Traum al­ler Ca­brio­fah­rer

Die be­rühm­te Küs­ten­stra­ße Amal­fi­ta­na führt in Ita­li­ens schöns­te Dör­fer

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub - Gerd Kraus­kopf/srt

Wäh­rend Don Ma­rio die Sturm­glo­cken sei­ner Berg­kir­che läu­ten lässt, als wol­le er die tau­send See­len des klei­nen mor­bi­den Nes­tes hoch über dem Golf von Sa­ler­no vor ein­fal­len­den Pi­ra­ten war­nen, hal­ten fein ge­klei­de­te Gläu­bi­ge auf der en­gen Piaz­za von Rai­to noch ein klei­nes Schwätz­chen, be­vor sie zur Mes­se schrei­ten. Die aus­wär­ti­gen Be­su­cher hin­ge­gen zieht es hin­un­ter zur schöns­ten Küs­ten­stra­ße der Welt. Ei­ni­ge Spitz­keh­ren wei­ter un­ter in Vie­tri sul Ma­re be­ginnt die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts er­bau­te Amal­fi­ta­na und en­det fast fünf­zig Ki­lo­me­ter wei­ter nörd­lich im Fi­scher­städt­chen Po­si­ta­no. Gu­te Ner­ven sind ge­fragt, denn die Küs­ten­stra­ße ist an vie­len Stel­len so schmal, dass ge­ra­de mal zwei Au­tos haar­scharf an­ein­an­der vor­bei pas­sen. Und die Ein­hei­mi­schen miss­ach­ten der­art dreist jeg­li­che Stra­ßen­re­geln und über­ho­len fast

Fel­sen­nes­ter mit ver­win­kel­ten Häu­sern

selbst­ver­ständ­lich vor un­über­sicht­li­chen Kur­ven, dass ei­nem der Atem stockt. Wie wird es da wohl erst im Som­mer sein, wenn noch Tou­ris­ten­bus­se hin­zu­kom­men! Jetzt im Früh­ling lässt sich der Zau­ber der Ver­gan­gen­heit auf der kur­ven­rei­chen Stra­da Sta­ta­le 163, der Amal­fi­ta­na, die von der Unesco 1997 zum Welt­kul­tur­er­be er­klärt wur­de, noch ei­ni­ger­ma­ßen ge­nie­ßen. Da to­ben Kin­der in den von der his­to­ri­schen Stra­ße ab­zwei­gen­den en­gen Gas­sen der vie­len klei­nen Fel­sen­nes­ter mit ih­ren schie­fen und ver­win­kel­ten Häu­sern. Wir­te ha­ben Stüh­le und Ti­sche vor ih­ren Ca­fe­bars und klei­nen Re­stau­rants auf­ge­stellt und war­ten auf Gäs­te. Es duf­tet nach Thy­mi­an und Par­me­s­an­kä­se. Le­dig­lich ei­ni­ge we­ni­ge Ein­hei­mi­sche ge­nie­ßen die Früh­lings­son­ne und die Ru­he vor dem Sturm der Haupt­sai­son. Auch ent­deckt der auf den Ver­kehr kon­zen­trier­te Fah­rer aus den Au­gen­win­keln klei­ne ver­wun­sche­ne Strän­de, die nur über an­stren­gen­de, stei­le Pfa­de zu er­rei­chen sind. Zu­dem gibt es an der Amal­fi­ta­na kaum Park­mög­lich­kei­ten. All­ge­gen­wär­tig da­ne­ben land­wirt­schaft­li­che Ter­ras­sen mit schier end­lo­sen Zi­tro­nen­hai­nen. Lei­der wer­den die herr­li­chen gel­ben Früch­te von schwar­zen Net­zen ge­schützt und blei­ben so den Bli­cken ver­bor­gen. An­ge­bo­ten wer­den die di­cken Zi­tro­nen von Händ­lern auf kleins­tem Raum an der Stra­ße. Kurz vor Atra­ni der Ab­zweig steil hin­auf zum „schwe­ben­den“Berg­dorf Ra­vel­lo, ei­nem der schöns­ten ita­lie­ni­schen Or­te mit ei­ner un­ver­gess­li­chen Aus­sicht von der Ter­ras­se der Vil­la Cim­bro­ne. Richard Wa­gner hat sich einst auf dem Rü­cken ei­nes Esels dort hin­auf­schau­keln las­sen und mach­te im zwei­ten Akt des Par­si­fal die­ses Ge­mäu­er un­sterb­lich. All­ge­gen­wär­tig sind auf Schau­ta­feln welt­be­kann­te Schau­spie­ler wie Hum­phrey Bo­gart, So­phia Lo­ren und vie­le an­de­re, die hier ih­re Fil­me ge­dreht ha­ben. Wie­der zu­rück zur spek­ta­ku­lä­ren Küs­ten­stra­ße geht es vor­bei an den Klip­pen über dem tür­kis­blau­en Meer ins mit­tel­al­ter­li­che Amal­fi, dem pul­sie­ren­den Herz der Stre­cke. Be­su­cher bum­meln trepp­auf-trepp­ab durch ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Ku­lis­se mit rie­si­ger Frei­trep­pe und stol­zer ara­bisch-nor­man­ni­scher Ka­the­dra­le, die an ver­gan­ge­ne Grö­ße er­in­nert. Dort oben liegt in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft der Kreuz­gang des Pa­ra­die­ses, des­sen zier­li­che Dop­pel­säu­len­rei­hen mit go­ti­schen Ar­ka­den ei­nem Mär­chen aus 1001 Nacht ent­sprun­gen sein könn­ten. In ihm wur­den die vor­nehms­ten Bür­ger be­gra­ben. Spä­ter im „senk­rech­ten Dorf“, wie Po­si­ta­no wahr­heits­ge­treu ge­nannt wird, kommt man durch ei­ne en­ge Gas­se steil hin­ab mit dem Au­to bis fast zum Was­ser. Ein Tag reicht kaum aus für das Ent­de­cken die­ses himm­li­schen Or­tes, von un­end­lich vie­len ma­le­ri­schen Win­keln, die über die „sca­li­na­tel­le“, die schma­len Trep­pen, zu er­rei­chen sind. Da­nach ha­ben die mü­den Bei­ne erst ein­mal ei­ne lan­ge Strand­pau­se mit an­schlie­ßen­dem Bad ver­dient, be­vor das Au­ge die pfif­fig bun­te und leb­haft luf­ti­ge Mo­de in un­schein­bar klei­nen Bou­ti­quen ent­deckt, die von hier aus in die Welt hin­aus­ge­tra­gen wur­de.

Atem­be­rau­ben­de Aus­sicht auf die Amal­fi­küs­te: Den Blick von der Ter­ras­se der Vil­la Cim­bro­ne in Ra­vel­lo ge­noss einst auch Richard Wa­gner. Er ver­ewig­te das Ge­bäu­de spä­ter im „Par­si­fal“. Fo­to: Kraus­kopf/srt

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