Stipp­vi­si­te beim nack­ten Mann

Städ­te­trip ins ser­bi­sche Bel­grad

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Chris­ti­an Bo­er­gen/srt

Rie­si­ge Di­no­sau­ri­er flet­schen ih­re blut­be­fleck­ten Zäh­ne. Ein paar Schrit­te wei­ter ste­hen ver­blüf­fend klei­ne, nicht min­der ge­fähr­li­che Pan­zer der ehe­ma­li­gen ju­go­sla­wi­schen Ar­mee in Reih und Glied. Au­ßer­dem schüt­zen Fe­s­tungs­mau­ern die „Rö­mi­sche Quelle“, ei­gent­lich ei­ne An­fang des 18. Jahr­hun­derts an­ge­leg­te Zis­ter­ne der Ös­ter­rei­cher, die so­gar Film­re­gis­seur Al­f­red Hitch­cock in­spi­rier­te. Laut Stadt­füh­re­rin Si­mo­ni­da ist die „Quelle“mit 70 Me­tern tie­fer als die Sa­ve, die 60 Me­ter un­ter­halb der trut­zi­gen Fe­s­tung in die Do­nau mün­det. Der Hü­gel vor dem Zis­tern­en­ein­gang ver­birgt ei­nen Ti­to­bun­ker, da­hin­ter ragt das Wahr­zei­chen der Stadt auf: Ivan Me­tro­vics nack­ter Vik­tor er­in­nert an die ser­bi­schen Sie­ge über die Tür­ken in den Bal­kan­krie­gen so­wie über Ös­ter­reich im Ers­ten Welt­krieg. Ei­gent­lich soll­te Vik­tor 1928 auf dem Te­ra­zi­je­platz auf­ge­stellt wer­den, weiß Si­mo­ni­da. Da­mals ha­be der nack­te Mann, des­sen Schwert als Erek­ti­on miss­deu­tet wer­den kann, ei­nen Skan­dal ver­ur­sacht. Al­so fand er sei­nen Platz in der Fe­s­tung Ka­le­meg­dan, si­cher­heits­hal­ber auf ei­ner 14 Me­ter ho­hen Säu­le, mit Blick „in die Zu­kunft“auf die Sa­ve. An ei­nen Sieg über die Os­ma­nen er­in­nert in der Bel­gra­der Fe­s­tung auch das acht­ecki­ge Mau­so­le­um von Da­mat Ali Pa­scha (1667 bis 1716), ei­nes der we­ni­gen tür­ki­schen Ge­bäu­de, die in Ser­bi­ens Haupt­stadt er­hal­ten blie­ben. Der Groß­we­sir fiel in der Schlacht bei Pe­ter­ward­ein, dem heu­ti­gen No­vi Sad, im Kampf ge­gen die ös­ter­rei­chi­schen Trup­pen un­ter dem Kom­man­do des Prin­zen Eu­gen von Sa­voy­en. Si­mo­ni­da weiß von 114 Schlach­ten, die um das viel­fach er­ober­te Bel­grad aus­ge­tra­gen wur­den. Ab­ge­se­hen vom sehr aus­ge­präg­ten ser­bi­schen Na­tio­nal­stolz ist das wohl mit ein Grund, war­um das Mi­li­tär­mu­se­um mit den Pan­zern und Ge­schüt­zen sei­nen Platz in­ner­halb der Fe­s­tungs­mau­ern ge­fun­den hat. Ka­le­meg­dan ist so­wohl Ur­sprung der Haupt­stadt als auch de­ren größ­ter Park. Ih­re Exis­tenz ver­dankt die Fe­s­tung auf dem Kalk­sporn hoch über Sa­ve und Do­nau an der Gren­ze zur Pan­no­ni­schen Tief­ebe­ne ih­rer stra­te­gi­schen La­ge auf der Bal­kan­halb­in­sel. Die vie­len Schlach­ten ha­ben mit da­für ge­sorgt, dass die „wei­ße Stadt“, wie Beo­grad wört­lich über­setzt heißt, heu­te ei­ne bun­te Haupt­stadt ist. Zu­rück blie­ben ei­ne wil­de Mi­schung ver­schie­dens­ter ar­chi­tek­to­ni­scher Sti­le und 1,7 Mil­lio­nen Ein­woh­ner, de­ren Fa­mi­li­en­ge­schich­ten fast al­le ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund auf­wei­sen. Eben­so bunt zu­sam­men­ge­wür­felt wirkt die Ar­chi­tek­tur ent­lang der Fuß­gän­ger­zo­ne Knez Mi­hail­o­va. Sta­tu­en und Ge­sich­ter glot­zen von vie­len Fas­sa­den auf die Haupt­ein­kaufs­stra­ße hin­ab, de­ren Prei­se das deut­sche Ni­veau meist deut­lich un­ter­schrei­ten. Nicht nur Kin­der fas­zi­nie­ren kunst­voll aus Luft­bal­lons ge­form­te Fi­gu­ren, Herz­chen und Sä­bel ei­nes als Clown ver­klei­de­ten Ver­käu­fers. Über manch mo­der­ne Bau­sün­de in Bel­grads In­nen­stadt trös­ten schmie­de­ei­ser­ne Bal­kon­ge­län­der, al­te Jah­res­zah­len, Er­ker und Türm­chen vie­ler Häu­ser hin­weg. Ser­bi­ens Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und Küns­te re­si­diert an der Knez Mi­hail­o­va in ei­nem re­gel­rech­ten Pa­last, dem präch­ti­ge Bür­ger­häu­ser bis zur Fe­s­tung fol­gen. Von der sind auch die Par­ty­boo­te an der Sa­ve zu se­hen, die im bis zu 40 Grad hei­ßen Som­mer Ibi­za Kon­kur­renz ma­chen – zu deut­lich nied­ri­ge­ren Prei­sen. Et­wa 300 sol­cher schwim­men­der Dis­ko­the­ken und Clubs be­rei­chern das Bel­gra­der Nacht­le­ben. An­zie­hungs­punkt nicht nur für un­ter­neh­mungs­lus­ti­ge Ju­gend­li­che aus ganz Eu­ro­pa sind auch die tren­di­gen Re­stau­rants in der von au­ßen un­an­sehn­li­chen Be­ton­hal­le am

Nach dem Skan­dal wur­de Vik­tor ver­bannt

ge­gen­über­lie­gen­den Ufer. Gleich ne­ben­an ent­wi­ckelt ein Un­ter­neh­men aus Abu Dha­bi mit „Bel­gra­de Wa­ter­front“ein neu­es Stadt­vier­tel. Des­sen Mo­dell kann im präch­tig re­stau­rier­ten ehe­ma­li­gen Ge­bäu­de der Bel­gra­der Ge­nos­sen­schaft von 1907 be­sich­tigt wer­den. Um­strit­ten ist das Pro­jekt ins­be­son­de­re we­gen ei­ner Ab­riss­ak­ti­on, die Ho­tels, Re­stau­rants, Ein­kaufs­zen­tren, Bü­ros und Woh­nun­gen am Sa­veu­fer den Weg ge­bahnt hat. Herz­stück die­ser „Ha­fen­ci­ty“, für die so­gar der Haupt­bahn­hof ver­legt wird, soll das 200-Me­ter-Hoch­haus Bel­gra­de To­wer wer­den. Be­gon­nen ha­ben die Pro­jekt­ent­wick­ler mit der 1,7 Ki­lo­me­ter lan­gen Ufer­pro­me­na­de, die schon recht an­sehn­lich ist. Vor­erst stö­ren al­ler­dings noch die Ei­sen­bahn­glei­se. Doch zu­rück in die Ver­gan­gen­heit: Wer wis­sen möch­te, wie ei­ne Fürs­ten­fa­mi­lie im 19. Jahr­hun­dert ge­lebt hat, dem emp­fiehlt Si­mo­ni­da ei­nen Be­such der Re­si­denz von Prin­zes­sin Lju­bi­ca (1788 bis 1843). Ihr Pa­last im ser­bisch-bal­ka­ni­schen Stil steht für die Über­gangs­zeit, als Bel­grads ori­en­ta­li­sches Le­ben zu­neh­mend von Wi­en be­ein­flusst wur­de. Ei­ne In­sti­tu­ti­on, gleich um die Ecke, ge­gen­über der ser­bisch-or­tho­do­xen Pa­tri­ar­chen­kir­che Sankt Micha­el, ist Bel­grads äl­tes­tes Re­stau­rant, das „Fra­ge­zei­chen“. Er­rich­tet 1823 für Prinz Mi­lo Obre­no­vic, ist es seit 1878 Gast­haus und stolz dar­auf, wie in al­ten Zei­ten mit Mok­ka und „Tür­ki­schen Won­nen“zu be­wir­ten. Das „Fra­ge­zei­chen“ist nichts für Ve­ge­ta­ri­er, auf der Kar­te ste­hen auch Kalbs­kopf und Kut­teln. Elek­tri­sches Licht hat im Lo­kal, des­sen Fir­mie­rung auf ein Ve­to der Kir­che ge­gen den Na­men „An der Ka­the­dra­le“zu­rück­geht, in­zwi­schen Ein­zug ge­hal­ten. Zu­rück ins al­te Bel­grad auf dem Weg von der ori­en­ta­li­schen Stadt zur eu­ro­päi­schen Me­tro­po­le führt auch das Kopf­stein­pflas­ter der Sk­a­dar­li­ja. Die 500 Me­ter lan­ge Stra­ße war in Ser­bi­ens Haupt­stadt das Zen­trum der Künst­ler und Bo­he­mi­ens. Dar­an, wie sie von Kn­ei­pe zu Kn­ei­pe zo­gen und flei­ßig an­schrei­ben lie­ßen, er­in­nert die Sta­tue des Rei­sen­den vor dem Gast­haus „Drei Hü­te“(Tri ei­ra). Die­sen Na­men trägt das äl­tes­te Re­stau­rant an der Sk­a­dar­li­ja, weil es 1864 in ei­ner Hut­ma­cher-Werk­statt er­öff­net wur­de. Wäh­rend sie auf dem Weg zum „Klei­nen Spat­zen“(Ma­li Vra­bac) das Denk­mal des Ma­lers und Dich­ters Ura Ja­kic (1832 bis 1878) pas­siert, er­zählt Si­mo­ni­da An­ek­do­ten. So soll die Gat­tin des „Va­ter des Ser­bi­schen Thea­ters“Kn­ei­pen­ver­bot er­teilt ha­ben. Im Re­stau­rant spielt, wie fast über­all an der Sk­a­dar­li­ja, ei­ne Band Volks­wei­sen. Wer ein Trink­geld sprin­gen lässt, kann sich ei­nen Ti­tel wün­schen. Auch mu­si­ka­lisch prä­sen­tiert sich die „wei­ße Stadt“bunt.

Hier be­ginnt Bel­grad: Hoch über Sa­ve und Do­nau liegt die Fe­s­tung Ka­le­meg­dan, Keim­zel­le der Stadt an stra­te­gisch güns­ti­ger Stel­le. Heu­te be­her­bergt sie un­ter an­de­rem ein Mi­li­tär­mu­se­um, das an die krie­ge­ri­sche Ver­gan­gen­heit er­in­nert. Fo­to: Bo­er­gen/srt

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