten. Für ih­re He­xen-Aus­stel­lun­gen wur­den et­wa das Ba­di­sche Lan­des­mu­se­um in Karls­ru­he (1994) oder das His­to­ri­sche Mu­se­um in Spey­er (2009/2010) mit gro­ßem Pu­bli­kums­in­ter­es­se be­lohnt. Trotz­dem hal­ten sich von Wis­sen­schaf­tern längst wi­der­leg­te He­xen-My­then sehr hart­nä­ckig (Mehr da­zu: „He­xen-My­then – He­xenFak­ten“). Der­zeit prä­sen­tiert das Kri­mi­nal­mu­se­um in Ro­then­burg ob der Tau­ber ei­ne Aus­stel­lung zum The­ma He­xen­glau­ben und He­xen­ver­fol­gun­gen. Pas­send zum Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um liegt da­bei ein be­son­de­rer Fo­kus auf der Per­son Mar­tin Lu­thers. Ge­gen He­xen sol­le man „mit dem Schwert oder fes­tem Glau­ben“vor­ge­hen, riet der Re­for­ma­tor. „Auf­grund Lu­thers am­bi­va­len­ter Hal­tung zum He­xen­glau­ben konn­ten sich so­wohl Ver­fol­gungs­geg­ner als auch Be­für­wor­ter auf ihn be­ru­fen“, sagt Mu­se­ums­chef Markus Hir­te. Lu­ther we­gen sei­nes He­xen­glau­bens an­zu­pran­gern – das ist nicht das An­lie­gen der Aus­stel­lung oder des le­sens­wer­ten Be­gleit­buchs. Ei­ne zen­tra­le Er­kennt­nis, die man mit­nimmt, ist viel­mehr: Lu­ther war ein Kind sei­ner Zeit – ei­ner kri­sen­ge­schüt­tel­ten Zeit wach­sen­der He­xen-Angst. Und die gro­ßen Ver­fol­gun­gen, die mit re­gio­nal sehr un­ter­schied­li­cher In­ten­si­tät erst nach Lu­thers Tod ein­set­zen, kann man an der Kon­fes­si­on der He­xen-Jä­ger kaum fest­ma­chen. An­de­re Fak­to­ren schei­nen ei­ne be­deu­ten­de­re Rol­le zu spie­len – ob­rig­keit­li­che Macht­kämp­fe et­wa. Dass Macht­kämp­fe sich auch an Kon­fes­si­ons­fra­gen ent­zün­den konn­ten, zeigt ein Blick ins ge­teil­te Ba­den zu Be­ginn des 17. Jahr­hun­derts. Die Mark­graf­schaft Ba­den-Ba­den war jah­re­lang von den evan­ge­li­schen Ba­den-Dur­la­chern be­setzt ge­we­sen. Als die sich zu­rück­zie­hen muss­ten und der ka­tho­li­sche Mark­graf Wil­helm sein Er­be an­tre­ten konn­te, mach­te er sich mit Feu­erei­fer dar­an, das „Un­kraut

He­xen-Folk­lo­re in der Wal­pur­gis-Nacht Vie­le evan­ge­li­sche Op­fer in Ba­den-Ba­den

des Irr­glau­bens und der Zau­be­rei“aus­zu­rot­ten. Un­ter den 230 „He­xen“, die zwi­schen 1625 und 1631 hin­ge­rich­tet wur­den, wa­ren auf­fäl­lig vie­le An­hän­ge­rin­nen des evan­ge­li­schen Glau­bens. In der Mark­graf­schaft Ba­den-Dur­lach hin­ge­gen gab es nur ver­ein­zelt Ver­ur­tei­lun­gen we­gen He­xe­rei. Wor­aus aber speis­te sich der He­xen-Wahn, der Men­schen rei­hen­wei­se auf den Schei­ter­hau­fen brach­te? Ma­gi­sche Vor­stel­lun­gen gibt es seit äl­tes­ter Zeit, doch im 15. Jahr­hun­dert ver­schmol­zen ver­schie­de­ne Ele­men­te zum Su­per­ver­bre­chen der He­xe­rei. Die­ses um­fass­te, so Markus Hir­te, den Scha­dens­zau­ber, den Teu­fels­pakt, Sex mit dem Teu­fel, den Flug durch die Luft und die Teil­nah­me am He­xen­sab­bat. Zu sol­chen ge­hei­men nächt­li­chen Tref­fen sol­len die He­xen auch auf den Kan­del nord­öst­lich von Frei­burg ge­flo­gen sein. Kein Wun­der, dass der obers­te Teil des Kan­del-Fel­sens „Teu­fels­kan­zel“ge­nannt wur­de. Die Teu­fels­kan­zel stürz­te 1981 aus un­ge­klär­ten Grün­den ein – aus­ge­rech­net in der Wal­pur­gis­nacht. Hart­nä­ckig hält sich das Ge­rücht, dass zwi­schen den Gesteins­bro­cken ein Be­sen ge­fun­den wor­den sei.

Die (rei­ten­de) He­xe: Al­brecht Dü­rer schuf den Kup­fer­stich um 1500. Oh­ne den „He­xen­flug“wä­ren grö­ße­re He­xen­sab­ba­te nicht vor­stell­bar ge­we­sen. Vor­la­ge: Mit­tel­al­ter­li­ches Kri­mi­nal­mu­se­um

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.