Ma­jes­tä­ti­scher Rie­se

Der Mount Dena­li do­mi­niert das Herz von Alas­ka

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Reise & Urlaub -

Der Über­gang von Stadt zu Wild­nis er­folgt ab­rupt und ohne flie­ßen­den Über­gang. Aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve ist der Schnitt zwi­schen Zi­vi­li­sa­ti­on und Ein­sam­keit be­son­ders gut aus­zu­ma­chen. Ge­ra­de noch sind wir in ei­ner vier­sit­zi­gen Cess­na 185 vom Mer­rill Fiel in An­cho­r­a­ge ab­ge­ho­ben. Alas­kas größ­te Stadt (fast 300 000 Ein­woh­ner) ist ma­le­risch ein­ge­säumt, vom Meer im Cook In­let ei­ner­seits und von den schnee­be­deck­ten Chu­gach Moun­ta­ins an­de­rer­seits. Wir ma­chen grü­ne Parks und sa­phir­blaue Stadt­se­en aus, und die brei­ten Ave­nues, die schnur­ge­ra­de par­al­lel zu­ein­an­der durch Down­town ver­lau­fen, schei­nen di­rekt ins Meer zu mün­den. Doch schon we­ni­ge Mei­len wei­ter nörd­lich ist Schluss mit Stadt und Stra­ßen, Au­tos und Men­schen. Un­ter uns tut sich ei­ne grü­ne Wald-, Sumpf-, Fluss- und Se­en­land­schaft auf. In ei­ner Wald­lich­tung er­spä­hen wir ei­nen Schwarz­bär, der sei­nen Kopf in den Na­cken wirft und sich über die­sen ko­mi­schen Vo­gel da oben zu wun­dern scheint. Die bei­den El­che da­ge­gen, die knie­hoch in ei­nem Fluss ste­hen, schei­nen un­be­ein­druckt. Fast naht­los ist der Über­gang zum ewi­gen Eis. Wie aus dem Nichts er­hebt sich ein ge­wal­ti­ges, ver­glet­scher­tes Berg­mas­siv aus der Ebe­ne, bis es uns ohne Vor­war­nung wie ein Blitz trifft. Ins Au­ge sticht der schöns­te, ma­jes­tä­tischs­te Berg, den wir ge­se­hen ha­ben, im glei­ßen­den Licht der Abend­son­ne wirkt er wie in Ro­tgold ge­taucht: der Dena­li, der mit 6 190 Me­tern höchs­te Gip­fel Nord­ame­ri­kas. Vie­len ist der Ber­g­rie­se bes­ser be­kannt als Mount McKin­ley. Doch Ex-US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma hat dem Berg an­läss­lich sei­nes Be­such in Alas­ka im Herbst 2015 den Ur­ein­woh­ner­na­men Dena­li – der Gro­ße – zu­rück­ge­ge­ben. Pi­lot Ga­ry dreht ei­ne paar Run­den über dem Dena­li. Was für ein wei­ßer Gi­gant! Mäch­tig und über al­lem er­ha­ben. Ent­lang ei­nem Grat kön­nen wir ein ei­ne Amei­sen­ket­te aus­ma­chen – ein Ex­pe­di­ti­ons­team auf dem wei­ten Weg zum Gip­fel. Mit­te Ju­ni ist die Hoch­sai­son der Dena­li-Be­stei­gun­gen noch voll im Gang. Rund 2 000 Al­pi­nis­ten aus al­ler Welt ver­su­chen je­des Jahr den Gip­fel­sturm auf den käl­tes­ten Berg der Welt. Nur knapp die Hälf­te schafft es, ob­wohl die staat­li­che Per­mit-Ver­ga­be si­cher­stellt, dass nur er­fah­re­ne Ex­tre­mal­pi­nis­ten grü­nes Licht be­kom­men. Wir lan­den in Tal­keet­na, ei­nem sym­pa­thi­schen Nest mit Hip­pie-Flair am Fu­ße der Ber­ge. Zur Berg­stei­ger­sai­son im Mai je­doch er­wacht es mit ei­nem Pau­ken­schlag aus dem Tief­schlaf. In den blu­men­ge­schmück­ten Stra­ßen wim­melt es von Al­pi­nis­ten und Busch­pi­lo­ten, die die Berg­stei­ger zum Dena­li-Ba­sis­la­ger flie­gen. Auch für Tou­ris­ten ist Tal­keet­na mit sei­nem bun­ten Völk­chen in die­sen Wo­chen ein eben­so quir­li­ges wie at­trak­ti­ves Be­su­cherziel. Auch wenn sie kei­ne Am­bi­tio­nen ha­ben, den Dena­li mit Seil, Pi­ckel und Steig­ei­sen zu er­obern, star­ten hier un­zäh­li­ge Busch­flie­ger zu Rund­flü­gen. Man kann die ma­le­ri­sche Flüs­se-Se­en-Wäl­der­re­gi­on süd­lich von Dena­li auch bei ei­ner ra­san­ten Jet­boot-Tour auf den Flüs­sen Tal­keet­na, Chu­lit­na und Su­sit­na er­kun­den. Im­mer wie­der taucht hin­ter ei­ner Fluss­bie­gung der Ber­g­rie­se auf, was für ent­rück­te „Aaaahs“oder „Wows“sorgt. Aber auch das Ufer soll­te man nicht aus dem Au­ge las­sen, denn die Chan­cen, Bä­ren oder El­che zu se­hen, ste­hen gut. Wir che­cken in der Tak­leet­na Lodge ein, die trotz ih­rer be­acht­li­chen Grö­ße ein ge­müt­li­ches Block­haus-Am­bi­en­te aus­strahlt. Die Ter­ras­se ist der idea­le Logenplatz, um die im­mer fas­zi­nie­ren­der wer­den­den Leucht­zu­stän­de des Dena­li zu ver­fol­gen. Da­bei ist es be­reits weit nach Mit­ter­nacht! Die Dau­er­son­ne macht ir­gend­wie kir­re, wirkt wie ei­ne Par­ty­dro­ge. Doch ir­gend­wann macht sich doch Mü­dig­keit breit. Am nächsten Vor­mit­tag trei­ben wir in ei­nem Char­ter­boot auf dem Su­sit­na Ri­ver. Die An­gel­sai­son für Kö­nigs­lach­se hat ge­ra­de be­gon­nen. Als Kö­der dient ei­ne Trau­be von Lachs­ei­ern. Un­ser Gui­de Da­vid will mir nicht glau­ben, dass so et­was in deut­schen Su­per­märk­ten un­ter dem Na­men Lachs­ka­vi­ar für teu­res Geld ver­kauft wird. Für Hob­by­ang­ler aus al­ler Welt ist Alas­ka das Paradies schlecht­hin. Nir­gend­wo fin­det man bes­se­re Be­din­gun­gen vor als in dem rie­si­gen Land mit sei­nen drei Mil­lio­nen Se­en, 3 000 Flüs­sen und vie­len tau­send Ki­lo­me­tern Küs­ten­li­nie. Bei mir will kei­ner an­bei­ßen, aber mei­ne Mit­ang­ler zie­hen zwei Pracht­bur­schen mit 15 und 18 Ki­lo aus dem Was­ser. Der größ­te je ge­fan­ge­ne Kö­nigs­lachs ging in den 1990er Jah­ren ei­nem Ein­hei­mi­schen am Ke­n­ai Ri­ver an den Ha­ken. 44 Ki­lo schwer war der Re­kord­lachs. Im­mer wie­der krei­sen über uns Weiß­kopf­see­ad­ler, um sich plötz­lich wie ein St­ein ins Was­ser fal­len zu las­sen und mit ei­nem zap­peln­den Fisch in den Kral­len ab- zu­he­ben. Pech nur, wenn sie sich ein zu gro­ßes Ex­em­plar aus­su­chen. Dann kann es pas­sie­ren, dass der Ad­ler we­der ab­he­ben noch den Fisch frei­ge­ben kann. Kein Wun­der, dass Er­trin­ken bei Weiß­kopf­see­ad­lern die häu­figs­te nicht-na­tür­lich To­des­ur­sa­che ist. Ang­ler­glück hin oder her: Wer die wei­te Rei­se nach Alas­ka an­tritt, möch­te na­tür­lich die wil­den Tiere se­hen, für die der größ­te USBun­des­staat be­rühmt ist. Die größ­te Dich­te von Bär, Elch & Co. hat der Dena­li Na­tio­nal­park auf­zu­wei­sen – da ge­rät so­gar der all­ge­gen­wär­ti­ge Dena­li mal ins Hin­ter­tref­fen. In ei­nem Park-Bus – an­de­re Fahr­zeu­ge sind nicht er­laubt – geht es durch die men­schen­lee­re Tun­dra die­ses rie­si­gen Na­tio­nal­parks, der grö­ßer ist als Hes­sen. Nach­dem gut zwei Dut­zend Ka­ri­bus so­zu­sa­gen das Be­grü­ßungs-Spa­lier ge­bil­det hat­ten, über­quert nun ei­ne rie­si­ge Grizz­ly-Ma­ma mit drei Jun­gen die Stra­ße. Rund 400 Braun­bä­ren sol­len im Park le­ben. Die größ­te Braun­bä­ren-Dich­te in Alas­ka fin­det man al­ler­dings wei­ter im Sü­den auf Ko­di­ak Is­land und im Kat­mai Na­tio­nal­park. Ein Wolf scheint sich mit dem Bus ein Wett­ren­nen lie­fern zu wol­len. Er läuft im nied­ri­gen Bu­sch­werk be­stimmt zwei Ki­lo­me­ter ne­ben uns her, al­ler­dings ohne uns ei­nes Bli­ckes zu wür­di­gen, wäh­rend im Bus Dut­zen­de Ka­me­ras und Han­dys auf ihn ge­rich­tet sind. Auch ein Luchs wähnt sich als Al­lein­herr­scher der Park­stra­ße, auf der er ge­müt­lich ent­lang schlen­dert. Wir tu­ckeln ei­ne gan­ze Wei­le hin­ter ihm her, be­vor er in den Bü­schen ver­schwin­det. Hin­ter ei­ner Stra­ßen­bie­gung mel­det ER sich schließ­lich zu­rück: Der Dena­li im strah­lend-glei­ßen­den Licht der Nach­mit­tags­son­ne.

Naht­lo­ser Über­gang in das ewi­ge Eis

Zu­rück zum Ur­sprung: Prä­si­dent Oba­ma gab dem Mount McKin­ley in Alas­ka sei­nen ur­sprüng­li­chen Na­men zu­rück. Der Mount Dena­li ist der höchs­te Berg Nord­ame­ri­kas. Fo­to: US Na­tio­nal Park Service

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