600 000 Jah­re Kom­men und Ge­hen

Schlag­lich­ter aufs The­ma Hei­mat und Hei­mat-Su­che im Schmelz­tie­gel Ba­den-Würt­tem­berg

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - An­net­te Bor­chardt-Wenzel

Seit 1978 gibt es sie: die Hei­mat­ta­ge Ba­den-Würt­tem­berg. Das Bin­de­strich­Land will mit ih­nen das Wir-Ge­fühl stär­ken. An­ge­spro­chen wer­den sol­len al­le Be­völ­ke­rungs­grup­pen: Leu­te, die sich im Süd­wes­ten schon im­mer oder schon seit län­ge­rer Zeit hei­misch füh­len, und Neu­bür­ger – auch sol­che, die mit ih­rer Um­ge­bung noch frem­deln oder von an­de­ren als fremd emp­fun­den wer­den. Mit Fra­gen nach der Ver- und Ent­wur­ze­lung von Men­schen muss­ten sich frei­lich schon frü­he­re Ge­ne­ra­tio­nen her­um­schla­gen: Im Süd­wes­ten gibt es schon seit 600 000 Jah­ren ein re­ges Kom­men und Ge­hen. Ei­ni­ge Schlag­lich­ter aufs The­ma Hei­mat im Schmelz­tie­gel Ba­den-Würt­tem­berg:

Out of Africa: Die Ent­wick­lung des Men­schen fand im we­sent­li­chen in Afri­ka statt. Ei­ne frü­he Men­schen­art, die den afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent ver­ließ, ge­lang­te vor 600000 Jah­ren auch ins heu­ti­ge Ba­den-Würt­tem­berg: Da­von zeugt der Un­ter­kie­fer des „Ho­mo hei­del­ber­gen­sis“, der 1907 bei Mau­er im Rhein-Neckar-Drei­eck ge­fun­den wur­de. Wäh­rend sich der äl­tes­te nach­ge­wie­se­ne Be­woh­ner des Süd­wes­tens im ba­di­schen Lan­des­teil tum­mel­te, kann die Schwä­bi­sche Alb als Wie­ge der Kul­tur gel­ten: In Höh­len ent­deck­te fi­gür­li­che Kunst­wer­ke sind 35 000 bis 40 000 Jah­re alt und zäh­len zu den äl­tes­ten der Welt. Her­ge­stellt wur­den sie von „mo­der­nen Men­schen“: Der Ho­mo sa­pi­ens sa­pi­ens war – eben­falls von Afri­ka aus – übers Mit­tel­meer und die Do­nau ins Länd­le vor­ge­drun­gen.

Mul­ti-Kul­ti und Fli­cken­tep­pich: Kel­ten, Rö­mer, Ala­man­nen (für die sich im Mit­tel­al­ter die Be­zeich­nung „Su­e­ben“, Schwa­ben, durch­setz­kan­rou­te te) und Fran­ken – im heu­ti­gen Ba­den-Würt­tem­berg hat sich im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de ei­ni­ges ge­tum­melt. Im Hei­li­gen Rö­mi­schen Rei­chen deut­scher Na­ti­on bil­de­te sich dann ein süd­west­deut­scher Fli­cken­tep­pich mit über 250 geist­li­chen und welt­li­chen Herr­schaf­ten her­aus. Die Kle­in­staa­te­rei hat­te zur Fol­ge, dass „die Frem­den“meist nur ein paar Ki­lo­me­ter wei­ter leb­ten. Zu den we­ni­gen grö­ße­ren Ter­ri­to­ri­en ge­hör­ten die Kur­pfalz, das Her­zog­tum Würt­tem­berg, die Mark­graf­schaft Ba­den (lan­ge ge­teilt in Ba­den-Dur­lach und Ba­den-Ba­den) und Vor­der­ös­ter­reich.

Glau­bens­flücht­lin­ge willkommen: Nach dem 30-jäh­ri­gen Krieg (1618–1648) und wei­te­ren Krie­gen mit un­ge­heu­ren Men­schen­op­fern er­kann­ten et­li­che süd­west­deut­sche Lan­des­her­ren das wirt­schaft­li­che Po­ten­zi­al von Glau­bens­flücht­lin­gen aus ganz Eu­ro­pa. Exu­lan­ten, Wal­den­ser und Hu­ge­not­ten wirk­ten am Wie­der­auf­bau vie­ler ver­wüs­te­ter Or­te mit.

Mi­gran­ten­stadt Karls­ru­he: Mit re­li­giö­ser To­le­ranz und an­de­ren Pri­vi­le­gi­en lock­te Mark­graf Karl Wil­helm von Ba­den-Dur­lach An­sied­ler ins 1715 ge­grün­de­te Karls­ru­he. Zu den ers­ten Ein­woh­nern der Fä­cher­stadt ge­hör­ten un­ter an­de­rem Würt­tem­ber­ger, Sach­sen, El­säs­ser und Schwei­zer.

Über­ge­stülp­te Hei­mat I: 1806 ent­stan­den im Zu­ge der na­po­leo­ni­schen Macht­po­li­tik das Groß­her­zog­tum Ba­den und das Kö­nig­reich Würt­tem­berg. Bei­de konn­ten sich zahl­rei­che Ter­ri­to­ri­en ein­ver­lei­ben, die nie zu­vor ba­disch be­zie­hungs­wei­se würt­tem­ber­gisch ge­we­sen wa­ren. Ba­den ver­grö­ßer­te sei­ne Flä­che um das Vier­fa­che, Würt­tem­berg um das Dop­pel­te. Für vie­le Neu-Ba­de­ner und Neu-Würt­tem­ber­ger, die nie­mand nach ih­ren Wün­schen ge­fragt hat­te, war die über­ge­stülp­te neue Hei­mat ge­wöh­nungs­be­dürf­tig.

Nichts wie weg: Das Hun­ger­jahr 1817 brach­te ei­ne ge­wal­ti­ge Aus­wan­de­rungs­wel­le in Gang: In­ner­halb von nur sechs Mo­na­ten wur­den in Ba­den mehr als 16 000 und in Würt­tem­berg 17000 Aus­wan­de­rer ak­ten­kun­dig. Die Leu­te hoff­ten auf ein bes­se­res Le­ben in den USA oder in Süd­ost­eu­ro­pa („Do­n­au­schwa­ben“). Auch in den Kri­sen­jah­ren 1832/ 33 und 1846/47 gab es vie­le „Wirt­schafts­flücht­lin­ge“. Hin­zu ka­men die „Po­li­ti­schen“, die we­gen Re­pres­sio­nen im Vor­märz und in der Fol­ge der 1848/49-Re­vo­lu­ti­on ih­re Hei­mat ver­lie­ßen.

Hei­mat­los: De­por­ta­tio­nen und „Ver­nich­tung“von Men­schen­le­ben im gro­ßen Stil präg­ten das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land. Zwangs­ar­bei­ter und KZ-Häft­lin­ge, die den Ter­ror über­lebt hat­ten – im Süd­wes­ten rund 180 000 Men­schen – wur­den ab 1945 von den Sie­ger­mäch­ten als „Dis­pla­ced Per­sons“(DPs) be­zeich­net. Die­je­ni­gen, die blie­ben, fir­mier­ten im Be­hör­den­deutsch der jun­gen Bun­des­re­pu­blik als „hei­mat­lo­se Aus­län­der“.

Hei­mat­ver­trie­be­ne und Flücht­lin­ge: Im Herbst 1945 er­reich­ten die ers­ten gro­ßen Trans­por­te von Men­schen aus den ehe­ma­li­gen deut­schen Ost­ge­bie­ten so­wie Deutsch­stäm­mi­gen aus an­de­ren Staa­ten den Süd­wes­ten. Mit­te der 1950er Jah­re war je­der fünf­te, der in Ba­den-Würt­tem­berg leb­te, ein hei­mat­ver­trie­be­ner oder ge­flüch­te­ter „Neu­bür­ger“.

Über­ge­stülp­te Hei­mat II: 1952 wur­de der Süd­west­staat ge­grün­det. Im ehe­ma­li­gen Ba­den, wo bei der Volks­ab­stim­mung 52 Pro­zent der Wäh­ler ge­gen die Län­der­fu­si­on ge­stimmt hat­ten, ta­ten sich vie­le schwer mit ih­rer neuen Zu­ge­hö­rig­keit zu Ba­den-Würt­tem­berg. In Würt­tem­berg und Ho­hen­zol­lern hin­ge­gen hat­ten die Süd­west­staat-Fans ei­ne sat­te Mehr­heit von über 90 Pro­zent.

Gas­t­ar­bei­ter ge­sucht: Das Wirt­schafts­wun­der­land brauch­te Ar­beits­kräf­te: 1955 wur­de das An­wer­be­ab­kom­men mit Ita­li­en un­ter­zeich­net, es folg­ten Ab­kom­men un­ter an­de­rem mit Grie­chen­land, der Tür­kei und Ju­go­sla­wi­en. 1971 wur­de in Ba­den-Würt­tem­berg der 500 000 „Gas­t­ar­bei­ter“, ein Kroa­te, be­grüßt. 1973 ver­häng­te die Bun­des­re­gie­rung we­gen der Öl­kri­se und der sich ein­trü­ben­den Wirt­schafts­la­ge ei­nen An­wer­be­stopp.

Mas­sen­zu­wan­de­rung An­fang der 1990er: Nach dem Fall des „Ei­ser­nen Vor­hangs“wan­der­ten zahl­rei­che deutsch­stäm­mi­ge Spät­aus­sied­ler, dar­un­ter vie­le Russ­land­deut­sche, ein. Hin­zu ka­men Asyl­be­wer­ber und Bür­ger­kriegs­flücht­lin­ge aus dem ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­en. Die Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung (LpB) be­zif­fert den „Wan­de­rungs­sal­do“zwi­schen 1988 und 1993 in Ba­den-Würt­tem­berg auf plus 370000 Men­schen.

„Flücht­lings­kri­se“: Krieg, Ver­fol­gung und Ar­mut lie­ßen die Zahl der Asyl­su­chen­den 2015 so an­schwel­len, dass von ei­ner „Flücht­lings­kri­se“ge­spro­chen wird. Zu Asyl­be­wer­bern vom Bal­kan ka­men ab Sep­tem­ber im­mer mehr Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en, aber et­wa auch aus dem Irak und Af­gha­nis­tan. Ba­den-Würt­tem­berg nahm 2015 laut LpB 185 000 Men­schen auf, von de­nen knapp 98000 ei­nen Asyl­an­trag stell­ten. Die Schlie­ßung der Bal- brems­te den Zustrom: Im Jahr 2016 ka­men 56 000 Flücht­lin­ge ins Land.

Hei­mat­ta­ge 2017 in Karls­ru­he: Wie ist es ums „Wir-Ge­fühl“in Zei­ten der Wan­de­rung be­stellt? Und braucht Hei­mat über­haupt noch ei­ne geo­gra­fi­sche Ver­or­tung, wenn sich vie­le Leu­te oh­ne­hin am liebs­ten in di­gi­ta­len Wel­ten tum­meln? Die Groß­stadt Karls­ru­he will bei den Hei­mat­ta­gen 2017 neue We­ge ge­hen und The­men wie „Hei­mat im Wan­del“und „Hei­mat im Netz“in den Fo­kus rü­cken. Was frei­lich nicht be­deu­tet, dass Men­schen, die Hei­mat vor al­lem mit Tradition und Brauch­tum ver­bin­den, leer aus­ge­hen: Es wird viel Bo­den­stän­di­ges ser­viert, ehe am 9./10. Sep­tem­ber die Hei­mat­ta­ge mit den Lan­des­fest­ta­gen aus­klin­gen und Trach­ten­ver­bän­de aus dem gan­zen Land in Karls­ru­he zu Hoch­form auf­lau­fen.

Fo­to: avs/Uli Deck

In Be­we­gung kom­men sol­len nicht nur die Rie­sen­rä­der vor dem Karls­ru­her Schloss: Bei den ges­tern of­fi­zi­ell er­öff­ne­ten Hei­mat­ta­gen will die jun­ge Groß­stadt neue We­ge ge­hen – mit The­men wie „Hei­mat im Wan­del“oder „Hei­mat im Netz“.

Fo­to: Ima­go/Hett­rich

Zu den äl­tes­ten Kunst­wer­ken der Welt ge­hört das Wild­pferd­chen, das in der Vo­gel­herd­höh­le im Lo­ne­tal in Ba­den-Würt­tem­berg ge­fun­den wur­de. Hier ist ei­ne ver­grö­ßer­te Nach­bil­dung der im Ori­gi­nal nur 4,82 Zen­ti­me­ter gro­ßen Skulp­tur aus Mam­mu­tel­fen­bein zu se­hen.

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