Lie­ber kei­ne Kö­ni­gin

Der Sonntag (Mittelbaden) - - Aktuell - An­net­te Bor­chardt-Wen­zel

„Schon klei­ne Mäd­chen träu­men da­von, ei­ne Prin­zes­sin zu sein“, heißt es bei den Staat­li­chen Schlös­ser und Gär­ten (SSG). Ver­mut­lich stimmt das so­gar. Weil Prin­zes­sin­nen an­geb­lich reich sind und schön und an der Seite ei­nes hüb­schen Prin­zen oder ei­nes mäch­ti­gen Kö­nigs glück­lich le­ben bis an ihr En­de. Ja, die Mär­chen … Am heu­ti­gen Mut­ter­tag wol­len die SSG es auch er­wach­se­nen Frau­en er­mög­li­chen, die­se Fan­ta­sie aus­zu­le­ben: Be­su­che­rin­nen kön­nen – so­fern sie an­ge­mel­det sind oder Ter­mi­ne frei sind – für ein Fo­to im Ah­nen­saal des Re­si­denz­schlos­ses Ras­tatt thro­nen, an­ge­tan mit ei­ner präch­ti­gen ba­ro­cken Ro­be. „Füh­len Sie sich an die­sem Tag als Kö­ni­gin – auch wenn es nur für ei­nen Mo­ment ist!“, preist die Schloss­ver­wal­tung das Mut­ter­tags­an­ge­bot. Al­so – nichts ge­gen gu­te Ide­en, die da­zu bei­tra­gen, Be­su­cher ins se­hens­wer­te Ras­tat­ter Schloss zu lo­cken. Aber es stellt sich doch die Fra­ge: Ist es wirk­lich er­stre­bens­wert, Kö­ni­gin zu sein? Ei­ne ba­ro­cke noch da­zu? Ein­ge­zwängt ins ri­gi­de Kor­sett ei­nes hö­fi­schen Ze­re­mo­ni­ells? Als blut­jun­ge Prin­zes­sin ver­hei­ra­tet zu wer­den an ei­nen Mann, den die El­tern aus­ge­sucht ha­ben? Bei dem kei­ner fragt, ob er sym­pa­thisch ist oder ein Wi­der­ling – Haupt­sa­che, die Hei­rat passt un­ter po­li­ti­schen und dy­nas­ti­schen Aspek­ten? Sich an ei­nem frem­den Hof be­din­gungs­los an des­sen Ge­bräu­che an­zu­pas­sen? Al­le per­sön­li­chen Be­dürf­nis­se den Re­prä­sen­ta­ti­ons­pflich­ten un­ter­zu­ord­nen und mög­lichst schnell Söh­ne zu ge­bä­ren, auf dass die Dy­nas­tie wei­ter­be­ste­he? Die Kin­der gleich nach der Ge­burt ab­zu­ge­ben an Am­men und Er­zie­her, die zum kö­nig­li­chen Nach­wuchs oft ei­ne viel lie­be­vol­le­re Be­zie­hung ent­wi­ckel­ten als die El­tern? Im­mer huld­voll zu ni­cken und freund­lich zu lä­cheln, selbst wenn man mit ei­nem De­s­po­ten wie dem preu­ßi­schen Sol­da­ten­kö­nig zu­sam­men­le­ben muss? Der hat nicht nur sei­ne Kin­der miss­han­delt, son­dern auch die Kö­ni­gin ra­bi­at „in Zucht ge­hal­ten“: weil Frau­en „an­sons­ten ih­ren Män­nern auf der Na­se her­um­tan­zen“. Kö­ni­gin zu sein hat­te ent­schie­den Schat­ten­sei­ten – und die Re­geln, nach de­nen Fürs­tin­nen anno­da­zu­mal leb­ten, sind al­les an­de­re als er­stre­bens­wert für heu­ti­ge Frau­en. Was Müt­ter, die Spaß am Ver­klei­den ha­ben, je­doch kei­nes­wegs hin­dern soll­te, sich im Kreis ih­rer Lie­ben im Ras­tat­ter Schloss fo­to­gra­fie­ren zu las­sen. Ein mär­chen­haf­ter Mut­ter­tag sei ih­nen ge­gönnt. Haupt­sa­che, sie wer­den im All­tag von ih­ren Träu­men nicht ein­ge­holt.

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