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Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - Wolf­gang Weber

Die Matsch­ho­se zum Schlamm­au­to

Ei­ner der be­rühm­tes­ten Er­fin­der der Neu­zeit kommt ins Ren­ten­al­ter: Da­ni­el Dü­sen­trieb wird 65 Jah­re alt. 1952 tauch­te der von Walt Dis­ney kre­ierte Di­plom-In­ge­nieur erst­mals in ei­nem Co­mic auf. Seit­her hat uns der Tüft­ler aus En­ten­hau­sen un­glaub­lich vie­le nütz­li­che Din­ge wie die Rü­cken­kratz­ma­schi­ne, das Te­le­fon mit ein­ge­bau­tem Bü­gelei­sen, den Schall­lö­scher, den Glüh­würm­chen­fän­ger, den Brot­schmier-Ap­pa­rat oder das trag­ba­re Loch ge­schenkt – rich­tig ein­ge­schla­gen hat lei­der (noch) kei­ne sei­ner Er­fin­dun­gen. Ganz an­ders ver­hält es sich da mit dem Pro­dukt „Matsch aus der Do­se“. Der Schlamm zum Auf­s­prü­hen wur­de einst in En­g­land er­fun­den. Die bri­ti­schen Ge­län­de­wa­gen­fah­rer hat­ten ein­fach kei­nen Bock mehr dar­auf, stän­dig blöd an­ge­quatscht zu wer­den, weil sie ih­re prot­zi­gen PS-Schleu­dern mit All­rad-An­trieb le­dig­lich zum Ein­kau­fen in der Groß­stadt, nie­mals aber zum zünf­ti­gen Ritt durch schmut­zi­ges Ge­län­de nutz­ten. Vor al­lem in Lon­don soll sich der Do­sen­matsch bes­tens ver­kauft ha­ben: Ima­gePo­li­tur mal ganz an­ders. Als wä­re das noch nicht ge­nug, bie­tet seit kur­zem ei­ne Kauf­haus­ket­te aus den USA – qua­si als Pen­dant zum „schmut­zi­gen“ Au­to – die „schmutzige Je­ans“an. Die Ar­bei­ter­klas­se-Ko­s­tü­mie­rung für den rei­chen Sau­ber­mann kos­tet 425 Dol­lar (390 Eu­ro). Die Ho­se mit dem Na­men „Bar­ra­cu­da Strai­ght Leg Je­ans“mit künst­li­chem Schmud­de­lef­fekt las­se sei­nen Trä­ger als je­man­den er­schei­nen, der „sich nicht scheut“, sich dre­ckig zu ma­chen, preist der Her­stel­ler sein Pro­dukt an. Auf den ers­ten Blick sieht die Ho­se so aus, als sei sie von ei­nem Bau­ar­bei­ter ge­tra­gen wor­den. Bei nä­he­rem Hin­se­hen wirkt der fal­sche Schmutz auf den Bei­nen, im Schritt und an der Hin­ter­sei­te al­ler­dings leicht glänzend. Wer als gan­zer „Drecks­kerl“rü­ber­kom­men möch­te, kann sich die pas­sen­de, eben­falls „ver­schmutz­te“Je­ans­ja­cke für wei­te­re 425 Dol­lar da­zu bestellen. Der Mo­de­ra­tor der be­kann­ten Rea­li­ty­TV-Show „Dir­ty Jobs“, Mi­ke Ro­we, be­zeich­ne­te die schmud­de­li­ge Lu­xus­ho­se als „Ko­s­tüm für wohl­ha­ben­de Leu­te, die Ar­beit iro­nisch se­hen“und auch bei Twit­ter reg­te sich schnell Pro­test. „Wer das Be­dürf­nis hat, sich ei­ne Schmutz­jeans für 425 Dol­lar zu kau­fen, der kau­fe sich bes­ser ei­ne Bil­lig-Je­ans“, schrieb ein Scherz­keks: „Ich wer­de sie dann für ihn in den Dreck wer­fen. Und zwar ganz um­sonst.“

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