Dick­schä­del vom Ober­rhein

Der Mai­kä­fer ist wie­der da: Der Brum­mer mit den brau­nen Flü­geln

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Sonntagskinder - Tan­ja Ka­sisch­ke

In Gr­a­ben-Neu­dorf ge­fällt es ihm in der Re­gi­on am besten – die Re­de ist vom Mai­kä­fer. Jetzt ist sein Mo­nat an­ge­bro­chen und wenn es däm­mert, sind die Brum­mer mit den brau­nen Flü­geln und dem Za­cken­mus­ter an der Sei­te des Kör­pers mun­ter un­ter­wegs. Die Ober­rhein­ebe­ne, auch der Nor­den des Land­krei­ses Karls­ru­he, ist auf­grund des mil­den Kli­mas ein pri­ma Le­bens­raum für die In­sek­ten. Nicht al­le (mensch­li­chen) Be­woh­ner freut ihr Auf­tau­chen. In die­sem Jahr ist der Mai­kä­fer-An­sturm aber ver­mut­lich ge­rin­ger. Al­le vier Jah­re ist ein kräf­ti­ges Mai­kä­fer­jahr (wie 2016), zu er­war­ten. Das er­gibt sich aus der Ent­wick­lung der Tiere. Sie dau­ert vier Jah­re! Wenn ein Mai­kä­fer ge­schlüpft ist, brei­tet er nicht et­wa die Flü­gel aus und summt los. Er hat noch gar kei­ne. Der künf­ti­ge Kä­fer äh­nelt eher ei­ner Rau­pe oder Ma­de. Mai­kä­fer­lar­ven hei­ßen En­ger­lin­ge, der Name ist das alt­hoch­deut­sche Wort für „Würm­chen“. Die Mai­kä­fe­rin legt zu­vor ih­re Eier in ei­ne Erd­mul­de. Sind die En­ger­lin­ge da, ver­gra­ben sie sich wie­der im Bo­den, um zu fres­sen und zu wach­sen. Beim Bud­deln hilft ih­nen ihr di­cker, har­ter Kopf. Zit­tern müs­sen sie nur vor Maulwurf, Igel, Spitz­maus und Frosch, ih­ren Fress­fein­den. En­ger­lin­ge er­näh­ren sich von Pflan­zen­wur­zeln. Drei Jah­re lässt sich die Lar­ve Zeit, zu fut­tern, ehe sie sich ver­puppt. Das heißt, sie rührt ei­ne Art Teig aus dem Lehm im Bo­den an, der beim Trock­nen zu ei­nem har­ten Ko­kon wird. Der En­ger­ling ver­kriecht sich dar­in und ver­schließt des­sen Öff­nung, um un­ge­stört zum Kä­fer wer­den zu kön­nen. Nach sechs bis acht Wo­chen ist es so­weit, doch in­zwi­schen ist der Som­mer fast vor­bei. Der neue Mai­kä­fer muss sich noch ein­mal ei­nen Win­ter lang ge­dul­den und im Bo­den ver­gra­ben blei­ben. Im vier­ten Le­bens­jahr fliegt er aus – so­bald es wie­der warm ist. Mai­kä­fer hei­ßen die In­sek­ten aber nicht nur des­halb. Der Name hat noch ei­ne an­de­re, ziem­lich trau­ri­ge Be­deu­tung. Mai­kä­fer ster­ben schon nach we­ni­gen Wo­chen, ihr Le­ben fin­det fast nur im Mai statt. Sie ver­brin­gen ihr kur­zes Le­ben da­mit, zu fres­sen und sich zu paa­ren. Förs­tern oder Obst­bau­ern ist das kur­ze Da­sein der Dick­schä­del al­ler­dings recht, je län­ger sich ein Mai­kä­fer mit gro­ßem Ap­pe­tit über ei­nen Baum her­macht, des­to mehr Scha­den rich­tet das drei Zen­ti­me­ter gro­ße In­sekt an. Wäh­rend En­ger­lin­ge Wur­zeln ab­fres­sen, ver­spei­sen die Kä­fer das Laub. Bei- des fehlt dem Baum, um Nähr­stof­fe und Son­nen­licht auf­neh­men zu kön­nen. Weil Mai­kä­fer scha­ren­wei­se auf­tau­chen, sor­gen sie teil­wei­se für rie­si­ge Zer­stö­run­gen im Wald. Das passt gar nicht zu ih­rem nied­li­chen Aus­se­hen. Mai­kä­fer ha­ben ei­ne in­ter­es­san­te Flug­tech­nik: Zu­erst pumpt der Kä­fer über die Ate­m­öff­nun­gen an der Kör­per­sei­te Luft in sei­nen Kör­per. Dann hebt er ab und nutzt die brau­nen Deck­flü­gel als Trag­flä­chen, die dar­un­Er­wach­se­ne ter lie­gen­den, dün­nen Haut­flü­gel als An­trieb, ähn­lich den Pro­pel­lern oder Tur­bi­nen ei­nes Flug­zeugs. Schnell fliegt der Mai­kä­fer nicht, mit ge­müt­li­chen acht Ki­lo­me­tern Tem­po pro St­un­de brummt er durch die Däm­me­rung. Oder: Sie. Mai­kä­fe­rin­nen er­kennt man dar­an, dass ih­re An­ten­nen­füh­ler ei­ne La­mel­le mehr ha­ben, als die der Männ­chen: Sie­ben Stück. Bei den Män­nern sind es nur sechs.

Der Mai­kä­fer und sei­ne Freun­de wol­len sich auf ei­ner Pflan­ze nie­der­las­sen und ein „Baum­haus“bau­en, doch mit dem Auf­tau­chen der Spin­ne ha­ben sie nicht ge­rech­net. Die Zeich­ne­rin Car­son El­lis er­zählt in ih­rem schö­nen Bil­der­buch „Wazn teez?“ei­nen Som­mer aus In­sek­ten­sicht und hat sich ei­ne wit­zi­ge Fan­ta­sie­spra­che aus­ge­dacht. Das deu­tet der Ti­tel an: „Wazn teez?“heißt „Was ist das?“Ab­bil­dung: Car­son El­lis/Nor­dSüd

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.