Die an­de­re Welt

Um­ge­stürz­te Bäu­me, mo­dern­des Holz: Un­ter­wegs im Bann­wald Wil­der See

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Die Region - Patri­cia Klatt

Der Ab­stieg zum Wil­den See ist wie der Ein­tritt in ei­ne an­de­re Welt. Ein schma­ler Pfad führt im wahrs­ten Sin­ne über Stock und St­ein und auf den ers­ten Blick in das rei­ne Cha­os. Um­ge­stürz­te Bäu­me, mo­dern­des Holz, fri­sches Moos, graue Fich­ten­säu­len – und al­les un­auf­ge­räumt. „Seit 1911 ent­schei­det hier nur die Na­tur al­lei­ne über Wer­den und Ver­ge­hen und heu­te gibt es ne­ben Lich­tun­gen schat­ti­ge Be­rei­che, man fin­det wirk­lich al­te Baum­rie­sen ge­nau­so wie jun­ge nach­wach­sen­de Pflan­zen“, er­klärt Char­ly Ebel, Lei­ter des Fach­be­reichs Be­su­cher­infor­ma­ti­on im Na­tio­nal­park. Ebel führt schon seit vie­len Jah­ren Be­su­cher­grup­pen durch den Bann­wald Wil­der

Jeg­li­che Nut­zung des Wal­des ist ver­bo­ten

See und lässt die Leu­te im­mer qua­si al­lei­ne, nur mit Sicht­kon­takt zum Vor­gän­ger, hin­un­ter­lau­fen. „Das Er­geb­nis ist al­ter­s­un­ab­hän­gig“, er­klärt Ebel, „die Be­su­cher emp­fin­den die Stil­le und die ver­meint­li­che Ein­sam­keit auf ei­ne ganz be­son­de­re Art und Wei­se an­ge­nehm und den Wald im­mer als licht, of­fen und po­si­tiv, nie als un­or­dent­lich oder chao­tisch“. Vor mehr als 100 Jah­ren wur­de das Ge­biet um den Wil­den See zum Bann­wald er­klärt, in dem jeg­li­che Nut­zung per Rechts­ver­ord­nung ver­bo­ten ist. Da­mit ist die grund­sätz­li­che Fra­ge eng ver­bun­den, wie viel Wild­nis wir uns leis­ten wol­len, was soll im Vor­der­grund ste­hen, der Wald als Kul­tur­land­schaft oder sind wir be­reit da­zu, sich die Na­tur auch frei von mensch­li­chem Ein­wir­ken ent­wi­ckeln zu las­sen? Äl­te­re Bäu­me ge­hö­ren in den heu­ti­gen Wäl­dern zu den Aus­nah­men. Da­bei kön­nen Bu­chen bis zu 500 Jah­re und Tan­nen so­gar bis 600 Jah­re alt wer­den. Sol­che al­ten Wäl­der fin­det man aber in al­ler Re­gel nur noch dort, wo sich ei­ne Nut­zung durch den Men­schen nicht ge­lohnt hat oder wo ei­ne Nut­zung schlicht­weg nicht mög­lich war. Der mut­maß­lich äl­tes­te Bu­chen­wald Deutsch­lands, die „Hei­li­gen Hal­len“, liegt in Meck­len­burg-Vor­pom­mern und wur­de be­reits 1850 vom Groß­her­zog Ge­org von Meck­len­burg-St­re­litz „als für al­le Zei­ten zu scho­nen“ge­schützt. „Durch die Ein­rich­tung des Na­tio­nal­parks im Schwarz­wald hat sich der Bann­wald selbst na­tür­lich nicht ver­än­dert, aber er hat ei­ne grö­ße­re Puf­fer­flä­che da­zu be­kom­men. Das hilft zum Bei­spiel dem Drei­ze­hen­specht, den es schon im Bann­wald gab und der sich nun von dort aus wei­ter aus­ge­brei­tet hat. Auch die Zi­tro­nen­gel­be Tra­me­te gibt es si­cher nicht we­gen des Na­tio­nal­parks, aber man hat sie we­gen der sys­te­ma­ti­schen Un­ter­su­chun­gen durch die My­ko­lo­gen jetzt nach­wei­sen kön­nen“, er­klärt Marc För­sch­ler, Lei­ter der Ab­tei­lung für Öko­lo­gi­sches Mo­ni­to­ring, For­schung und Ar­ten­schutz im Na­tio­nal­park. Span­nend sei nun die Fra­ge, ob sich die­ser Pilz nun auch im Na­tio­nal­park aus­brei­te, so För­sch­ler. Bann­wäl­der bil­den ein dy­na­mi- sches Mo­sa­ik aus al­ten, mit­tel­al­ten und jun­gen Wald­be­rei­chen. In al­ten oder ab­ge­stor­be­nen Bäu­men zim­mern Spech­te ih­re Brut­höh­len, als Nach­mie­ter zie­hen Sper­lings­und Rau­fuß­kauz oder Fle­der­maus, Gar­ten­schlä­fer und Baum­mar­der ein. Um­ge­stürz­te Bäu­me bil­den die Le­bens­grund­la­ge für ei­ne Viel­zahl von Spe­zia­lis­ten. Bak­te­ri­en, Pil­ze, Flech­ten zer­set­zen ver­mo­dern­des Holz, das auch der Le­bens­raum für eben­falls hoch spe­zia­li­sier­te Glie­der­füß­ler ist, rund ein Vier­tel der hei­mi­schen Kä­fer­ar­ten lebt di­rekt oder in­di­rekt da­von. Um­ge­stürz­te Bäu­me schaf­fen aber auch of­fe­ne Flä­chen, auf de­nen Hei­del­bee­ren wach­sen kön­nen, die vom Au­er­huhn ge­fres­sen wer­den. Und sie schaf­fen De­ckung, zum Bei­spiel wie­der­um für das am Bo­den brü­ten­de Au­er­huhn. „Stö­run­gen sind hier re­la­tiv sel­ten und die Be­su­cher blei­ben in der Re­gel auch auf den We­gen – ei­gent­lich ha­ben sie auch kaum ei­ne an­de­re Wahl, denn an­sons­ten ist an ein Durch­kom­men ei­gent­lich kaum zu den­ken“, so För­sch­ler. Pro­ble­me ha­be man eher mit Hun­den, die nicht an­ge­leint sind oder auch mit Fo­to­gra­fen auf der Su­che nach dem besten Mo­tiv.

Wer Glück hat, sieht oder hört hier auch den Drei­ze­hen­specht. Fo­to: Wal­ter Fink­bei­ner

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