Holger Han­sel­ka: Der Mann an der Spit­ze des KIT

„Re­for­ma­ti­on mit Hin­der­nis­sen“er­zählt vom Über­le­ben ei­ner Min­der­heit in Ba­den-Ba­den

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Erste Seite - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

Ba­di­sche Kon­fes­si­ons­ge­schich­te kurz ge­fasst: Ba­den-Ba­den war ka­tho­lisch, Ba­den-Dur­lach evan­ge­lisch. So sagt man über die Zeit der ba­di­schen Tei­lung von 1535 bis 1771. Und im Gro­ßen und Gan­zen stimmt das auch. Doch wie so oft: Wenn man ge­nau­er hin­schaut, merkt man, dass al­les viel kom­pli­zier­ter ist, als es zu­nächst aus­sieht. Aber auch span­nen­der. Dass Ba­den-Ba­den durch­aus nicht „im­mer stock­ka­tho­lisch“war, er­fährt man in ei­ner klei­nen, aber fei­nen Son­der­aus­stel­lung im Stadt­mu­se­um Ba­denBa­den. Sie heißt „Re­for­ma­ti­on mit Hin­der­nis­sen“und be­leuch­tet das Schick­sal der Evan­ge­li­schen in der Kur­stadt von Lu­thers Zei­ten vor 500 Jah­ren bis in die von öku­me­ni­schem Elan be­flü­gel­te Ge­gen­wart. Auf In­ter­es­se stieß der neue Glau­ben in der Mark­graf­schaft Ba­den schon bald nach der Ver­öf­fent­li­chung von Lu­thers The­sen. Evan­ge­li­sche Pre­di­ger wie der in Ett­lin­gen ge­bo­re­ne Fran­zis­kus Ire­ni­cus ver­brei­te­ten die neu­en Ide­en in der Re­si­denz­stadt Ba­den-Ba­den, be­reits

1525 wur­den Pries­ter­ehen er­laubt

1525 wur­den Pries­ter­ehen er­laubt. Auch nach der Lan­des­tei­lung 1535 sym­pa­thi­sier­ten et­li­che Mark­gra­fen von Ba­den-Ba­den mit der Re­for­ma­ti­on – Phi­li­bert et­wa. Der in Bay­ern er­zo­ge­ne Mark­graf blieb of­fi­zi­ell zwar zeit­le­bens Ka­tho­lik. Doch von der Klau­sel des Augs­bur­ger Re­li­gi­ons­frie­dens „Wer re­giert, be­stimmt die Re­li­gi­on“mach­te er kei­nen Ge­brauch: Er ließ sei­nen Un­ter­ta­nen die Frei­heit, selbst über ih­re Kon­fes­si­on zu ent­schei­den und er­laub­te evan­ge­li­sche Got­tes­diens­te in der Spi­tal­kir­che Ba­den-Ba­den. Als er 1569 starb, hat­ten die Pro­tes­tan­ten in der Be­am­ten­schaft so­gar die Mehr­heit. Frei­lich gab es un­ter Phi­li­berts Nach­fol­gern auch ka­tho­li­sche Hard­li­ner, die bru­tal ge­gen Evan­ge­li­sche vor­gin­gen. End­gül­tig zur Bas­ti­on der Ge­gen­re­for­ma­ti­on wur­de Ba­den-Ba­den aber erst im frü­hen 17. Jahr­hun­dert un­ter Mark­graf Wil­helm. Der setz­te auf die Über­zeu­gungs­ar­beit von Je­sui­ten und Ka­pu­zi­nern. Wi­der­spens­ti­ge Un­ter­ta­nen be­kehr­te er je­doch not­falls mit Ge­walt. In sei­ner Re­gie­rungs­zeit gab es ei­ne Wel­le der He­xen­ver­fol­gun­gen – auf­fäl­lig vie­le Op­fer wa­ren als An­hän­ge­rin­nen des evan­ge­li­schen Glau­bens be­kannt. Un­ter ih­nen war An­na Wein­hag, de­ren Ge­schich­te in der Aus­stel­lung nä­her be­leuch­tet wird: Die Frau ei­nes Ba­den-Ba­de­ner Rats­mit­glieds hat­te den schrift­lich ge­be­ten, sie nicht zur Be­keh­rung zu zwin­gen. Bald dar­auf wur­de sie als He­xe de­nun­ziert, durch­litt al­le Gra­de der Fol­ter und muss­te zu­letzt 52 St­un­den auf dem Wach­stuhl aus­hal­ten. Ein Ge­ständ­nis leg­te sie trotz al­ler Qua­len nicht ab. Sie ent­ging dem Tod auf dem Schei­ter­hau­fen, wur­de aber un­ter Haus­ar­rest ge­stellt. „Frau­en spie­len in der Re­for­ma­ti­on ei­ne viel grö­ße­re Rol­le, als man ge­mein­hin denkt. Des­we­gen war es mir wich­tig, ei­ni­ge vor­zu­stel­len“, sagt Aus­stel­lungs­ku­ra­tor Al­bert de Lan­ge. For­schungs­schwer­punkt des in Karlsruhe le­ben­den Kir­chen­his­to­ri­kers sind ei­gent­lich die Wal­den­ser. Trotz­dem ha­be er gleich „Ja“ge­sagt, als er vor ei­nem Jahr ge­fragt wur­de, ob er die Aus­stel­lung ma­chen wür­de: „Ich in­ter­es­sie­re mich für die Ge­schich­te von re­li­giö­sen Min­der­hei­ten. Es gab in Ba­den-Ba­den 500 Jah­re lang ei­ne evan­ge­li­sche Min­der­heit. Und es hat mich in­ter­es­siert, wie die­se Min­der­heit über­le­ben konn­te.“Seit Mark­graf Wil­helm sah es frei­lich nicht so aus, als ob der Pro­tes­tan­tis­mus in Ba­denBa­den nur die ge­rings­te Chan­ce auf ei­ne neue Blü­te hät­te – und dar­an än­der­te sich bis 1771 we­nig. In die­sem Jahr starb die ka­tho­li­sche Li­nie des Hau­ses Ba­den aus und die Mark­graf­schaf­ten wur­den un­ter dem lu­the­ri­schen Karl Fried­rich von Ba­den-Dur­lach wie­der­ver­ei­nigt. Der spä­te­re ers­te Groß­her­zog pfleg­te ei­ne to­le­ran­te Glau­bens­po­li­tik: „Aber sei­ne To­le­ranz wur­de von den Bür­gern Ba­den-Ba­dens zu­nächst über­haupt nicht ge­schätzt“, sagt de Lan­ge. Die Ge­gen­re­for­ma­ti­on hat­te gan­ze Ar­beit ge­leis­tet: Ba­den-Ba­den war tief ka­tho­lisch. Dass es 1832 in Ba­den-Ba­den doch zur Grün­dung ei­ner evan­ge­li­sche Ge­mein­de kam, lag nicht zu­letzt an den Kur­gäs­ten, die in die Som­mer­haupt­stadt Eu­ro­pas ström­ten. Den Pro­tes­tan­ten un­ter ih­nen konn­te man kaum zu­mu­ten, sich zum Sonn­tags­got­tes­dienst nach Gerns­bach zu be­ge­ben. So nut­zLan­des­herrn te man die Spi­tal­kir­che für Got­tes­diens­te mit, ehe 1864 die evan­ge­li­sche Stadt­kir­che ein­ge­weiht wur­de. Jetzt wa­ren die Evan­ge­li­schen un­über­seh­bar wie­der da. Heu­te stel­len sie knapp 20 Pro­zent der Ein­woh­ner, wäh­rend noch rund 40 Pro­zent der Ba­denBa­de­ner als Ka­tho­li­ken ge­führt wer­den. Und Lu­ther? Der war nie in Ba­den-Ba­den. Doch ein ei­gen­hän­dig von ihm ge­schrie­be­nes Ma­nu­skript zählt mit ei­nem Ori­gi­nalB­rief von Melanchthon zu den Prunk­stü­cken der Aus­stel­lung. Ein Mu­si­ker, der einst die Kur­gäs­te er­freu­te, hat Ba­den-Ba­den die Pre­zio­sen ver­macht.

Kur­gäs­te brach­ten den Pro­tes­tan­tis­mus zu­rück

Bild: Fak­si­mi­le, Hen­ri-Arn­aud-Haus, Ötisheim-Schö­nen­berg.

Schlaf­ent­zug als Fol­ter­me­tho­de: Auf­fäl­lig vie­le Evan­ge­li­sche wur­den in Ba­den-Ba­den der He­xe­rei an­ge­klagt – so auch An­na Wein­hag, die 1627 al­le Gra­de der Fol­ter durch­litt. Die Fol­ter­sze­ne „Wach­stuhl“stammt aus ei­nem 1676 in Ams­ter­dam ge­druck­ten Buch.

Bild: Stadt­mu­se­um/-archiv Ba­den-Ba­den

Ba­den-Ba­dens Evan­ge­li­sche Stadt­kir­che wur­de erst 1864 im Bei­sein des Groß­her­zo­gen­paa­res ein­ge­weiht. Die Darstel­lung aus „Il­lus­tra­ti­on de Ba­de 1864“(Aus­schnitt) zeigt Pastor Han­sen (links) und Prä­lat Holtz­mann so­wie „weiß­ge­klei­de­te Jung­frau­en bei­der Con­fes­sio­nen“.

Fo­to: Da­vid Holl­stein

Por­trait von Lu­ther in der Evan­ge­li­schen Stadt­kir­che in Ba­den-Ba­den. Dort wer­den auf Glas­ma­le­rei­en von Franz Xaver Eg­gert aus dem Jahr 1862 zu­dem die Re­for­ma­to­ren Melanchthon, Zwing­li und Calvin ge­zeigt.

Fo­to: Stadt­mu­se­um/-archiv Ba­den-Ba­den

Ori­gi­nal-Un­ter­schrift von Mar­tin Lu­ther un­ter ei­nem Text von 1527, der sich mit der Abend­mahls­leh­re be­fasst. Ein in Ba­den-Ba­den tä­ti­ger Mu­si­ker hat der Kur­stadt das Ma­nu­skript über­las­sen.

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